Kalkutta

Modi geht gegen Mutter Teresas Schwestern vor

Indien will den „Missionarinnen der Nächstenliebe“ Millionen-Spenden aus dem Ausland für die Ärmsten der Armen abdrehen.
Armut in Indien
Foto: Bikas Das (AP) | Seit 1950 sind die von Mutter Teresa gegründeten Missionarinnen der Nächstenliebe in Indien jeden Tag im selbstlosen Einsatz für die Ärmsten der Armen.

Ungeachtet des überaus amikalen Empfangs, den Papst Franziskus dem hindu-nationalistischen Regierungschef Indiens, Narendra Modi, Ende Oktober im Vatikan bereitete, ungeachtet auch der warmherzigen Einladung nach Indien, die Modi – lange ersehnt – an den Papst aussprach, setzt die Regierung in Delhi ihren harten Kurs gegen die Christen fort. Jetzt versucht Indiens Innenministerium offenbar, die ausländischen Spenden an den von Mutter Teresa gegründeten Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ (MC) auf dem Verwaltungsweg zu unterbinden.

Am Montag teilte das Innenministerium in Delhi mit, dass der Antrag der „Missionaries of Charity“ auf Erneuerung der sogenannten FCRA-Registrierung am 25. Dezember abgelehnt wurde, weil einige Zulassungsbedingungen nicht erfüllt worden seien. Der FCRA (Foreign Contribution Regulation Act) bezieht sich auf finanzielle Zuwendungen aus dem Ausland; eine Registrierung ist obligatorisch, um legal Gelder aus dem Ausland zu erhalten.

Es seien „einige nachteilige Beiträge bemerkt“ worden, darum erfülle die Organisation nun die „Eignungskriterien“ für die Annahme ausländischer Gelder nicht mehr, hieß es aus dem Innenministerium vage.

Ein Affront gegen das Werk von Mutter Teresa

Indische Medien wie „The Indian Express“ weisen darauf hin, dass die Regierung die FCRA-Regeln mehrfach verschärfte, um sich eine Handhabe gegen Nichtregierungsorganisationen zu verschaffen. Der „Indian Express“ kommentiert: „Die Aktion gegen die Missionarinnen der Nächstenliebe, die vor dem Hintergrund von Angriffen auf Kirchen und Weihnachtsfeiern in mehreren von der BJP regierten Bundesstaaten und einem Anti-Konversionsgesetz erfolgt, das die Besorgnis unter den Minderheiten in Karnataka geschürt hat, sendet ein beunruhigendes Signal.“

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Wie mehrere indische Medien, so meinte am Montagmorgen auch die Ministerpräsidentin des indischen Bundesstaates Westbengalen, Mamata Banerjee, alle Bankkonten der Missionarinnen der Nächstenliebe in Indien seien eingefroren worden. Banerjee, die in Kalkutta geboren wurde und hier auch residiert, ist Vorsitzende der westbengalischen Partei „All India Trinamool Congress“ (AITC) und gilt als eine der einflussreichsten Gegnerinnen von Premierminister Modi. Sie zeigte sich „schockiert“ über die Entscheidung, die nach ihrer Einschätzung zehntausende Menschen um Nahrung und Medikamente bringen wird.

Ganz ähnlich äußerte sich Surjya Kanta Mishra von der Kommunistischen Partei Indiens (CPI). Der mehrmalige Finanz- und Innenminister Palaniappan Chidambaram meinte, die Christen seien das neue Ziel der Regierung Modi. Nichts könne schockierender sein, als den Missionarinnen der Nächstenliebe ausländische Spenden zu verweigern. „Dies ist die größte Beleidigung der Erinnerung an Mutter Teresa, die ihr Leben der Pflege der Armen und Elenden Indiens gewidmet hat“, so der Parlamentarier. Von einem „grausamen Weihnachtsgeschenk“ der Regierungsbehörden für die Ärmsten der Armen sprach der Generalvikar der Erzdiözese Kalkutta, Pater Dominic Gomes.

Ordensleitung hält sich alle Optionen offen

Die mit öffentlichen Erklärungen traditionell eher zurückhaltenden Missionarinnen der Nächstenliebe bestätigten am Montag, dass ihr Verlängerungsantrag für die FCRA-Registrierung – und damit für den straffreien Erhalt ausländischer Spenden – abgelehnt wurde. Gleichzeitig heißt es in der Erklärung diplomatisch: „Wir möchten klarstellen, dass die FCRA-Registrierung der Missionarinnen der Nächstenliebe weder ausgesetzt noch aufgehoben wurde. Darüber hinaus gibt es keine vom Innenministerium angeordnete Sperrung für eines unserer Bankkonten. Wir wurden darüber informiert, dass unser FCRA-Erneuerungsantrag nicht genehmigt wurde.“ Sicherheitshalber habe man alle Niederlassungen angewiesen, die entsprechenden Konten nicht zu nutzen, „bis die Angelegenheit geklärt ist“.

Möglicherweise will sich die Ordensleitung in Kalkutta damit alle Optionen für weitere Verhandlungen mit den Behörden offenhalten. Jedenfalls erspart sie dem Innenministerium einen Gesichtsverlust auch für den Fall, dass die Entscheidung vom 25. Dezember nochmals revidiert oder zumindest relativiert wird.
Offenkundig ist jedoch seit Jahren, dass die hindu-nationalistische BJP-Regierung unter Premierminister Narendra Modi gezielt gegen vermeintliche ausländische Einflüsse vorgeht, wozu sie in ihrem hinduistischen Fanatismus auch die christlichen Organisationen rechnet. Aber auch säkularen Hilfswerken, die ausländische Spendengelder erhalten, machten die Behörden Schwierigkeiten und froren ihre Konten ein, darunter Greenpeace India und Amnesty International.

Wachsende Feindseligkeit gegen Christen in Indien

Nur etwa 2,3 Prozent der knapp 1,4 Milliarden Einwohner Indiens bekennen sich zum Christentum. Während radikale Hindufanatiker immer wieder Christen mit Gewalt zur „Bekehrung“ zum Hinduismus zwingen, verbieten in immer mehr indischen Bundesstaaten strenge Gesetze den Übertritt von Hindus zu anderen Religionen. Diese Anti-Konversionsgesetze werden nun offenbar zur gesetzlichen und propagandistischen Waffe gegen die Schwestern von Mutter Teresa.
Mitte Dezember nämlich hatte die Polizei im Bundesstaat Gujarat – aus dem Premier Modi stammt – Ermittlungen gegen die MC eingeleitet, nachdem eine Hindu-Gruppe den Schwestern in einer Anzeige die „Verletzung religiöser Gefühle von Hindus“ sowie erzwungene Konversionen vorwarf. Hindu-Mädchen seien in einem Kinderheim gedrängt worden, christliche Texte zu lesen, ein Kreuz zu tragen und am christlichen Gebet teilzunehmen, hieß es.

Für den österreichischen Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner kommt diese Entwicklung „nicht unerwartet“. Sie sei das Ergebnis der hindu-nationalistischen Politik des amtierenden Premierministers Narendra Modi, die mit einer „atemberaubenden Christenfeindlichkeit“ einhergehe, so Wallner gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpress. Pater Karl Wallner zeigte sich entsetzt, dass die Christenfeindlichkeit in Indien im Westen nicht zur Kenntnis genommen werde: „Der Westen ist hier auf einem Auge blind und agiert naiv.“

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