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Amerikas Fiasko im Orient

Vor 20 Jahren marschierte die „Koalition der Willigen“ im Irak ein: George W. Bush zerstörte nicht nur das System Saddam Husseins, sondern Washingtons Ansehen in der arabischen Welt und die Existenzgrundlagen der Christen im Zweistromland.
George W. Bush
Foto: DoD Handout/D. Myles Cullen (dod) | Als er aus dem Amt schied, war der Irakkrieg noch lange nicht beendet: US-Präsident George W. Bush bei einer Rede im Irak vor amerikanischen Soldaten 2005.

Die Terrorakte vom 11. September 2001 bedeuteten so etwas wie eine „Zeitenwende“ der US-amerikanischen Außenpolitik. Doch was der außenpolitisch völlig ahnungslose Präsident George W. Bush daraus machte, wurde zu einem multiplen Fiasko. Das weltweite Prestige seines Vaters, der als Vizepräsident (1981-89) und Präsident (1989-93) eine andere Statur gezeigt hatte als sein Junior, aber auch die steile Karriere vom Alkoholiker zum wiedererweckten Christen, trübten den Blick mancher, auch frommer Beobachter, auf den restlos überforderten Mann im Weißen Haus.

Der Papst ließ sich zu keinem Zeitpunkt blenden: Johannes Paul II. warnte in leidenschaftlichen Appellen vor dem Krieg. Bestens über die Lage im Mittleren Osten informiert, wusste der Papst genau um die fragile Lage der Minderheiten im Zweistromland. Den flehentlichen Bitten der irakischen Bischöfe unterschiedlicher Konfession gab Johannes Paul II. eine weltweit vernehmbare Stimme.

George W. Bush hörte nicht auf den Papst. Mit gefälschten „Beweisen“, erlogenen Gründen, verheimlichten Interessen und undurchdachten Zielen schlugen Amerika und seine Verbündeten vor genau zwei Jahrzehnten – in der Nacht vom 19. auf 20. März 2003 – gegen den Irak zu. Saddam Hussein war schnell besiegt, sein System rasch zerschlagen, aber an den Folgen der US-geführten Invasion leiden der Irak, die Christen im Orient und die Weltpolitik bis heute.  

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Katastrophe für die Christen im Orient

Weitsichtigen Beobachtern – darunter Papst Johannes Paul II. – war von Anfang an klar, dass „Demokratie“ in dieser Region der Welt zur Diktatur der ethnischen oder religiösen Mehrheit über Minderheiten führen würde, dass die ethnischen und religiösen Minderheiten diskriminiert, verfolgt und vertrieben werden würden, und auch, dass der Hass auf Amerika sich an den irakischen Christen entladen würde. Das angestammte, auf die Apostel zurückreichende Christentum im Zweistromland hat heute nur mehr im kurdischen Norden des Landes eine sichere Heimat. Die Verfolgungs- und Terrorwellen des sunnitischen „Islamischen Staates“ waren ebenso eine Folge des Einmarschs wie die schiitische Dominanz.

George W. Bush hat ein Unrechtssystem beseitigt, in dem die Christen irgendwie überleben konnten, und ein Chaos geschaffen, in dem es (abgesehen von Kurdistan) keine Überlebenschance für Christen mehr gibt. In Bagdad ringen nun pro-iranische und anti-iranische Schiiten um die Macht, das Land versinkt im Chaos und alle regionalen Nachbarn weiden sich daran, dass das US-amerikanische Experiment fulminant gescheitert ist. Der Krieg, den George W. Bush vor 20 Jahren begann, wurde zur Katastrophe für die Christen im Orient und zum Fiasko für Amerikas Ansehen in der arabischen Welt.

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Stephan Baier Apostel Christen Islamischer Staat Johannes Paul II. Päpste Saddam Hussein

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