Augsburg

Schuster: AfD und soziale Netze haben Mitschuld an Antisemitismus

Die AfD breche bewusst Tabus, indem sie die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiere, so der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Deren jüngste Wahlerfolge frustrierten ihn.

Josef Schuster zu Antisemitismus
Schuster kritisiert, dass man nur nach herausragenden Negativereignissen wie etwa dem Anschlag auf die Synagoge in Halle verstärkt über Antisemitismus spreche. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sind die AfD wie auch die sozialen Netzwerke schuld an einem immer offener zutage tretenden Antisemitismus. Die AfD breche bewusst Tabus, indem sie die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiere. Und in den sozialen Netzen würden ungefiltert Verschwörungstheorien, Falschaussagen und Lügen verbreitet. Dies erklärt der 65-Jährige im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“.

"Menschen trauen sich,
das zu sagen, was sie sich
lange Zeit nicht getraut haben"
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Schuster kritisiert, dass man nur nach herausragenden Negativereignissen wie etwa dem Anschlag auf die Synagoge in Halle verstärkt über Antisemitismus spreche. Tatsächlich sei aber festzustellen, dass Antisemitismus wieder offener geäußert werde. „Menschen trauen sich, das zu sagen, was sie sich lange Zeit nicht getraut haben.“ In den vergangenen Monaten und Jahren seien rote Linien verschoben worden, und aus Worten Taten geworden.

Die jüngsten Wahlerfolge der AfD frustierten ihn, so der in Würzburg praktizierende Arzt weiter. Das eigentlich Erschreckende sei, dass die AfD in Bundesländern Erfolge verzeichne, denen es wirtschaftlich gar nicht schlecht gehe. „Ich fühle mich ein bisschen an das erinnert, was mein Vater (Jahrgang 1910) oft gesagt hat: Wenn sich Große Koalitionen bildeten, verspürte er in Erinnerung an die Weimarer Republik immer ein Unbehagen. Ihn trieb die Sorge um, dass dadurch die Ränder gestärkt werden.“ Er habe das Gefühl, so Schuster, dass man sich heute in einer ähnlichen Situation befinde.

Kampf gegen Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Der deutschen Justiz wirft Schuster vor, mit antisemitischen Bedrohungen zu zahm umzugehen. „Ich erinnere an den Molotow-Angriff auf die Synagoge in Wuppertal, der als Ausdruck des Protestes gegen die israelische Politik als Sachbeschädigung geahndet wurde.“ Wenn eine Synagoge angegriffen werde, sei das kein Ausdruck einer politischen Meinung, sondern Antisemitismus.

Darüber hinaus erzählt er von einem Brief des Polizeipräsidenten von Dortmund, der ihm „schon fast verzweifelt entschuldigend“ geschrieben habe, dass er die Demonstrationen von Rechten mit eindeutig antisemitischen Aussagen nicht verbieten könne. „Äußerungen wie ,Nie wieder Israel' seien eine persönliche Meinungsäußerung, hieß es.“

Den Kampf gegen den Antisemitismus sieht Schuster nicht nur als Aufgabe von Justiz und Polizei, sondern als Aufgabe der Gesamtgesellschaft. Er rufe deshalb zu Zivilcourage auf. „Jeder von uns hat es doch schon erlebt, dass im Freundeskreis oder im Kollegenkreis dumme Sprüche gemacht wurden – antisemitisch, rassistisch, fremdenfeindlich, frauenfeindlich.“ Wer das hört, sollte hergehen und sagen: "Weißt du eigentlich, was du da gesagt hast?" Da könne man eine ganze Menge machen.

DT/mlu

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