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80 Jahre nach SED-Gründung: Braucht die SPD Geschichtsunterricht?

Vor 80 Jahren wurden SPD und KPD in der sowjetisch besetzten Zone zur SED zwangsvereinigt. Warum erinnert kaum jemand daran? Der SPD könnte es helfen, Profil zu gewinnen, gerade in der Hauptstadt.
Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder
Foto: IMAGO/Sepp Spiegl (www.imago-images.de) | Die Generation Schröder und Lafontaine (hier im Jahr 1994) – obwohl beide ja mittlerweile in ziemlich kritischer Distanz zu ihrer alten Partei – hat das Geschichtsbewusstsein der SPD von heute nachhaltig geprägt.

Mit ihrer Geschichte hat die SPD eigentlich keine Probleme. Normalerweise schwelgt sie geradezu in ihr. Das ist auch verständlich: Die SPD kämpft damit, bei Wahlen noch zweistellige Ergebnisse zu erzielen, mit Blick auf ihr eigenes Lebensalter ist sie hingegen längst sicher dreistellig: Am 23. Mai 1863 wurde mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) der Startschuss für die deutsche Sozialdemokratie gesetzt. Der vereinigte sich dann 1875 mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei, die sich dann ab 1890 schließlich Sozialdemokratische Partei Deutschlands nannte.

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Keine andere Partei verfügt über so ein langes Gedächtnis, das bis in die Anfangsjahre des Kaiserreichs zurückreicht. Das Zentrum existiert zwar auch noch, aber es spielt auf der großen politischen Bühne seit mindestens sechs Jahrzehnten keine Rolle mehr. Dieses Geschichtsbewusstsein war immer die andere Seite eines Selbstbewusstseins: Die SPD versteht sich – in vielerlei Hinsicht auch völlig zu Recht – nicht nur als Vorkämpferin der Demokratie, sondern auch als Verteidigerin. Die Rede, die Otto Wels 1933 im Reichstag gehalten hat, um für die SPD als einzige Fraktion das Ermächtigungsgesetz der Nazis abzulehnen, löst auch heute noch bei allen Sozialdemokraten Emotionen aus, egal welchem Flügel sie auch angehören mögen.

Ein Jahrestag, der so gut wie überhaupt keinen Widerhall findet

Umso mehr fällt auf, dass ein Jahrestag nun so gut wie überhaupt keinen Widerhall in der Partei findet: Vor 80 Jahren wurde in der damaligen sowjetisch besetzten Zone die dortige SPD mit der KPD zur SED zwangsvereinigt. Gewiss, manche Sozialdemokraten in der Ostzone hegten damals durchaus Zuversicht. Sie freuten sich, dass nun die deutsche Arbeiterbewegung doch gemeinsam „Seit an Seit“ der goldenen Zukunft entgegenschreite. Die große Mehrheit aber lehnte diesen Schritt ab. Tausende Sozialdemokraten wurden schon vorher von den sowjetischen Besatzern schikaniert, massiv unter Druck gesetzt oder auch verhaftet. Nicht wenige flüchteten schließlich in die Westzonen, um diesen Repressionen zu entgehen.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Kurt Schumacher, der große SPD-Mann der ersten Nachkriegsjahre, sprach deswegen mit Blick auf die Kommunisten ganz bewusst von den „rotlackierten Faschisten“. Helmut Kohl griff diesen Begriff Anfang der 90er-Jahre wieder auf, in seiner Auseinandersetzung mit der damaligen PDS. Der Kanzler wurde dafür scharf angegriffen. Das zeigt, dass es auch schon damals, gut drei Jahrzehnte ist es her, wenig Verständnis für die totalitäre Gewalt gab, die vom SED-Regime ausgegangen war. Geschweige denn, dass es ein großes Bedürfnis gab, den Opfern zu gedenken.

Und gerade die ja sonst eben so geschichtsbewusste SPD hat diese Erinnerung spätestens im Zuge der sogenannten „Neuen Ostpolitik“ immer mehr an den Rand gedrängt. Höhepunkt dieser Entwicklung war sicherlich das gemeinsame Papier zwischen SPD und SED 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall. Es war die Zeit, in der der junge Gerhard Schröder über Erich Honecker als einen „zutiefst redlichen Mann“ schwadronierte und später zusammen mit Oskar Lafontaine gegen die Wiedervereinigung polemisierte.

Was heißt eigentlich sozialdemokratisch? 

Die Generation Schröder und Lafontaine – obwohl beide ja mittlerweile in ziemlich kritischer Distanz zu ihrer alten Partei – hat das Geschichtsbewusstsein der SPD von heute aber nachhaltig geprägt. Bei Willy Brandt, der ja viele Jahre Regierender Bürgermeister der Frontstadt West-Berlin war und dort nicht ohne Grund damals satte absolute Mehrheiten erzielte, war das noch anders. In seiner Jugend selbst ein Linksabweichler, wusste er um die Gefahr, die der Sozialdemokratie droht, wenn sie keine klare Scheidelinie nach links zieht. Aber der SPD-Übervater ließ die Alt-Jusos machen. Und heute weiß in der sozialdemokratischen Führungsriege wohl kaum noch jemand etwas von dem Freiheitskampf ihrer Genossen in der Ostzone.

Dabei könnte ihnen die Erinnerung dabei helfen, glaubwürdig zu formulieren, was sozialdemokratisch eigentlich heißt – und was eben nicht. Die Sozialdemokraten jedenfalls, die in der Frontstadt Berlin große Erfolge einfuhren, waren nicht nur „Kommunistenfresser“, sie waren auch in erster Linie Interessenvertreter des kleinen Mannes. Sie wussten, welche Sorgen die Männer in den Betrieben umtrieben, wo finanziell der Schuh drückte. Nichts konnte ihnen ferner liegen als Marxismus. Überhaupt Ideologie. Viele von ihnen fremdelten schon Ende der 60er-Jahre mit ihrer Partei. Einige traten aus, andere fanden Zuflucht bei den „Kanalarbeitern“ (dem heutigen „Seeheimer Kreis“).

Zu dieser Volkstümlichkeit hat die SPD in Berlin nie wieder zurückgefunden. Im September will die Partei dort die Abgeordnetenhauswahl bestehen. „Pragmatismus“ ist für die Sozis dort längst zu einem Begriff geworden, der höchstens in die Museumsvitrine gehört. Das ist natürlich auch eine Art von Geschichtsbewusstsein.

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Sebastian Sasse SPD Sozialistische Einheitspartei Deutschlands

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