Der Mann geht fort, die Frau klagt. Immer das alte Lied. Krankheit, Arbeitslosigkeit, Suff – das geht immer im Kreis, elf Kinder hat sie gehabt, fünf leben, die Großen sterben weg und es kommen immer wieder Kleine.“ Deutlicher hätte die Künstlerin Käthe Kollwitz (1867–1945) kaum die Probleme von Frauen in Armut auf den Punkt bringen können. Die Ausstellung „Kollwitz neu sehen“ in Köln signalisiert, dass die Abtreibungsdebatte damals wie heute um ähnliche Probleme kreist: klassische Partnerschaftskonflikte oder die Sorge, einem Kind nicht gerecht werden zu können. Die Bilder der Kollwitz – die inneren Kämpfe der Frauen lassen sie nur erahnen.
Zeichnungen wie etwa „Beim Arzt“, eine Kreidelithografie von 1920, auf der eine schwangere und müde Frau an der Tür einer Arztpraxis klopft, prangern die soziale Not von Müttern an. Lebensschützer heute räumen dem Lebensrecht des Ungeborenen den entscheidenden Rang ein – und kämpfen auch um die materielle Unterstützung werdender Mütter. Dass eine Gesellschaft das Lebensrecht des Ungeborenen sozial flankieren muss: damals zur Kollwitz-Zeit kein echtes Politikthema.
Linke Ideologie verdrängte das Christliche
Die Kollwitz-Ausstellung umfasst an die 100 Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen. Und am Ende bleibt der Eindruck einer verletzten Mahnerin. Erste Berühmtheit erlangte Käthe Kollwitz durch ihren Zyklus „Ein Weberaufstand“, der 1906 ursprünglich in der „Deutschen Heimarbeit Ausstellung“ gezeigt werden sollte und den die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria aufgrund der politischen Brisanz ablehnte. Der Tod von Sohn Peter an der belgischen Front schon im ersten Kriegsjahr markiert eine Zäsur im Werk der Käthe Kollwitz. Fortan widmete sie sich den sozial Schwachen, dem sogenannten „Proletariat“, den Frauen und Kindern.
Sie setzte sich für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 ein. Moralisch-politisch war das aus ihrer Sicht geboten. Linke Ideologie hatte das Christliche in ihrem Denken verdrängt. Und dennoch: Als Inspirationsquelle blieb der Glaube ihrer Kindheit im Werk lebendig. Schlendert man durch das Museum im vierten Geschoss am Kölner Neumarkt, scheint diese Prägung immer wieder durch. Etwa bei der „Betrauerung Liebknechts“ (1919), die als Apotheose des ermordeten Sozialisten unverkennbar an eine russische Ikone mit der „Beweinung Christi“ erinnert. Oder auch ihre berühmte Plastik „Mutter mit totem Kind“: Kollwitz nannte sie sogar „ihre Pietà“. Den Bezug zu christlicher Symbolik wollte sie eher nicht wahrhaben. Zum einen betont sie, dass sie ihre Plastik „nicht religiös verstanden“ wissen wolle. Zum anderen sei vor allem ihr gefallener Sohn Peter dargestellt, der auf ihren Knien ruhe. Mit seinen 18 Jahren war er nur wenig älter als die Schüler, die sich gerade an diesem Vormittag im lichtdurchfluteten Museum an Kunstanalyse versuchen. Die Pietà der Kollwitz: Heute steht sie als deutlich vergrößerte Kopie in Schinkels Neuer Wache in Berlin Unter den Linden, der zentralen deutschen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Graues Blau rahmt Bilder und Kunstwerke, hebt sie von den weiß gestrichenen Wänden ab. Drei Halbwüchsige sitzen vor dem Bild, auf dem „Nieder mit dem Abtreibungsparagrafen“ steht. Einer von ihnen schreibt Antworten zu den Fragen auf seinem Collegeblock, die anderen grübeln. Welche Gedanken mögen ihnen zwischen Reflexion und Betroffenheit in den Sinn kommen?
Der Wunsch nach Enkelkindern blieb
Künstler werden von ihrem Umfeld geprägt. Im Fall Käthe Kollwitz war es der Widerspruch zwischen Christentum und Sozialismus, der sie von Kindesbeinen an begleitete. Großvater Julius Rupp versuchte, ihr christliche Werte zu vermitteln. Die Ehe mit dem „Armenarzt“ Karl Kollwitz ließ sie endgültig zur Sozialistin werden. Über ihn sagten Freunde anerkennend: „Der Arzt kam, die Rechnung nie.“ Der 1863 in Rudau im Samland (heute Oblast Kaliningrad, Russland) geborene Karl Kollwitz war allerdings in seinem Arztberuf auch Teil der staatlich finanzierten Armenfürsorge. Yury und Sonia Winterberg schildern in ihrer 2015 erschienenen Kollwitz-Biografie, dass die Stadt Berlin Ende der 1880er-Jahre sechzig sogenannte Armenärzte mit einem Jahrespauschalgehalt von 1.350 Mark besoldete.
Am Ende des Museumsbesuchs bleibt sie offen, die Frage nach der Kollwitz als einer Pionierin im Kampf um echte oder vermeintliche Frauenrechte. Das Plakat für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) „Nieder mit dem Abtreibungsparagrafen“ spricht nur scheinbar eine klare Sprache. Aber genau über dieses Auftragswerk bemerkt sie im August 1923 in ihrem Tagebuch lapidar: „Ich habe das Plakat ‚Nie wieder Krieg!‘ für den Internationalen Gewerkschaftsbund und das kleine Plakat gegen den Abtreibungsparagrafen, das die Kommunisten bei mir bestellt haben, fertig gemacht und ich habe das befriedigte Gefühl, versprochene Arbeit geleistet zu haben.“ Klassenkampf klingt anders, wenn er von innen kommt. Über die Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter, der Frau ihres zweiten Sohnes Hans, schreibt sie im Oktober 1920: „Doch wünsche ich sehr, dass sie zusammenblieben und auch Kinder hätten. Kinder – nicht nur ein so einzelnes nicht gewolltes Kind – nein, gewollte Kinder.“ Es waren damals dieselben Fragen, dieselben Befürchtungen und dieselben Wünsche wie heute. Selbstbestimmung und Familienplanung kontra Lebensrecht: Die Sicherheit im Mutterleib, sie galt schon zur Kollwitz-Zeit als verhandelbar – und blieb es bis heute.
Die Ausstellung ist bis zum 15. März 2026 im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zu sehen.
Der Co-Autor schreibt für die „Jungen Federn“.
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