60 Jahre ist es her, dass Papst Paul VI. mit der Apostolischen Konstitution „Paenitemini“ die Vorschriften der katholischen Kirche für die vorösterliche Fastenzeit neu geregelt hat. Wahrgenommen wurde diese Neuregelung, wie es scheint, vorrangig als eine Lockerung der bisherigen Fastenvorschriften; eher übersehen wurde dabei, dass der Papst den Bußcharakter der vorösterlichen Zeit nicht nur bewahrt, sondern sogar besonders betont wissen wollte. Nur acht Jahre später sah sich der damalige Bischof von Trier, Bernhard Stein, in seinem Fastenhirtenbrief zu der Mahnung veranlasst, das Fasten weiterhin ernst zu nehmen, „wenn der alte Mensch mit seinen Begierden und Leidenschaften, der in uns allen steckt, immer mehr sterben soll, damit der neue Christusmensch in uns leben und sich entfalten kann“.
Im Vergleich zu diesen Worten erscheint die Art und Weise, wie das Thema Fastenzeit heute in der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit präsentiert wird, geradezu als ein Paradebeispiel für ein Phänomen, das die Religionssoziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton als „moralistisch-therapeutischen Deismus“ (MTD) bezeichnet haben – eine Schwundstufe des Christentums, in der nicht mehr Gott im Mittelpunkt steht, sondern das seelisch-emotionale Wohlbefinden des Menschen. Nicht mehr um Umkehr und Buße soll es in der Fastenzeit gehen, sondern um „Achtsamkeit“ und darum, „frei zu werden für neue Gedanken und andere Verhaltensweisen“.
Modische Wellness-Spiritualität
Wie Max Goldt einmal schrieb: Wellness ist wie früher Fitness, nur dass jetzt auch die Seele mitmachen muss. Vorreiterin bei der Neuerfindung des aus der Mode gekommenen Fastens im Zeichen modischer Wellness-Spiritualität war ohne Zweifel die evangelische Kirche mit ihrer Fastenaktion „7 Wochen Ohne“, aber auch die katholische Kirche schwimmt fröhlich auf dieser Welle mit. Ein besonders bezeichnendes Beispiel ist die ökumenische „Klimafasten“-Aktion „So viel du brauchst“, die von mehreren evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern, der Evangelisch-methodistischen Kirche sowie den Hilfswerken Brot für die Welt und Misereor unterstützt wird – und deutlich macht, wie eng der „moralistische“ und der „therapeutische“ Aspekt des „moralistisch-therapeutischen Deismus“ miteinander zusammenhängen: Moralisch mit sich im Reinen zu sein, trägt eben auch zur spirituellen Wellness bei, oder wie unsere Altvorderen sagten: Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Ob die im Rahmen der „Klimafasten“-Aktion angeregten Verhaltensweisen effektiv dem Klimaschutz dienen, mag von Fall zu Fall fraglich sein, aber auf jeden Fall bescheren sie dem, der mitmacht, ein gutes Gefühl.
Auffällig ist nicht zuletzt, dass die modische Wellness-Spiritualität vorrangig auf ein „besserverdienendes“ Publikum zugeschnitten scheint: Konsumverzicht funktioniert eben desto besser, je mehr man normalerweise konsumiert. Aber vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass die steuerfinanzierten Großkirchen sich besonders um eine Klientel bemühen, von der ein hohes Steueraufkommen zu erwarten ist.
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