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Die SPD verabschiedet sich in die Geschichte

Wenn die Sozialdemokraten nicht begreifen, dass sie in einer tiefen Identitätskrise stecken, war es das mit ihnen.
Vizekanzler Lars Klingbeil
Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur | Ob er schon Altkanzler Gerhard Schröder am Apparat hat, um sich Tipps zu holen, wie er die SPD vor dem Niedergang retten könnte? Der Sozi-Parteivorsitzende und Vizekanzler Lars Klingbeil.

Es war einmal … Wenn man heute etwas über die SPD schreiben will, steht man schnell in der Versuchung, mit dieser Anfangsformel aus den Märchen zu beginnen. Aber sei’s drum: Es war einmal ein Bürgermeister im Ruhrgebiet. Der kam aus der Bergbau-Gewerkschaft, sein Vater war schon Bergmann. Auf die Realschule kam er nur – es musste noch Schulgeld gezahlt werden –, weil er eine Begabtenunterstützung erhielt. Die Bedingung: Er musste stets zu den fünf besten Schülern seiner Klasse gehören. Und nach dem Krieg stieg er dann politisch auf, wurde Bürgermeister seiner Heimatstadt und später Bundestagsabgeordneter. Und natürlich war er in der SPD. Sein Name war Horst Niggemeier.

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Von ihm, Jahrgang 1929, im Jahr 2000 gestorben, konnte man Sätze hören, die heute wahrscheinlich sofort einen Antrag auf Parteiausschluss seitens der Jungsozialisten nach sich ziehen würden. Niggemeier stand vehement zur Bundeswehr, sah in der Wehrpflicht eine staatsbürgerliche Pflicht. Er war für die Nachrüstung und den NATO-Doppelbeschluss. Engagierte sich für die Freundschaft zu Israel. Und war ein vehementer und lautstarker Kritiker jeglicher Bemühungen in der SPD, die Abgrenzung zu den Kommunisten oder dem linksextremistischen Rand zu lockern. Und in der Energiepolitik war Niggemeier, in den 80ern ganz klassisch, für einen Mix aus Kohle und Atomstrom. Dass er nichts, aber auch gar nichts von Koalitionen mit den Grünen hielt, versteht sich beinahe von selbst.

Vertrauen schuf das gleiche Arbeitsethos

Die Jusos waren natürlich schon damals links, der Unterschied zu heute: Diesen radikalen Gruppen stand ein starker Block von Sozialdemokraten in der Mitglieder- wie in der Anhängerschaft gegenüber, die so tickten wie Niggemeier. Und im SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt hatten sie einen Bundesgenossen. Diese Sozialdemokratie war in der Werkshalle wie an der Kneipentheke zuhause. Sie schaute nicht von außen auf die Lebenswelt ihrer Wähler, sie war deren tragende Säule.

Das zeigte sich weniger in kleinteiligen Diskussionen über Prozentpunkte bei Steuern oder Rente. Vertrauen schuf das gleiche Arbeitsethos: Es ging um genau jene Sekundärtugenden, die Oskar Lafontaine, heute ist er Ehemann und Unterstützter von Sahra Wagenknecht, als Eigenschaften diffamierte, mit denen man auch ein KZ leiten könne. Damit wollte der damalige SPD-Linksausleger genau diese Generation von Sozialdemokraten diskreditieren. Diese Lafontaine-Arroganz wirkt bis heute in den SPD-Funktionärsapparat hinein, überakademisiert und in Teilen trojanische Pferde der Grünen oder gleich der Linkspartei.

Es geht um Identität, nicht um das Herunterbeten von Spiegelstrichen

Und damit sind wir in der Gegenwart: Sicher, diese alte Arbeiterwelt gibt es nicht mehr, auch nicht im Ruhrgebiet. Aber die Menschen, die mit diesen Sekundärtugenden erzogen worden sind, entsprechend ihr Leben leben und nun ihre Kinder so erziehen, die gibt es immer noch. Sie werden heute von der SPD-Parteiführung „arbeitende Mitte“ genannt und manche von ihnen verdienen auch die von Lars Klingbeil beschworenen „3000 bis 4000 Euro“. Sie wollen aber nicht nur bloße Willensbekundungen und Versprechungen hören, wie sie jetzt nach den Wahldesastern in Stuttgart und Mainz von Klingbeil und Bas verbreitet wurden. Sie wollen endlich wieder Politiker, in deren Lebensstil sie sich wiederfinden können, wo sie abends beim Bier sagen: „Genau so denke ich auch.“

Wenn die SPD nicht begreift, dass es hier um Identität geht und nicht um das Herunterbeten von Spiegelstrichen aus dem Programm oder dem Koalitionsvertrag, wird sie sich langfristig aus der Geschichte verabschieden. Noch etwas zur Generation Niggemeier: Damals brachte der Soziologe Helmut Schelsky eine Formel in die Debatte, die sich auf die seit den 70ern reüssierenden linken Intellektuellen bezog. Diese agierten nach dem Motto: „Die Arbeit tun die Anderen.“ Genau diesen Eindruck hat die „arbeitende Mitte“ von der SPD-Funktionärskaste. Es reicht nicht, „Respekt“ auf ein Wahlplakat zu schreiben. Na dann, Glück auf.   

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Sebastian Sasse SPD

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