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Collien Fernandes und das Zwergenwerfen

Problem sind nicht pornografische Deepfakes. Das Problem ist Pornografie. Und eine sexualisierte Unterhaltungsindustrie, die sich an die eigene Nase fassen sollte, statt die Unschuld vom Lande zu spielen.
Moderatorin Collien Fernandes
Foto: IMAGO / Future Image | Collien Fernandes moderierte in jungen Jahren Dinge wie die VIVA-Sendung „Are u hot?“. Es gab da mal diesen Moment in der Geschichte. #metoo hieß er. Da hätte alles anders werden können. Ist es aber nicht.

„Digitale Gewalt“, lautet das neue Stichwort. Gemeint sind KI-gefälschte Pornos und ohne Wissen oder Zustimmung der Abgebildeten verbreitete sexualisierte Darstellungen. Die Plenardebatte im Bundestag zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen drehte sich ganz um dieses Phänomen, das durch den Fall Fernandes/Ulmen große Aufmerksamkeit erhält, auch wenn es keineswegs so neu ist, wie Justizministerin Hubig es klingen ließ.

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Umso auffälliger, dass auch während der aufgeheizten Debatte dort niemand den riesigen rosa Elefanten ansprach, der seit Tagen im (digitalen) Raum steht: die Pornoindustrie. Es müsse jetzt gegen pornografische Deepfakes und missbräuchlich verwendete Bilder vorgegangen werden, ist der allgemeine Tenor, denn da gehe es um die Erniedrigung von Frauen, männliche Dominanz, Macht und Kontrolle. Nur: Genau das – Erniedrigung und Sexualisierung von Frauen, männliche Dominanz – ist doch Markenkern gerade der völlig legalen Pornoindustrie (und, wenn wir schon mal dabei sind, auch der ebenso legalen Prostitution). Das Problem sind nicht erst die Fakes, das Problem ist das Original.

Linkes Dogma der sexuellen Selbstbestimmung

Es ist aber nun einmal linksfeministisches Dogma, dass die emanzipierte Frau alles darf, sogar sich freiwillig als Pornodarstellerin (oder GNTM-Teilnehmerin) zum Objekt der lüsternen Blicke und feuchten Fantasien anderer – meistens, aber nicht immer, von Männern – zu machen. Das Dogma der sexuellen Selbstbestimmung ist ein Grund, warum man aus ihren Reihen viel zu selten Kritik an der Pornografie überhaupt hört. 

Nun ist dank der Berichte von Aussteigerinnen aus Pornografie und Prostitution klar, dass Freiwilligkeit in diesen Berufssparten doch ein eher theoretisches Konzept ist. Die Realität sieht anders aus und hat sehr viel mit ganz realer sexueller Gewalt zu tun.

Pornografie entwürdigt alle Beteiligten

Noch grundsätzlicher ist etwas anderes: Pornografie entwürdigt alle Beteiligten, egal ob sie sich freiwillig dazu hergeben oder nicht. Denn es gibt so etwas wie Menschenwürde, und zwar eine, die auch ihrem eigenen Träger nicht gehört. Denn er teilt sie mit allen anderen Angehörigen der Menschheit. Konkret gesagt: Eine Frau, die an einem Pornofilm teilnimmt, auch wenn sie es freiwillig tut, entwürdigt nicht nur sich selbst, sondern trägt zu einem erniedrigenden Frauenbild bei. Sie zieht also auch andere Frauen in Mitleidenschaft. 

In Frankreich und in Deutschland gibt es zwei Grundsatzurteile aus den 90er-Jahren, die das sehr schön verdeutlichen: Die Urteile zum sogenannten „Zwergenweitwurf“. Damit ist eine Art der Volksbelustigung gemeint, bei der starke Männer andere, kleinwüchsige Männer möglichst weit zu werfen hatten. Das oberste Verwaltungsgericht in Frankreich (1995) und ein Verwaltungsgericht in Deutschland (1992) kamen zum selben Schluss: „Zwergenwerfen“ ist verboten, selbst wenn der betreffende kleinwüchsige Mensch freiwillig daran teilnimmt. Denn die Menschenwürde, deren Träger er ist, gehört ihm nicht. Sie ist auch ihm selbst gegenüber unverfügbar.

Ergötzung an sexueller Erniedrigung ist immer falsch

„Es geht um das Selbstbestimmungsrecht, um deinen eigenen Körper“, erklärte die Grünen-Vorsitzende Katharina Dröge mit Blick auf sexualisierte Deepfakes. Genau das ist der Punkt: Selbstbestimmung hat im Zeitalter des auf die extreme Spitze getriebenen Individualismus das Konzept der unveräußerlichen, allen Menschen gemeinsamen Menschenwürde verdrängt. 

Wer Frauenrechte und Co. nur durch das Prisma der Selbstbestimmung betrachtet, verkennt, dass niemand im luftleeren Raum schwebt, der Mensch ein soziales Wesen ist und Dinge, die man mit sich selbst anstellt, auch Auswirkungen auf andere haben. Nur wer das verkennt, kann es gleichzeitig normal finden, dass sich Menschen an sexueller Erniedrigung anderer ergötzen („legale“ Pornografie) und dann entsetzt sein, dass manche Grenzen verschwimmen.

Auch die Unterhaltungsindustrie trägt Mitverantwortung

Gleiches gilt übrigens für eine Unterhaltungsindustrie, die seit Jahrzehnten Frauen sexualisiert, auf ihr Aussehen reduziert, Grenzüberschreitungen akzeptiert und sexuelle Freizügigkeit bis in äußerste Formen zelebriert. Wo kommen sie denn wohl her, die sexistischen Äußerungen von Männern am Arbeitsplatz? Aus einer Unterhaltungsindustrie, an der auch Frauen mitgewirkt haben, die jetzt über Christian Ulmen indigniert sind wie die Unschuld vom Lande. „Who wants to fuck my girlfriend?“ ist der Titel einer Show, die Christian Ulmen 2013 produzierte. Wer hat damals wohl alles mitgelacht?

Auch Collien Fernandes moderierte in jungen Jahren Dinge wie die VIVA-Sendung „Are u hot?“. Es gab da mal diesen Moment in der Geschichte. #metoo hieß er. Da hätte alles anders werden können. Ist es aber nicht.

Pornokonsum wirkt sich auf Sexualverhalten aus

„Wir wissen, dass 30 Prozent der Männer unter 35 inzwischen Gewalt in Partnerschaften für akzeptabel halten“, erklärte Familienministerin Karin Prien in der Generaldebatte, „Wir müssen untersuchen, woran das liegt.“ Da braucht sie gar nicht das Rad neu erfinden, denn die Indizienbeweise sind erdrückend: Studien und Befragungen, die beispielsweise die Kommission für Jugendmedienschutz seit Jahren vorbringt, weisen nicht nur darauf hin, dass mittlerweile quasi jedes zweite elf- bis 13-jährige Kind bereits pornografisches Material gesehen hat, sondern dass es einen Zusammenhang zwischen Pornokonsum und missbräuchlichem Verhalten gibt. Und der Suchtfaktor ist riesig.

Die französische Sexologin Thérèse Hargot weist seit Jahren auf den Zusammenhang von Pornografie und Sexualverhalten bei Jugendlichen hin. Sie geht regelmäßig an Schulen und wird von 15-Jährigen mit Fragen konfrontiert wie „Darf ich meine Partnerin beim Sex würgen?“ oder „Muss ich seinen Penis in den Mund nehmen, auch wenn ich das nicht will?“

Pornosumpf ein für allemal austrocknen

Jetzt werden manche entgegnen: Genau deshalb brauche es eine Identifikationspflicht im Internet, damit Minderjährige nicht mehr an Pornos herankommen. Wer das meint, hat nur – mit Verlaub – nicht die geringste Ahnung davon, wie die digitale Welt funktioniert und wie sich Jugendliche ihre Informationen beschaffen. Sondern diese Stimmen sehen auch den Kern des Problems nicht, das nur mit einer vollständigen Ächtung der Pornografie gelöst werden kann: Mit welchem Argument soll man Minderjährigen bitte klarmachen, dass frauenverachtende, gewaltverherrlichende Pornos für sie nicht gut seien, für Erwachsene aber schon? Richtig, es gibt keins.

Das sind die Dinge, an die eine mutige Politik jetzt herangehen müsste: Statt flächendeckend die digitale Überwachung auch aller unbescholtenen Staatsbürger zu erhöhen, gehört endlich der Sumpf der Pornografie ausgetrocknet. Und am besten der der Prostitution gleich dazu.

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