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Der Bundestag und die Sterblichkeit

Der plötzliche Tod von Carsten Träger, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Umweltministerium, erschütterte den Bundestag über die Fraktionsgrenzen hinweg. Dieses „Memento mori“ hat offenbar viele Parlamentarier dazu gebracht, über Demut nachzudenken.
Carsten Träger verstorben
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ordnete nach dem Tod Carsten Trägers Trauerbeflaggung an und kondolierte der Familie.

Die Mahnung stand im alten Rom auf dem Trittbrett: „Bedenke, dass du sterblich bist“, flüsterte ein Sklave einem römischen Feldherrn dann in die Ohren, wenn der erfolgreiche Militärstratege den Höhepunkt seines Lebens zelebrieren konnte. Also genau dann, wenn er nach einem großen Sieg mit seinem Streitwagen im Triumphzug in die Hauptstadt des Imperiums einzog.

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Diese institutionalisierte Mahnung in Form eines abgestellten Sklaven, die gibt es heute nicht mehr. Die Gefahr jedoch, sich selbst für unsterblich zu halten und dementsprechend auch die eigene Bedeutsamkeit einzuschätzen, ist auch 2.000 Jahre später nicht gebannt. Freilich gilt das nicht nur für die Politik. Allerdings: Ein Metzgermeister, der von Hybris befallen ist, schadet vielleicht seinem Betrieb. Ein Politiker aber, der den Sinn für die Grenzen der eigenen Macht verliert, der kann tatsächlich zu einem Problem für die ganze Gesellschaft werden. Spielt die Reflektion über solche Fragen aber im hektischen Alltag der Hauptstadt überhaupt eine Rolle? Wie steht es um die Demut der Politiker?

Carsten Träger, Abgeordneter der SPD aus Fürth, verstorben
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Carsten Träger, Abgeordneter der SPD aus Fürth, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, ist völlig überraschend am vergangenen Wochenende gestorben.

Träger hinterlässt eine Frau und zwei Töchter

Den jüngsten Anlass darüber nachzudenken, gab ein trauriges Ereignis, das in den vergangenen Tagen viele Abgeordnete erschüttert hat. Carsten Träger, Abgeordneter der SPD aus Fürth, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, ist völlig überraschend am vergangenen Wochenende gestorben. Noch am Freitag vor einer Woche hatten ihn viele Kollegen im Bundestag gesehen, wenige Stunden später war er tot. Beim Skiurlaub in Innsbruck war der erst 52-Jährige überraschend zusammengebrochen. Die Anteilnahme war sofort groß – und zwar fraktionsübergreifend. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ordnete Trauerbeflaggung an und kondolierte der Familie. Träger hinterlässt eine Frau und zwei Töchter.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Aber auch viele Abgeordnete drückten ihre Trauer aus. Zum Beispiel Michael Brand. Der Fuldaer CDU-Abgeordnete, der so wie Träger Parlamentarischer Staatssekretär ist, allerding im Familienministerium, schrieb bei Facebook: „Noch am Freitagnachmittag hatte ich ein gutes Wochenende gewünscht – er freute sich auf das Skifahren am nächsten Tag in Tirol. Er war gut gelaunt und voll motiviert. Es war ein Schock, dass Carsten beim Skifahren am nächsten Tag einen Kollaps erlitten hat und dann unerwartet verstorben ist.“

Diese Reaktionen beweisen, dass auch Bundestagsabgeordnete Menschen sind. Es klingt selbstverständlich. Aber es gibt ja nicht umsonst die Schlagworte vom „Raumschiff Berlin“ oder der „Käseglocke“, unter der Politiker angeblich lebten. Viele Bürger haben den Eindruck, der politische Betrieb sei einfach abgekoppelt vom durchschnittlichen Alltagsleben. Aber Politiker haben die gleichen Probleme wie alle anderen Menschen auch. Und so wie Otto Meyer nachdenklich werden würde, wenn sein Bürokollege montags plötzlich nicht mehr zur Arbeit kommt, weil er tot ist, reagieren eben auch Abgeordnete.

Es gibt Freundschaften über Fraktionsgrenzen hinweg

Dieser Fall zeigt aber auch noch etwas anderes: Der Ton im Plenarsaal ist zwar in den vergangenen Legislaturperioden schärfer geworden. Trotzdem gibt es aber auch noch unter der Mehrheit der Parlamentarier so etwas wie Kollegialität. Ja sogar Freundschaften, gar nicht so wenige, bestehen über Fraktionsgrenzen hinweg.

Abgeordnete, Minister – sie alle sind Menschen wie jeder andere und keine Polit-Roboter. Freilich ist es mittlerweile notwendig, daran zu erinnern. Dazu gehört auch eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass in unserem politischen System eben nicht so eine institutionalisierte Mahnung wie im alten Rom notwendig ist. Politiker stehen hier nicht in der Gefahr, sich in gottgleichen Sphären zu wähnen. Allein schon weil sie wiedergewählt werden wollen, können sie nicht einfach abheben. Wer trotzdem der Hybris verfällt, der wird bestraft. Vom Leben selbst oder vom Wähler.          

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Sebastian Sasse Deutscher Bundestag

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