Finanzwelt

Wird die Europäische Zentralbank den Leitzins anheben?

Nach jahrelanger Zurückhaltung wird die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins jetzt anheben.
Zentrale der EZB
Foto: dpa | In der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main wurde die erste Leitzinserhöhung seit elf Jahren verkündet.

Mit dem Instrument des Leitzinses steuern Notenbanken die Nachfrage nach Kredit und versuchen hiermit auch Einfluss auf die Inflation zu nehmen – normalerweise. Doch die Finanz- und Eurokrise vor genau zehn Jahren hatte der damalige EZB-Präsident und heutige italienische Ministerpräsident Mario Draghi zum Anlass genommen, anzukündigen, er werde „alles“ tun, um den Euro zu retten. Als zentrales Instrument sah der Italiener die Senkung des Leitzinses und den Ankauf von Wertpapieren. So reduzierte die Europäische Zentralbank, ähnlich wie die Federal Reserve der USA den Leitzins immer wieder, im März 2016 gar bis auf null. Nun hat jedoch die Europäische Zentralbank (EZB) nach jahrelanger Zurückhaltung für den Monat Juli die erste Zinserhöhung seit elf Jahren angekündigt. Sie will auch ihre Anleihezukäufe Ende Juni beenden.

Ohne Draghi wäre der Euro längst Geschichte

Der Direktor der Bank für Kirche und Caritas, Richard Böger, findet die Entscheidungen Draghis auch beim Blick auf die heutige Situation richtig. „Ohne diese Politik wäre der Euro 2012 zerbrochen“, macht Böger deutlich. Länder wie Italien, aber wahrscheinlich auch Deutschland, wären in einer tiefen Rezession versunken. „Allerdings ist die Situation von damals mit der heutigen überhaupt nicht mehr zu vergleichen“, ergänzt der Ökonom. Die Inflationsrate im Euroraum sei über die Jahre hinweg immer extrem niedrig gewesen und mit dem Beginn der Corona-Pandemie im Jahre 2020 sogar in den negativen Bereich gerutscht. Diese deflationäre Tendenz habe sich dann 2021 beruhigt, die Wirtschaft sei wieder ans Laufen gekommen. „Und dann mussten wir plötzlich etwas erleben, was wir in Europa seit 50 Jahren nicht mehr kannten: eine echte realwirtschaftliche Knappheit“, skizziert Böger das Problem. Auf einmal habe es Probleme gegeben, zum Beispiel bei der Produktion von Halbleitern. Der Mangel an diesen Chips führt zu einer Belastung unterschiedlicher Branchen. Eine extreme Verknappung habe es auch im Bereich von Baumaterialien gegeben. Diese und viele andere Probleme hätten dann zu einem Anstieg der Inflation geführt.

Keine temporäre Entwicklung

Die Steigerung der Verbraucherpreise lag im Juni 2021 noch bei 2,3 Prozent, zu Beginn des laufenden Jahres bei etwa fünf Prozent. „Diese Lage haben die Zentralbanken zunächst als temporäre Entwicklung gesehen, auf die man nicht mit Zinsveränderungen reagieren müsse“, erläutert der Bankchef. Man sei davon ausgegangen, dass noch in 2022 wieder ein Absinken auf etwa zwei Prozent erfolgen werde. Tatsächlich stieg die Inflation in Deutschland im Mai auf 7,9 Prozent. „Die Energiepreise stiegen schneller als erwartet, die Lockdownpolitik in China belastete die Märkte und mit dem Beginn des Ukrainekrieges stiegen die Preise erneut stark an“, erläutert Böger – ein verhängnisvoller Teufelskreis.

Die amerikanische Notenbank hat inzwischen zum zweiten Mal in diesem Jahr den Leitzins erhöht. Sie reagiert damit auf die Rekordinflation von 8,5 Prozent in den Vereinigten Staaten im März 2022. Das ist die stärkste Erhöhung seit 22 Jahren. Danach wurden auch in Europa die Stimmen lauter, dass die EZB ebenfalls den Leitzins verändern müsse, um der Inflation im Euroraum Herr zu werden. Dort lag die Inflationsrate im März 2022 schließlich nur 1 Prozent unter dem US-Niveau.

Inflation steuern

Der Leitzins ist ein zentrales Instrument der Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) oder der Federal Reserve (Fed) in den USA, um die Wirtschaft zu beeinflussen. So können die Notenbanken indirekt auch die Inflation steuern – also die Teuerungsrate der Verbraucherpreise. Im Vergleich mit ihren internationalen Kollegen handelt EZB-Präsidentin Christine Lagarde allerdings eher schleppend. Jetzt hat sich die Chefin der Europäischen Zentralbank dazu aufgerafft, schon im Juli die Leitzinsen im Euroraum zu erhöhen, um die fortschreitende Geldentwertung einzudämmen. Für Ökonomen wie Richard Böger ist der Einlagenzins beim Blick auf die Zinsentwicklung übrigens der interessantere Maßstab als der Leitzins: Dieser Zins fällt für die Gelder an, die die Banken über Nacht auf dem Konto ihrer Zentralbank lagern.

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Dieser Einlagezins lag seit 2016 im negativen Bereich. Die minus 0,5 Prozent mussten die Banken als Strafzins zahlen, wenn sie es nicht schafften, ihr überschüssiges Geld als Kredit weiterzuvermitteln oder anderen Banken zu leihen. „Diese Minuszinsen werden voraussichtlich durch die EZB im September abgeschafft“, freut sich Böger. Er geht davon aus, dass dann die Weitergabe des Minuszinses an die Kunden im Bankgeschäft auch beendet sein wird. Die deutsche Tochter der niederländischen ING Group hat bereits jetzt angekündigt, dass ab dem 1. Juli die Freibeträge für Guthaben auf Giro- und Tagesgeld-Konten erhöht werden. Durch den Sprung von 50 000 auf 500 000 Euro als Bewertungsgrundlage, würden dann 99,9 Prozent ihrer Kunden von dem bisherigen Verwahrentgelt befreit, dass bei Beiträgen über 50 000 Euro bei 0,5 Prozent im Jahr lag. Böger geht sogar davon aus, dass der Einlagenzinssatz in mehreren Schritten im kommenden Jahr auf ein Prozent steigen werde. Bankkunden, deren Konto sich im Dispo befindet, müssen zudem höhere Dispo-Zinsen zahlen.

Nicht nur die Nullzinspolitik befeuert die Inflation

Er sieht, unabhängig von der Leitzinsentwicklung, erste Tendenzen, dass sich das Zinsniveau in unterschiedlichen Segmenten verändert. „So lag die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen noch im November bei minus 0,40, sie ist dann aber auf ein Niveau von plus 1,25 Prozent angestiegen“, berichtet der Bankdirektor. Noch deutlicher sei die Zinsentwicklung bei der Baufinanzierung: Bei einer zehnjährigen Zinsfestschreibung liege der Satz hier jetzt bereits bei 2,5 bis 2,7 Prozent. Vor einem Jahr sei man da noch deutlich unter einem Prozent gewesen.

Die Entwicklung der Inflation hänge, so der Ökonom, auch gar nicht so sehr von der Veränderung des Leitsatzes ab, sondern vielmehr davon, wie sich die Löhne entwickeln. „Wenn die Gewerkschaften nun alle 7,5 Prozent zum Ausgleich der aktuellen Inflationsrate bei den Lohnabschlüssen fordern, wird die Lohn-Preis-Spirale gewaltig ansteigen“, befürchtet Böger. Dann bleibe die Inflationsrate auch länger auf dem hohen Niveau. Durch die staatlichen Programme zur Abfederung der erhöhten Kosten, wie beispielsweise das Energiegeld, trage der Staat aktuell dazu bei, die Inflation, die bei den Bürgern ankommt, zu reduzieren. Wenn das von angemessenen Lohnabschlüssen begleitet werde und sich die Tarifparteien in der Breite bei etwa drei Prozent verständigen könnten, ist Böger sicher, „dass die Inflationsrate Ende nächsten Jahres schon wieder sehr dicht an der Zwei-Prozent-Marke liegen wird“. Das kann die Zentralbank also eigentlich gar nicht beeinflussen. Wichtig wäre es, so Böger, dass die Politik dieses Problem jetzt moderieren und der Wirtschaftsminister die beteiligten Gruppen an den Tisch holen würde. So könne ein gerechter Ausgleich der unterschiedlichen berechtigten Interessen hergestellt werden.

Heftige Belastung für viele Branchen

„Während gerade viele Unternehmen in den letzten Jahren immer gefordert haben, die EZB müsse das Zinsniveau anheben, wünschen sie sich künftig die niedrigen Zinsen zurück“, erwartet Böger. Die aktuelle Lage mit beschädigten Lieferketten, der ungewissen Situation durch den Ukrainekrieg und durch die Drohung mit dem Gasboykott sieht er als heftige Belastung für viele Branchen. Die Veränderungen werden sich nach seiner Auffassung sehr stark in der Bauindustrie niederschlagen. Derjenige, der sich mit einem Zinssatz von einem Prozent gerade eben mal ein Häuschen leisten konnte, werde mit einem mehr als doppelt so hohem Zinssatz möglicherweise Finanzierungsprobleme bekommen. Dazu komme eine weitere Last durch höhere Kosten: Das werde die Wirtschaft bremsen. Auch durch den Anstieg des Mindestlohns komme eine weitere Belastung auf die Wirtschaft zu. Das treffe besonders auf die Gastronomie zu, die durch die gestiegenen Lebensmittelpreise und das fehlende Personal gebeutelt sei. Böger: „Sollte im Herbst dann noch einmal Corona zurückkommen und einen erneuten Lockdown bringen, möchte ich kein Gastronom sein.“

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