Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 5,1 Milliarden Euro gespendet, wie es in der „Bilanz des Helfens 2024“ des Deutschen Spendenrats heißt. Diese Summe entspricht etwa dem Niveau von 2023, liegt aber deutlich unter den 5,7 Milliarden von 2022 und den 5,8 Milliarden von 2021. Die Zahl ist indes als Ausschnitt zu lesen: Die Erhebung erfasst Spenden bis 2 500 Euro pro Person und Jahr, andere Datensätze kommen deshalb auf höhere Gesamtvolumina, wie es in einem Bericht beim Fachmedium „Die Stiftung“ unter Bezug auf das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen erläutert wird, das für 2024 das Spendenaufkommen auf rund 12,5 Milliarden Euro taxiert, gegenüber 12,8 Milliarden 2023 und 13 Milliarden 2022.
Aussagekräftig sind auch die Trends im Spendenverhalten. Der Spendenrat berichtet für 2024 von 16,7 Millionen Spendern, einer Spenderreichweite – also dem Anteil der Menschen, die Geld spenden – von 25 Prozent sowie einer durchschnittlichen Einzelspende von 43 Euro. Zum Vergleich: 2005 lag die Spenderreichweite noch bei mehr als 50 Prozent. Der Befund passt zur öffentlichen Wahrnehmung: weniger Breite, mehr Konzentration, teils auch eine Verschiebung der Zwecke. So weist der Spendenrat für 2024 einen Rückgang bei Not- und Katastrophenhilfe aus, während kirchliche Organisationen Zuwächse verzeichnen, wie es im Kontext der „Bilanz des Helfens 2024“ heißt. Dabei ist die Verteilung sozial und religiös strukturiert. Der Deutsche Spendenmonitor des Deutschen Fundraising Verbands meldete 2024 deutliche Unterschiede nach Religionszugehörigkeit: Unter Christen spendeten demnach mehr als 56 Prozent, unter Konfessionslosen 46 Prozent; auch unter Muslimen wird eine hohe Quote ausgewiesen (55 Prozent), wie unter anderem das Portal evangelisch.de berichtet. Diese Zahlen zeigen: Religiöse Bindung korreliert in Deutschland mit einer höheren Spendenwahrscheinlichkeit.
Hier kommt die Kirchensteuer als deutscher Sonderfall ins Spiel, die im Alltag häufig als Pflichtabgabe diskutiert wird. Praktisch trägt sie bekanntlich zur Finanzierung kirchlicher Strukturen und sozialer Angebote bei. Für das Spendenverhalten bedeutet das weniger eine Bremse als eine Struktur: Die Mitgliedsabgabe deckt Grundfinanzierung, während freiwillige Spenden oft gezielter an konkrete Projekte, Hilfswerke oder lokale Vorhaben fließen. In dieser Konstellation kann sich ein Teil der freiwilligen Gabe in die Pflichtabgabe verlagern; zugleich führt religiöse Praxis bei vielen zu zusätzlicher Spendenbereitschaft.
Der Blick auf Länder ohne Kirchensteuer zeigt zwar, dass dort das Spendenaufkommen deutlich höher ist. Aber daraus lässt sich nicht zwingend ableiten, dass die Kirchensteuer die Bereitschaft zu helfen grundsätzlich hemmt. Wo kirchliche Grundfinanzierung nicht über eine Mitgliedsabgabe organisiert ist, stabilisieren Steueranreize, eine ausgeprägte Spendeninfrastruktur und professionelles Fundraising das System in deutlich stärkerem Maß.
Almosen als Korrektur einer Selbsttäuschung
Das gilt etwa für Großbritannien und die USA: Im „World Giving Index“ der Charities Aid Foundation liegen diese angelsächsischen Länder regelmäßig weit vorn – Großbritannien zuletzt mit 15,4 Milliarden Pfund privater Spenden, die USA sogar mit gigantischen 592 Milliarden US-Dollar. Das verweist auf eine Spenden- und Ehrenamtskultur, die historisch stärker über Freiwilligkeit organisiert wurde. Für Deutschland bleibt der Vergleich damit begrenzt, weil Institutionen und Steuerrecht unterschiedlich sind. Auch der Blick in die Geschichte zeigt eine Differenzierung. In England wurden der historische Kirchenzehnt und andere Zahlungspflichten an die Kirche im 19. und 20. Jahrhundert abgeschafft, in den USA ist jede Art von Kirchensteuer gesetzlich verboten – während in Deutschland die Kirchen bereits seit 1827 Kirchensteuer erheben und damit ein 200-jähriges Nebeneinander von Pflichtbeitrag und freiwilliger Gabe ganz selbstverständlich existiert.
Spenden bleiben wichtig, weil sie Bereiche finanzieren, die weder über Pflichtabgaben noch über staatliche Programme vollständig abgedeckt werden, und weil sie dort wirken, wo Hilfe schnell und flexibel organisiert werden muss. Caritas International beschreibt diesen praktischen Kern sehr nüchtern: Spenden ermöglichen es, schnell und unbürokratisch zu helfen, etwa mit Trinkwasser, Lebensmitteln oder Medikamenten. Für Christen kommt ein normativer Grund hinzu, der sich nicht in Effizienz übersetzen lässt. Und Papst Franziskus verband das Almosengeben in seiner Fastenbotschaft 2019 mit der Korrektur einer Selbsttäuschung: „Almosen geben, damit wir die Torheit hinter uns lassen, nur für uns zu leben und alles für uns anzuhäufen in der Illusion, uns so eine Zukunft zu sichern, die uns nicht gehört.“
Der Autor ist Germanist und Prorektor der Allensbach Hochschule (Konstanz). Er ist als Publizist und Berater tätig.
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