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Ein Pionier im Osten Kanadas 

Briefmarke Grenfell
Foto: Andreas Drouve | Wilfred Grenfell trug in Neufundland und Labrador entscheidend zur Etablierung eines modernen Gesundheits- und Sozialwesens bei.

Er war ein Unruhegeist, ein Abenteurer. Er leistete Pionierarbeit als Arzt und Missionar in den riesigen, wilden Weiten von Neufundland und Labrador. Dort – in der östlichsten Provinz Kanadas, die vorübergehend ein eigenständiges Hoheitsgebiet im britischen Empire war – schuf er die Grundlage für das bis heute bestehende Gesundheits- und Sozialwesen. Die Rede ist von Wilfred Grenfell (1865–1940), der aus England stammte und in London sein Medizinstudium abschloss. 1892 kam er im Auftrag einer britischen, christlich ausgerichteten Wohltätigkeitsorganisation, der „Königlich-Nationalen Mission für Hochseefischer“ (Royal National Mission to Deep Sea Fishermen), nach Neufundland und Labrador, um eine medizinische Missionsstation aufzubauen. 

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Grenfell stand vor einer Herkulesaufgabe, denn: Es gab 30.000 Bewohner, die in prekären Verhältnissen lebten, aber keinen Arzt. Im Laufe der Zeit begründete er Kranken- und Waisenhäuser, Pflegestationen und Hospitalschiffe. Er linderte Leiden und rettete vielen Menschen das Leben. Wer Grenfells Spuren folgen will, reist in den hohen Norden der Insel Neufundland. Im Bucht- und Hafenort St. Anthony thematisiert ein museales Interpretationszentrum sein Leben und Wirken, davor steht er auf einem Denkmalsockel. Etwas erhöht ist in einem Ortsteil sein historisches Wohnhaus besuchbar. 2025 gedachten protestantische Christen seiner anlässlich seines 160. Geburtstags am 28. Februar und 85. Todestags am 9. Oktober.

Angespornt, Gutes im Sinne Gottes zu tun

In den unwirtlichen Gegenden Neufundlands und Labradors lernte Grenfell rasch, wie man sich fortbewegen musste, um in den verstreuten Siedlungen tatkräftig zu helfen: mit Booten, Hundeschlitten oder zu Fuß. An Straßennetze oder einen Flugdienst, wie in der Gegenwart, war nicht zu denken. Zudem verlangten die langen, harten Winter nach Widerstandsfähigkeit.

Grenfell segelte 1892 mit dem Hospitalschiff „Albert“ von Great Yarmouth in England nach Ostkanada. Das Boot maß lediglich hundert Fuß in der Länge; an Bord befanden sich über medizinisches Equipment hinaus auch Bibeln und gebrauchte Kleidung, um sie überall, wo es nötig war, an Bedürftige zu verteilen.

Laut einer Chronologie seines Lebens war Grenfell einige Jahre zuvor durch den US-amerikanischen Prediger und Publizisten Dwight L. Moody (1837–1899) angespornt worden, Gutes im Sinne Gottes zu tun, die Nächstenliebe handfest zu praktizieren. Nun sah er in der unterversorgten Region einen schier endlosen Bedarf, medizinisch und spirituell.

Im Gegenzug öffneten die Menschen in tiefer Dankbarkeit ihre Herzen, was wiederum Grenfell erfüllte und in seiner Tätigkeit bestätigte. Auf einer Tafel im Interpretationszentrum liest man sein Lebensmotto: „Wahre Freude kommt nicht von Bequemlichkeit, Reichtum oder vom Lob der Menschen, sondern davon, etwas Sinnvolles zu tun.“ Predigten gehörten gleichermaßen zu seiner Arbeit. Seine Worte waren „einfach und direkt“, wie es im Interpretationszentrum heißt, und er bezog Musik in Form von Gospel in die Zusammenkünfte ein.

Medizinische Mission unter Grenfells Namen

Bereits 1893 initiierte Grenfell den Bau des ersten Krankenhauses in der Fischergemeinschaft Battle Harbour auf der Insel Battle. Es wuchs bald auf 20 Betten an und war mit einem Operationssaal, einem Aufwachraum und zwei Veranden zur Open-Air-Behandlung von Tuberkulosepatienten ausstaffiert; je nach Anlass und Notwendigkeit diente die Halle als Kapelle, Lesetreff, Schlafsaal oder Platz für Zahnbehandlungen.
1894 stellte Grenfell die medizinische Mission unter seinen Namen und nannte sie „Grenfell Labrador Medical Mission“; deren Hauptsitz sollte später St. Anthony sein. Fortan griff ganzheitlich eins ins andere: Versorgung, Wirtschaft, Bildung, Soziales. Es kam zum Erwerb eines ersten Hospitalschiffs, zur Eröffnung einer genossenschaftlich geführten Holzfabrik, zum Bau des ersten Waisenhauses, zur Stiftung einer mobilen Bibliothek, zur Einfuhr von Rentieren aus Lappland. 1909 rief Grenfell in St. Anthony eine nicht konfessionsgebundene Schule ins Leben. Im Jahr zuvor hatte er, als er mit einem Hundeschlitten zu einem operierten Jungen aufgebrochen war, eine Nacht auf einer Eisscholle überlebt. In größter Not opferte er drei seiner Hunde, um sich mit deren Fellen zu wärmen. Er wurde glücklich gerettet.

Was für den Fortgang der Arbeiten fehlte, waren Gelder und öffentliche Aufmerksamkeit. Grenfell suchte Unterstützer in den höchsten Kreisen. Er erwies sich als geschickter Stratege, indem er auf Vortragsreisen, die ihn erstmals 1896 durch die USA führten, um Spenden warb. Bücher wie „A Drift on an Ice-Pan“, wo er über sein Survival auf der Eisscholle berichtete, und Hunderte von Zeitungsartikeln steigerten seinen Bekanntheitsgrad – und damit den Zustrom finanzieller Mittel.
Für seine Verdienste wurde Grenfell vielfach geehrt, darunter mit dem Titel „Sir“, einem Briefmarkenmotiv und einem Buntglasfenster des Künstlers Wilbur H. Burham in der Kathedrale der US-amerikanischen Hauptstadt Washington: zusammen mit Christus als Heiler und dem französischen Mikrobiologen Louis Pasteur (1822–1895).

In St. Anthony war Grenfell von einer typisch rauen Landschaft umgeben, die heute Touristen elektrisiert. Trails führen zur Bucht und – vorbei an Farnen und Sträuchern mit Labradortee und Moltebeeren – hoch hinauf auf das Aussichtsplateau des Fishing Point Head, wo man über felsigen Landzungen thront und sogar Wale beobachten kann. Den Geist Grenfells bewahrt oberhalb des Hospitals die 1910 fertiggestellte Villa, wo er mit seiner Frau Anne und den drei Kindern lebte. „Das Haus nannte man damals ‚Die Burg‘ – und es wurde über den Dampf des Spitals beheizt, was sehr pragmatisch und fortschrittlich war“, weiß Malcolm Pilgrim (27), der durch das Innere führt.

Gerettet durch den Glauben

Besucher streifen durch den Salon und die verglaste Galerie, werfen Blicke in die Schlafräume und auf die Schreibmaschine in Grenfells Büro. Im Wohnzimmer, wo sich die Bibliothek befindet, ist an der Wand ein Bibelspruch aus Epheser 2,8 eingerahmt: „Denn durch die Gnade seid ihr Gerettete durch Glauben, und dies nicht aus euch: Gottes Geschenk ist es.“

Pilgrim, Projektmanager im nahen Interpretationszentrum, befasst sich seit Jahren wissenschaftlich mit Grenfell. Auf die Frage nach dessen Glaubenskraft antwortet Pilgrim: „Er pflegte eine besondere Beziehung zwischen Religion und mentaler Gesundheit. Es war dieser Gemeinschaftssinn, zusammenzukommen, sich gegenseitig zu unterstützen. Er wusste um die Wichtigkeit von körperlicher und spiritueller Unterstützung. Seine religiöse Seite zeigte sich in der Pflege, dem Mitgefühl, der Barmherzigkeit, dem Miteinander.“

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All das empfand Grenfell selber als zutiefst bereichernd. Sein vielleicht schönstes Zitat lautet so: „Persönlich habe ich mehr Inspirationen in den Hütten der Fischer gefunden als in den Palästen der Reichen.“


Informationen über Grenfell, sein Wohnhaus und das Interpretationszentrum findet man auf Englisch unter http://grenfell-properties.com.

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