Rom

Die beiden schönsten Statuen von Rom

In Roms maßlos schönen Kirchen kann man tagelang im Alten und Neuen Testament unterwegs sein. Der gesamte Kanon der christlichen Bilderwelt zeigt sich dort in unzähligen Meisterwerken der Kunst, doch vor allem zwei ziehen auf besondere Weise in den Bann – die beiden wohl schönsten Statuen der Stadt.
Basilica di San Pietro in Vincoli
Foto: Thomas Schneider | Die Legende besagt, dass Michelangelo seine eigene Schöpfung in einem nächtlichen Schaffensrausch für so lebensecht gehalten habe, dass er mit Moses ins Gespräch kommen wollte.

Wir wissen doch eigentlich, was uns erwartet, bevor wir eine Kirche betreten: Madonnen, Heilige, Propheten, Engel, Kreuzigungen und Grablegungen, Auferstehung und Himmelfahrt, gemalt und gemeißelt. Trotzdem können wir an kaum einem unbekannten Gotteshaus einfach vorbeigehen, erst recht nicht in einer fremden Stadt. Obwohl wir die Themen der Bilder und Statuen, der Glasfenster und Fresken kennen, drängt uns unsere Neugier hinein, und die gilt neben der künstlerischen Umsetzung vor allem ihrer Wirkung. Was löst das Strahlen mittelalterlicher Goldgrundbilder im Betrachter aus? Rührt uns eine der Marienstatuen zu Tränen? Wie verändert sich die Stimmung, wenn Sonnenlicht die Fenstermalereien entzündet und die Farben lodern lässt?

Der muskuläre Moses

Nun kann der Wunsch, das alles in Erfahrung zu bringen, in Rom zum Leistungssport ausarten, denn die ewige Stadt macht einem an allen Ecken eine Kirchenschönheit zum Geschenk, in der sich einzigartige Meisterwerke verbergen. Weil der Besuch von nur drei oder vier dieser Gotteshäuser niemals ausreicht, kann man in Italiens Hauptstadt zum leidenschaftlichen Kirchen-Sammler werden. Einmal angefangen muss man sich so viele wie möglich ansehen, die monumentalen Prachtbauten ebenso wie die kleinen guten Stuben des Glaubens. Zu letzteren gehört auch die Chiesa San Pietro in Vincoli, von der man sich zunächst einen kurzen Bluff bieten lassen muss, denn vom viel gerühmten Bildhauerwerk ist beim Betreten der Kirche rein gar nichts zu sehen.

Im rechten, durch antike dorische Säulen vom Mittelschiff getrennten Gang wartet sie ganz vorn – Michelangelos überlebensgroße Skulptur des sitzenden Moses. Er ist die zentrale, alles beherrschende Figur des Grabdenkmals für Papst Julius II. Den Kopf zur Seite gewandt, richtet Moses den Blick auf die sich nähernden Besucher. Die Muskulatur seines kraftstrotzenden Körpers ist so stark angespannt, dass an Armen und Händen die Adern sichtbar anschwellen. Mit einzelnen Fingern der rechten Hand greift sich der Prophet in den langen, weich fließenden Bart, während die Handkante auf den Gesetzestafeln ruht, die er unter dem Arm trägt. Alles an diesem Moses wirkt energisch, robust und vital. Seine enorme körperliche Präsenz ist fast ein bisschen unheimlich. Die Legende besagt, dass Michelangelo seine eigene Schöpfung in einem nächtlichen Schaffensrausch für so lebensecht gehalten habe, dass er mit Moses ins Gespräch kommen wollte. Verärgert durch dessen Schweigen soll er auf das rechte Knie der Statue geschlagen haben. Tatsächlich fällt an dieser Stelle des Körpers ein dunkler Längsriss auf.

Cäcilias Hinrichtung

Vollkommenheit braucht keine Worte, das gilt auch für Roms zweite Steinschönheit – die Skulptur der Heiligen Cäcilia, einer christlichen Märtyrerin, die in der nach ihr benannten Kirche im Stadtteil Trastevere begraben ist. Vor dem Hauptaltar strahlt ihr in Marmor gemeißelter Körper aus einem gläsernen Schrein heraus so überhell weiß wie frisch gefallener Schnee. Leicht gekrümmt liegt sie auf der Seite, das Gesicht abgewandt. Wäre nicht eine tiefe Schnittwunde an ihrem Hals sichtbar, könnte man sie für die Figur einer Schlafenden halten und nicht für das Abbild einer Toten. Nach grausamster Folter soll Cäcilia eine verpfuschte Hinrichtung, bei der es dem Henker nicht gelungen war, sie zu enthaupten, schwer verwundet überlebt haben. Noch tagelang habe sie Menschen zum christlichen Glauben bekehrt, heißt es, und im Sterben einen Finger der linken und drei Finger der rechten Hand ausgestreckt: Ich glaube an den einen Gott in drei Personen.

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Völlig unversehrt, in Seitenlage und mit vier gestreckten Fingern soll Cäcilia gefunden worden sein, als ihr Sarg 1599 geöffnet wurde – mehr als 13 Jahrhunderte nach ihrem Tod. Ein für die römische Gesellschaft unfassbares Ereignis, dem der junge Bildhauer Stefano Maderno ein Denkmal setzen sollte. Als er damit beauftragt wurde, eine getreue Skulptur von Cäcilias nicht verwestem Leichnam anzufertigen, war er gerade einmal 23 Jahre alt, aber bereits fähig ein Werk perfekter Harmonie zu schaffen. So glaubhaft und sinnlich geriet ihm die Figur, dass Besuchern der eigene Blick in die intime Welt ihres Todes fast voyeuristisch erscheinen muss.

Die Heilige und der Marmormann

Hier die ermattete, aber hinreißend anmutige Heilige, da der heldenschöne Marmormann. Gegensätzlicher als Moses Monumentalität und Cäcilias sanfte Traurigkeit können zwei Statuen nicht sein, doch in ihrer überwältigenden Wirkung sind beide absolut ebenbürtig. Davon, welchen Einfluss beide Skulpturen auf die Kultur- und Kirchengeschichte Europas genommen haben, ahnt der Durchschnittstourist vermutlich wenig bis nichts. Nun kann man das als Bildungsblöße beklagen und die Trivialisierung durch den Massentourismus bedauern. Man kann es aber auch für einen Glücksfall halten, dass überhaupt so viele Menschen Moses und Cäcilia begegnen, unabhängig davon, ob sie die Bibel auf dem Nachttisch liegen, ein Kunstgeschichtsstudium abgeschlossen haben oder ob sie ohne den Leiter ihrer Pauschalreise nie in die beiden Kirchen gefunden hätten.

Alles andere darf man getrost den beiden Skulpturen überlassen, denn die sind ganzheitlich so großartig, dass technische Aspekte der Arbeit und Fragen zur Materialästhetik ebenso nebensächlich werden wie der bis heute währende Streit darüber, wie Michelangelos Moses richtig zu interpretieren sei oder ob der Legende von Cäcilia tatsächlich eine historische Frauenfigur zugrunde liegt. Den Erklärungen des Reiseleiters, dass die stumpfen Hörner auf Moses Kopf das Ergebnis einer fehlerhaften Übersetzung sind, das hebräische Wort für strahlend (qaran) wurde in der lateinischen Übersetzung mit gehörnt (cornuta) verwechselt, folgen seine Zuhörer zwar kopfnickend, den weiteren Ausführungen jedoch mit wachsender Unlust.

Bildhauerkunst in Vollendung

Um Bildhauerkunst in Vollendung zu erkennen, muss sie nicht analysiert, sondern gespürt werden. Der Unterschied, ein Kunstwerk erklärt zu bekommen oder es selbst zu ergründen, ist so groß, wie der zwischen Liebesfilm und Liebe. Moses altväterlicher Ernst schüchtert ein, Cäcilias Zartheit rührt. Die Skulpturen lösen vieles aus – stille Ergriffenheit oder pathetisches Schwärmen, aber ganz sicher keine Gleichgültigkeit. Selbst Menschen, die sonst nur religiöse Zaungäste sind, können sich der spirituellen Kraft, die von Moses und Cäcilia ausgeht, nicht entziehen.

Dass die beiden nicht für Small-Talk-Themen in der Kaffeepause taugen, ist selbst denen bewusst, die nicht innehalten können und stattdessen unbeholfen versuchen, die Schönheit der beiden auf Fotos festzuhalten. Auch sie werden zum Teil einer jahrhundertealten Besucherbewegung. Generationen von Gläubigen standen bereits vor Moses und Cäcilia und nahmen eine Verbindung zu den Kunstwerken und den Künstlern auf. Michelangelo und Stefano haben sich mit Hammer und Meißel an massigen Marmorklötzen abgemüht und in kräftezehrender Arbeit um Perfektion gerungen. Was die Bildhauer und uns trennt, ist die Zeit. Was uns verbindet, sind ihre unvergleichlichen Figuren, die sich ins Buch unserer Erinnerungen mit zwei neuen Kapiteln eingeschrieben haben.

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