Ein Novum unserer Zeit besteht darin, dass Wahrheit zur Verhandlungssache geworden ist. Nach Meinung der meisten Teilnehmer an den heutigen Debatten (das gilt auch für innerkirchliche Debatten) gibt es nicht mehr die eine von Gott gegebene Wahrheit, sondern es ist an uns, darüber zu diskutieren und letztlich zu definieren, was in unserer konkreten Situation als „wahr“ zu gelten hat (und was nicht). Und das kann gestern ganz anders ausgesehen haben als heute – oder auch morgen und übermorgen.
Aus christlicher Perspektive ist diese Haltung an sich schon problematisch, es ergibt sich daraus aber auch ein Problem, über dessen Ausmaß wir uns vielleicht noch nicht ganz bewusst sind. Solange sich alle am Diskurs Beteiligten einig sind, dass es die eine Wahrheit gibt, auf die wir uns beziehen und über deren richtige Erfassung wir streiten, nutzen wir Sprache als ein Mittel der Verständigung.
Wir erkennen an, dass unsere subjektive Meinung nicht notwendig identisch ist mit der Wahrheit, dass man ihr aber durch Austausch von Argumenten näherkommen kann. Entfällt jedoch der Bezug auf eine übergreifende, uns vorgeordnete Wahrheit, so wird der Diskurs zum Kampf um die Deutungshoheit und somit letztlich zu einer Frage der Macht.
Vom Mittel zur Verständigung zum Werkzeug der Manipulation
Sprache wird dann zur Demagogie: Sie wandelt sich von einem Mittel der Verständigung zu einem Werkzeug der Manipulation. Es geht nicht mehr darum, die Wahrheit zu erkennen und ihr gemäß zu handeln, sondern darum, die Meinung der anderen auf die eigene Seite zu ziehen. Je mehr Leute die eigene Meinung vertreten, umso größer ist dann natürlich der Anspruch auf die vermeintliche Wahrheit. Daher muss diese „Wahrheit“ auch immer wieder auf allen Kanälen propagiert werden, und daher müssen andere Meinungen aus dem Diskurs verbannt und unsichtbar gemacht werden.
Unterschwellig ist wohl vielen bewusst, wie unsinnig eine solche Berufung auf die Mehrheitsmeinung in Fragen der Wahrheit ist. Als Galilei die Theorie aufstellte, die Erde kreise um die Sonne, war er unter den Wissenschaftlern seiner Zeit ein absoluter Außenseiter; als Einstein seine Relativitätstheorie aufstellte, war er das ebenfalls. Trotzdem erschien 1931 der Band Hundert Autoren gegen Einstein – ein Buch, dessen Titel suggerierte, eine Überzahl an Gegenstimmen reiche aus, um Einsteins Theorie als Unsinn zu entlarven. Einstein reagierte auf das Buch mit einem Lächeln.
Er erklärte: „Hundert? Wenn ich falsch läge, würde einer reichen.“ Ein Verdacht lässt sich dabei nicht von der Hand weisen: Wer sich in Fragen der Wahrheit auf die Mehrheit beruft, der hat offenbar keine besseren Argumente – oder er hält sein Publikum für zu dumm, sie zu verstehen. Wo man so denkt, da wird Sprache zur Propaganda. Ein Beispiel hierfür sind die immer gleichen Formulierungen, die einem auf fast allen medialen Kanälen entgegentreten und die sich über ihre ständige Wiederholung unserem Gedächtnis einprägen sollen. So wurden etwa Bischof Robert Barron und Charlie Kirk letztes Jahr fast durchgehend als „umstritten“ bezeichnet, was im heutigen Medienjargon durchweg negativ konnotiert ist.
Der Versuch der Manipulation zeigt sich auch daran, dass man Abweichler vom medialen Mainstream nach Möglichkeit gar nicht erst zu Wort kommen lässt. Man bezeichnet sie als Aluhüte oder Verschwörungstheoretiker, die Falschaussagen verbreiten, ohne jedoch ihre Argumente sachlich und vorurteilsfrei vorzutragen. Vor allem aber versucht man, sie moralisch abzuqualifizieren: Es sind grundsätzlich immer rechte Hetzer, Rassisten und Antisemiten, die so denken. Wer andere solchermaßen „einordnet“, will damit suggerieren, diese hätten sich mit ihrer Haltung selbst aus dem demokratischen Diskurs verabschiedet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Behaupteten sei daher weder sinnvoll noch erforderlich.
Die Betroffenen sehen es anders
Die Betroffenen selbst sehen das freilich ganz anders. Sie haben den Eindruck, als solle da, wo sie zu argumentieren versuchen, eine Auseinandersetzung mit ihren Argumenten unterbunden werden. Und tatsächlich ist es so: Ist eine solche Aussage einmal gefallen, ist ein ergebnisoffenes, an der Wahrheit orientiertes Gespräch nicht mehr möglich. Das heißt nicht unbedingt, dass das Gespräch an dieser Stelle endet. Der seinen Gegner solchermaßen moralisch Abqualifizierende geht aber aus dem Gespräch rhetorisch als Sieger hervor, hat er doch erklärt, warum dieser nicht als Gesprächspartner infrage kommt.
Diese Methode ist keineswegs so neu, wie man angesichts ihres gehäuften Auftretens in jüngster Zeit meinen könnte. Der Oxforder Literaturwissenschaftler und Philosoph Clive Staples Lewis wies bereits in den 1940er-Jahren darauf hin, dass einem die Anwendung einer solchen Strategie einen nahezu 100-prozentigen Erfolg in der Debatte beschert. Er nannte sie Bulverismus.
Als Bulverismus bezeichnet Lewis einen rhetorischen Trick, den die zeitgenössische Religionskritik anwandte, um eine Debatte über die Wahrheit des christlichen Glaubens gar nicht erst aufkommen zu lassen. Der Trick ist im Grunde genommen ganz einfach: Setze die Nichtexistenz Gottes voraus und trage dann eine (vermeintlich) wissenschaftliche Erklärung vor, wie Menschen trotzdem dazu gekommen sind, die Existenz eines solchen rein imaginären göttlichen Wesens zu behaupten.
Sage also: Der Glaube ist eine Projektion unseres menschlichen Wunsches nach Unsterblichkeit und Vollkommenheit (Feuerbach), er ist Opium fürs Volk (Marx), er entspringt dem kindlichen Bedürfnis nach einem allmächtigen Vater als Trostspender gegen Angst und Leid (Freud). Das klingt gut und wissenschaftlich, die Zuhörer merken aber nicht, dass die eigentliche Frage gar nicht gestellt wird: Gibt es Gott nun oder gibt es ihn nicht? Das ist ja bereits vorher entschieden – es gibt ihn nicht.
„Ach, du sagst das nur, weil du ein Mann bist“
Zur Illustration dieser Strategie, die nach seiner Einschätzung einen nahezu hundertprozentigen Erfolg garantiert, erfand Lewis die Figur des höchst erfolgreichen Ezekiel Bulver. Dessen Karriere begann an dem Tag, an dem der heranwachsende Junge seine Mutter zu seinem Vater sagen hörte: „Ach, du sagst das nur, weil du ein Mann bist“. In diesem Augenblick blitzte im erwachenden Bewusstsein des Jungen die Erkenntnis auf, dass Widerlegung kein notwendiger Bestandteil der Beweisführung ist: Setze voraus, dass sich dein Gegner im Irrtum befindet, und erkläre seinen Irrtum, und die Welt wird dir zu Füßen liegen. Auf diese Weise wurde Mr. Bulver zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.
Laut Lewis mag man mit einer solchen Strategie zwar vordergründig Erfolg haben, letztlich macht man sich damit aber nur lächerlich. In Wahrheit gilt es, auf rein sachlicher Ebene zu prüfen, welche Argumente als Argumente Bestand haben und welche nicht. Ist das geklärt, mag man fortfahren und nach psychologischen Ursachen des Irrtums des anderen suchen – soweit vorhanden. Aber man muss zeigen, dass er sich irrt, bevor man zu erklären versucht, warum er sich irrt.
Soweit C. S. Lewis in den 1940er-Jahren.
Es scheint, als sei das, was wir heute erleben, eine moralisch gewendete Version des Bulverismus. Heute führt eine falsche, vermeintlich inakzeptable moralische oder politische Haltung zum sofortigen Ausschluss aus dem Diskurs. Querdenker, Putin-Versteher, Klimaleugner, Rassist oder generell „rechts“: Will man eine Debatte in Sachfragen vermeiden, so muss man dem Gegner nur eins dieser Etiketten aufkleben und die Sache hat sich erledigt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Argumenten ist dann nicht mehr erforderlich.
Öffentliche Meinung wichtiger als Suche nach der Wahrheit?
Wie weit dieses Problem inzwischen in die Mitte der Kirche hineinreicht, zeigt der Fall des Philosophen und „Tagespost“-Redakteurs Sebastian Ostritsch. Ausgerechnet die Hochschule der Jesuiten in München cancelt im November 2025 einen Vortrag Ostritschs über die Gottesbeweise des Thomas von Aquin, weil er nach Meinung einiger lautstarker Gegner die falsche, politisch zu konservative Meinung vertritt. Zählt etwa auch bei den Münchner Jesuiten die öffentliche Meinung inzwischen mehr als die Suche nach der Wahrheit, hat Cancel-Culture dort Vorrang vor einer Kultur der offenen Debatte?
Was lässt sich in einer solchen Situation tun? Ein bekanntes psychologisches Gesetz besagt: Hat ein Phänomen einen Namen, so erkennt man es leichter wieder. Vielleicht sollten wir also das Phänomen der moralischen Abwertung Andersdenkender ebenfalls als Bulverismus bezeichnen und so verdeutlichen, wie oft das heute tatsächlich geschieht.
C. S. Lewis hätte gewiss nichts dagegen. Dies mag uns auch daran erinnern, wie wenig Substanz viele der mit großem medialem Aufwand propagierten Behauptungen tatsächlich haben. Und gewiss ist es beim Bulverismus auch wie bei Rumpelstilzchen und Lord Voldemort: Hat die Gefahr, der wir uns gegenübersehen, erst einen Namen, so hat sie bereits einen Großteil ihres Schreckens verloren – und ihre Macht über uns.
Der Autor ist promovierter Theologe und Herausgeber des Bandes C. S. Lewis, Durchblicke, der auch dessen Essay „Bulverismus“ enthält.
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