Die Hitze des französischen Sommers flimmerte über den Feldern, als der Wagen nach Ars-sur-Formans rollte. Einst ein völlig unbedeutendes Nest, ist Ars heute ein weltbekannter Wallfahrtsort. Maxi und Leni klebten an den Fenstern, während Cousin Simon auf dem Rücksitz demonstrativ in einem Buch über Quantenphysik las, das er noch nicht wirklich verstand.
„Opa, warum fahren wir hierher?“, fragte Maxi. „Das sieht doch aus wie ein ganz normales Städtchen.“ Opa lächelte. „Heute ja, Maxi. Aber als der Mann, den wir besuchen, hier ankam, war es das ärmste und gottverlassenste Dorf der Gegend. Wir besuchen Johannes Maria Vianney, den heiligen Pfarrer von Ars.“
Simon schaute über den Rand seines Buches.
„Der Mann, der durch die Lateinprüfung gefallen ist?“, fragte er spöttisch. „Er war ein Bauernsohn, der kaum die Schule schaffte. Und manche behaupten, er habe die Welt verändert? Ist das nicht frommes Wunschdenken ohne wissenschaftliches Fundament?“
Oma drehte sich um. „Genau das ist das Rätsel, Simon. Er war kein Gelehrter, aber er hatte eine Weisheit, die man nicht in Büchern findet. Er verbrachte bis zu 18 Stunden am Tag im Beichtstuhl, weil Menschen aus ganz Europa zu ihm strömten. Sie wollten nur eines: dass er ihnen in die Seele schaut und den Frieden mit Gott schenkt.“
Der Kampf im Verborgenen
Bevor sie die große Basilika betraten, führte Opa sie zu einem kleinen, unscheinbaren Gebäude direkt daneben: dem alten Pfarrhaus. Dort trafen sie Monsieur Bernard, einen älteren Herrn mit wachen Augen, dessen Vorfahren noch vom heiligen Pfarrer persönlich gesegnet worden waren.
„Ihr sucht unseren kleinen Pfarrer?“, fragte er, als er Simons skeptisches Gesicht sah. Er führte sie in ein Zimmer, das so schlicht war, dass es fast wehtat – ein krasser Kontrast zur herrlichen Fassade der Basilika.
„Ich frage mich, wie er das geschafft hat“, sagte Simon direkt und deutete auf das karge Inventar. Monsieur Bernard nickte und zeigte auf ein altes, einfaches Bett. „Wisst ihr, der Pfarrer hatte einen mächtigen Feind. Er nannte ihn den ‚Grappin‘ – den Teufel. Nachts rüttelte der Böse an diesem Bett oder setzte es hier im Zimmer sogar in Brand, um ihn am Schlafen zu hindern. Dafür gab es Zeugen, die das sahen und hörten. Der Teufel wollte ihn vertreiben, weil der Pfarrer ihm die Seelen wegschnappte.“
„Das könnten auch Wahnvorstellungen durch Schlafmangel sein“, warf Simon ein.
„Vielleicht“, erwiderte Bernard ruhig. „Aber wie erklärst du das: Ein berühmter Professor aus Paris, nicht gläubig, kam hierher, um über den ‚dummen Bauernpfarrer‘ zu lachen. Er begegnete ihm, und danach weinte er und sagte: ‚Ich habe Gott in einem Menschen gesehen.‘“
Monsieur Bernard winkte sie zu sich. „Kommt, gehen wir hinüber. Das Pfarrhaus war sein Schlachtfeld, aber in der Kirche wartet der Sieg.“
Sie folgten ihm in die Basilika. Das Bauwerk ist eine Besonderheit: Die alte Dorfkirche wurde erhalten und direkt mit einem prächtigen Neubau verbunden. Bernard führte sie direkt zum Herzstück der Basilika. Dort, in einem gläsernen Schrein, ruhte der heilige Pfarrer.

Maxi und Leni traten ehrfürchtig näher. Simon blieb in sicherem Abstand stehen, die Arme verschränkt, doch seine Augen wurden groß. „Er sieht so ... echt aus“, flüsterte Leni. „Als würde er nur schlafen.“ „Sein Körper ist unverwest“, erklärte Monsieur Bernard leise. „Als man ihn Jahrzehnte nach seinem Tod aus dem Erdgrab nahm, stellte man fest, dass die Zeit ihm nichts anhaben konnte. Er war während seines ganzen Wirkens körperlich am Ende, er aß fast nichts und schlief kaum, er hat sich für die Menschen völlig aufgezehrt. Und doch scheint es, als hätte Gott dieses schwache Gefäß bewahrt, um uns zu zeigen, dass das Leben stärker ist als der Tod.“
Simon trat nun doch einen Schritt näher. Er suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung, doch das Bild des zerbrechlichen Mannes in dem Glasschrein brachte seine Argumente zum Schweigen.
Die Gabe der Herzensschau
Ein Stück weiter im alten Teil der Kirche blieben sie vor einem abgewetzten, hölzernen Beichtstuhl stehen. „Hier geschah das tägliche Wunder“, sagte Bernard. „Unser heiliger Pfarrer hatte die Gabe der Herzensschau. Er nannte Menschen ihre Sünden, die sie längst vergessen hatten. Aber er tat das nie, um zu erschrecken, sondern um zu zeigen: Gott kennt dich und liebt dich trotzdem.“
Leni berührte das alte Holz. „Wurde er nie müde?“
„Er war oft am Ende seiner Kräfte“, sagte Bernard. „Aber er sagte immer: ‚Die größte Tragödie ist nicht das Leid, sondern dass der Mensch vergisst, wie sehr Gott ihn liebt.‘ Das wollte er den Menschen zeigen.“ In einer der hinteren Bänke saß ein Mann in einem teuren Anzug. Er hielt den Kopf in den Händen, seine Schultern zuckten. Später, als sie die Basilika verließen, begegneten sie ihm auf dem Kirchplatz. Opa reichte ihm ein Taschentuch.
„Vielen Dank“, sagte der Mann brüchig. Er hielt kurz inne, als wollte er noch etwas loswerden. „Ich bin Ingenieur. Ich glaubte nur an Fakten. Mein Leben war perfekt geplant, bis alles zerbrach. Ich dachte, ich sei ein Versager.“ Er blickte zur Basilika zurück. „Aber als ich eben dort vor dem Schrein dieses Mannes kniete, der so schwach aussah und doch eine solche Kraft ausstrahlte ... da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass mein Wert nicht von meinem Erfolg abhängt. Dieser kleine Pfarrer hat mir gerade die Last von der Seele genommen.“
Simon schwieg. Sein überhebliches Lächeln war verschwunden. Auf dem Weg zum Auto ging Simon langsam. Er hatte sein Physikbuch verstaut. „Opa?“, fragte er. „Glaubst du wirklich, dass der Böse sein Bett angezündet hat?“
Opa legte Simon die Hand auf die Schulter. „Ja, das glaube ich. Die Menschen hatten das damals geprüft und keine andere Erklärung dafür. Aber wichtiger ist etwas anderes: Wenn jemand so viel Licht bringt wie Johannes Maria Vianney, versucht die Dunkelheit alles, um es auszulöschen. Er war ein einfacher Kanal für Gottes Barmherzigkeit.“
Maxi hüpfte über eine Pfütze. „Er war wie eine Taschenlampe für Gott!“
Oma lachte. „Genau, Maxi.“ Die Sonne ging golden über der Kuppel unter. Simon schaute lange zurück. Er hatte sich eine kleine Medaille gekauft. Auf der Rückseite stand: „Gott ist gut. Er liebt uns!“
„Weißt du“, sagte Simon leise zu Maxi, „vielleicht ist Intelligenz gar nicht das Wichtigste. Es ist wichtiger, ein Herz zu haben, das nicht aus Stein ist.“
Das Auto rollte in die Dämmerung. Simon dachte an den unverwesten Pfarrer und das brennende Bett. Er hatte verstanden: Wahre Größe misst man nicht in Mathekenntnissen, sondern in der Kraft, der Welt Gottes Liebe zu schenken.
Der Autor ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Servi Jesu et Mariae und ist als Seelsorger in der Familien- und Jugendarbeit tätig.
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