Knapp oberhalb der rechten Hand, mit der er sich bekreuzigt, etwa auf Höhe der Pulsadern, hat Götz Kubitschek ein kleines tätowiertes Kreuz, so wie es die Kopten in Ägypten tragen. Mit eben dieser Hand bekreuzigt er sich nach orthodoxer Art: Er legt Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammen; die Hand geht von der Stirn zur Brust und von der rechten zur linken Schulter. In seinem Arbeitszimmer hängen ostkirchliche Ikonen. Eine Tochter aus der ersten Ehe seiner Frau Ellen Kositza ist katholische Ordensschwester. Kubitschek ist gebürtiger Katholik, inzwischen aber aus der katholischen Kirche ausgetreten. Auch weil dort gegen ihn und seine Frau gepredigt worden sei, wie er erzählt.
In seinem Bändchen „Weiße Nacht“, das Ausgedachtes mit Autobiografischem verbindet, schildert Kubitschek Erfahrungen mit Schamanismus und Hexerei in Kamerun, mit hilfreichen Geistlein in Sachsen-Anhalt, die mit Naturalgaben gütig gestimmt werden wollen, und mit magischen Orten, an denen im Frühjahr ein Drachentöter die „blütengeschmückte Ostara“ befreit. Der Boden, die Natur, die Erdgöttin Gaia sind in dem Buch geistig, vielleicht geistlich aufgeladen. Der Ort, der Boden, auf dem man steht, sei seelenprägend; ohne diese Beziehung verkümmere der Mensch, heißt es dort. „Schon als Kind“, schreibt der Autor, „mochte ich den tief in die Landschaft eingeprägten, heidnischen Umtrieb“, dem mit Marteln, Bildstöcken, Kreuzwegen und kleinen Feldkapellen kein Bann ausgesprochen worden sei. Die Wegkreuze erschienen ihm vielmehr als „Kompromiss“: kein Verdrängen „uralter Kräfte und Wesen“, sondern Ordnung im Durcheinander, Ausrichtung auf das Heilige und Heilende, „dem Gewese sein Plätzchen“ zuweisen.
Woran glaubt Götz Kubitschek? In Fragen des Glaubens suche er „keinerlei theoretischen Zugang“, antwortet er im Gespräch, sondern nehme „naiv mystisch“ wahr und bete. Er habe eine starke Neigung zum „versunkenen Gebet“ und zur „frag- und wortlosen Nähe zu Gott“.
Seine Entfernung von der katholischen Kirche begründet er auch damit, dass man ihm dort „ins Gesicht gespuckt“ und die Kirche ihren Auftrag „auf unerträgliche Weise ins Politische verzogen“ habe. Die Piusbruderschaft wiederum, die am Katholizismus in seiner Form vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil festhält, und das Lateinische seien ihm „sprachlich zu abgewandt, zu formal in einem römisch-juristischen Sinn“.
Kubitschek könnte auf Gott verzichten – tut er aber nicht
Überhaupt sei ihm die katholische Kirche zu wenig „ortsgebunden“. Ihm missfallen „die ortlose Hierarchie, Complexio Oppositorum“. Dann folgt ein Satz, der wieder ganz anders klingt: „Ich schildere im Grunde eine Glaubensverzweiflung: Wo ist die Kirche, die sich auf das besinnt, was ihre ureigene Aufgabe ist – Seelenheil jenseits aller Politik?“
Die antichristliche Lösung liegt in seinem eigenen intellektuellen Umfeld bereit. Der Publizist und kämpferische Christentumsgegner Frank Lisson, der früher auch in Kubitscheks Verlag publizierte, erklärte zuletzt in der Zeitschrift „Tumult“ die neuerliche Hinwendung zum Glauben zum Rückschritt innerhalb der Rechten. Auch viele Konservative seien „am Geist ermüdet“ und wollten nur noch in den „Mutterschoß des Vaters“ zurück; Religion erscheint Lisson als menschliches Bedürfnisprodukt. Unter den Gegenbildern: Giordano Bruno, Nietzsche. Auch der französische Publizist und Vordenker der französischen Nouvelle Droite Alain de Benoist ätzt heftig gegen das Christentum.
Kubitschek könnte es sich also einfacher machen und ganz auf Gott und das Göttliche verzichten. Tut er aber nicht und sowieso: „als ob so etwas eine Entscheidung wäre!“ Denn das Ringen um Spiritualität ist ein Schlüssel zu seinem Tun. Das verrät schon der Name seines Verlags.
Antaios – so hieß ein Zeitschriftenprojekt, an dem der Schriftsteller Ernst Jünger beteiligt war, und so heißt Kubitscheks Verlag. Der Halbgott Antaios war Sohn von Gaia und Poseidon. Er forderte jeden Vorbeikommenden zum Ringkampf und unterlag nie. Seine Stärke bezog er aus der Erde, seiner Mutter. Herakles erkannte das Geheimnis, hob ihn vom Boden und tötete ihn.
Unbehagen am katholischen Universalismus
Folgt man dem Selbstverständnis der katholischen Kirche, dann muss für einen Katholiken die gemeinsame Zugehörigkeit zur Kirche stets schwerer wiegen als Herkunft, Boden, Heimat. Einen Katholiken in Deutschland verbindet Wesentlicheres und Wichtigeres mit einer Katholikin aus Nigeria als mit einem Atheisten aus seiner Nachbarschaft. Kubitschek sieht das anders. Der Universalismus der katholischen Kirche bereitet ihm Unbehagen.
Was, wenn das Christentum also Herakles verkörpert? Stemmt es Kubitscheks Denken nicht leicht in die Luft? Kubitschek gefällt diese Frage nicht. „Ich bin nicht ultramontan.“ Es sei „sehr römisch-katholisch“, den Gegensatz zu betonen und Antaios in die Höhe stemmen zu wollen. „Kann man nicht das Besondere des Ortes und die Ortgebundenheit aufgreifen?“ Später ergänzt er: „Antaios ist ein Verteidiger, Herakles der Angreifer. Mutter Erde kräftigt, aber greift nicht ein. Die Erde nimmt nie, sie gibt immer.“
Ist Kubitschek Heide oder Christ? Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Was Kubitschek in „Weiße Nacht“ schreibt, legt nahe, dass er beides nicht im Entscheidungskampf gegeneinanderstellen will. Über die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, Hintergrundlektüre für „Weiße Nacht“, schreibt Kubitschek: „Wenn ihr Katholizismus die Kettfäden eines Webstuhls bildet, ist die magisch-heidnische Wahrnehmungsfähigkeit das Schiffchen, das den Schußfaden führt.“
Nur verschwindet das Problem damit nicht. Soll Herkunft, der Boden, etwas fürs Politische bedeuten, kommt man zwangsläufig beim Begriff des Volkes an. Spricht man mit ihm also darüber, was das Deutsche genau sei, wann jemand Deutscher sei – zweite, dritte oder vielleicht zwanzigste Generation? –, wird er erstaunlich unkonkret. Es komme auf Einwurzelung an, auf „Befreundung mit dem Deutschen“, darauf, das Schicksal der Deutschen zum eigenen Schicksal zu machen.
Die große Macht der Herkunft
Was soll das heißen? Die französische Philosophin Simone Weil nannte Verwurzelung das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. „Verortung“ ist Kubitscheks Wort. Patriotismus konnte historisch vieles meinen: Dorf, Stadt, Christenheit, Menschheit. Einen genau umrissenen Gegenstand schuf erst die Moderne: die Nation. Das Bedürfnis ist uralt. Die Form, in der Kubitschek es verteidigt, ist jung. Was begründet diesen Glauben ausgerechnet an die Nation, als ein Partikulares von vielen?
Einer der persönlichen Mentoren von Kubitschek war der Publizist Armin Mohler. Dessen „nominalistische Wende“ setzt beim Einzelnen, konkret Vorgefundenen an. Ort, Volk und Geschichte müssen ihren Wert nicht erst vor einer allgemeinen Theorie rechtfertigen; ihre geschichtliche Wirklichkeit ist zunächst selbst der Ausgangspunkt des Denkens. Das Vorgefundene genügt, weil es vorgefunden ist – wie eben die Nation. Seine Argumentation schälte Mohler im Duell mit einem katholischen Philosophen heraus: Thomas Molnar. Kubitschek hat beide Texte in einem Band verlegt. Im Gespräch bekennt er sich eindeutig zu Mohlers Standpunkt.
Über Mohler fand Kubitschek auch zu Gottfried Benn – zu einem Autor, bei dem nach dem Zerfall der allgemeinen Weltdeutungen die Form, das Formen bleibt. Kubitschek sagt: „Ich bin Benn-Schüler durch und durch.“ Auch Benn kennt die Macht der Herkunft: In seiner philosophisch-essayistischen Prosadichtung „Der Ptolemäer“ heißt es: „Ich bin nicht geworfen, meine Geburt hat mich bestimmt.“ Nur das letzte Wort will er dieser Bestimmung nicht überlassen: „Woher ich stamme, wohin ich falle, das ist alles überwunden.“ Mit dem Woher und Wohin ist bei Benn wohl auch Gott überwunden. So weit geht Kubitschek nicht.
Der Autor arbeitet als Politik-Assistenz für „Die Welt“ und studiert Geschichtswissenschaft und katholische Theologie in Berlin.
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