Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wittgenstein-Traktat

Philosophisches Genie und tiefer Mystiker

Der Religion in der Philosophie Platz machen: Vor 100 Jahren veröffentlichte Ludwig Wittgenstein den „Tractatus logico-philosophicus“.
Ludwig Wittgenstein, fotografiert unter Wittgensteins Anleitung vom Freund Ben Richards
Foto: Ben Richards (Wittgenstein Archive Cambridge) | Ludwig Wittgenstein, fotografiert unter Wittgensteins Anleitung vom Freund Ben Richards im September 1947 in Swansea, Südwales (Großbritannien).

Der junge Ludwig Wittgenstein (1889-1951) trat in seinem vor 100 Jahren erschienenen „Tractatus logico-philosophicus“ mit dem hohen Anspruch an, die Probleme der Philosophie abschließend lösen zu wollen, wie Alexander Riebel in einem Artikel in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“ darlegt. Dabei versuchte der Pionier der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts mit seinem „Tractatus“, so Riebel, nichts weniger, als die Grenzen des Sinns zwischen dem neu zu ziehen, was zu sagen sinnvoll und was sinnlos ist. Denn „was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen“, war Wittgenstein überzeugt. Und das Kriterium dafür, was sich sinnvoll sagen lässt, war ihm eine Logik der Sprache.

Wittgenstein: Religiöse Fragen müssen gestellt werden

Wittgenstein wusste aber als getaufter Katholik auch, dass er hiermit nicht die ganze Realität erklärt hatte. Etwas Wesentliches fehlte hier noch – das Religiöse, dass er in den Kämpfen im Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte. Dieses Religiöse spielte im „Tractatus“ von Anfang an eine Rolle. „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“, heißt es hier, denn das bloß Rationale taste die Geheimnisse des Lebens und der Wirklichkeit überhaupt nicht an. An anderer Stelle hat er später geschrieben: „Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders, ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt.“ 

Lesen Sie auch:

Der gebürtige Österreicher und spätere Philosophieprofessor in Cambridge wollte immer, so Riebel, die Philosophie auch für die religiöse Erfahrung offenhalten. Es habe zwar laut Wittgenstein keinen Sinn, sich den religiösen Fragen mit der Logik des Verstandes anzunähern. Aber deswegen sind diese Fragen keineswegs wertlos, ja sie müssten aus seiner Sicht nur anders gestellt werden. Spreche man etwa von der „Liebe zu Gott“ anstatt nach seiner Existenz zu fragen oder nach Historischem, dann können man das Ungeheure des Glaubens viel leichter bewältigen.  DT/ari

Welche christlichen Denker und Literaten den jungen Wittgenstein besonders beeinflussten und warum dieser den Leser seines „Tractus“ paradoxerweise sogar dazu auffordert, seine eigenen logischen Sätze als sinnlos zu betrachten und zu überwinden, erfahren Sie in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Glaube Gott Ludwig Wittgenstein

Weitere Artikel

Soll man Gott vermissen müssen? Ein Streitgespräch zwischen Johannes Hartl und dem Philosophen Konrad Paul Liessmann über die Sinnhaftigkeit des Glaubens führt zu den letzten Fragen.
11.10.2026, 05 Uhr
Urs Buhlmann
Bei einer Firmung in Berlin geht es um Glauben, Vertrauen – und die Kunst des Sich-Fallenlassens.
03.10.2026, 19 Uhr
Alexander von Schönburg
Nackte Daten statt persönlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Ergebnisse: Lena Stahl verbindet in einem dystopischen Kriminalfilm die Frage nach Freiheit und Kontrolle.
30.09.2026, 19 Uhr
José García

Kirche

Die Pieper-Stiftung schlägt vor, über den US-Bischof Robert Barron und seine Theologie zu debattieren. Der nimmt es mit spöttischem Humor.
27.10.2026, 16 Uhr
Sebastian Ostritsch
Das Reiseprogramm bleibt, wie ursprünglich geplant, bestätigte der Vatikan: Papst besucht Mitte November Südamerika. Knapp einen Monat nach seiner Lungen-OP.
27.10.2026, 09 Uhr
Meldung
Christus verkünden statt auf die Straße mit Gebrüll: Frankreichs Bischöfe ermutigen die Jugend, gerade jetzt in der Heiligkeit zu wachsen. Die Unruhen zeugten von Sinnsuche.
26.10.2026, 14 Uhr
José García
Proteste in Frankreich, verfolgte Lebensschützer in England: Und trotz allem gibt es für Christen immer Grund zur Hoffnung. Das meinen auch Frankreichs Bischöfe.
26.10.2026, 11 Uhr
Elisabeth Hüffer
Kirchenvertreter und Jordaniens Großmufti verurteilen den Angriff auf eine orthodoxe Kirche und rufen zum Gebet und zum Zusammenhalt von Christen und Muslimen auf.
24.10.2026, 14 Uhr
Meldung