Von der ewigen Stadt zur Stadt des Lichts: Im neuen Buch von Lothar C. Rilinger spricht der Jurist und Philosoph von seiner – nicht ungetrübten – Liebe zu Paris. Es ist, nach drei Rom-Büchern, ein nachdenklicher Spaziergang durch jene Stadt, die ihm seit der Jugend vertraut ist. Rilinger reflektiert am Beispiel der französischen Hauptstadt, wie untreu die „älteste Tochter der Kirche“ – wie Frankreich genannt wird – ihrer Tradition geworden ist, aber auch, woher Hoffnung kommt.
Die Faszination für das Leichte und Schöne, das ihn in Paris überall anspringt, steht gegen die Neigung zum Pompösen, ja Überheblichen. „Es ist alles groß, nichts ist klein; in dem Adjektiv ‚grande’ konzentriert sich das französische Selbstverständnis, eine die Welt beherrschende Macht zu sein.“ Die Vettern auf der anderen Seite des Kanals sehen es freilich ähnlich. Rilinger weist darauf hin, dass der Triumphbogen so gebaut sei, „dass, vom Louvre aus gesehen, kein hinter dem Bogen errichtetes Gebäude den Blick beeinträchtigt, sondern die Avenue ungehindert in die Bläue des Himmels führt – zu dem Ort, in dem (…) Gott seine Herrschaft ausübt.“
Freiheit, Gleichheit, Überheblichkeit?
Seit der Revolution – Rilinger unterstreicht, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sich unter Strömen von Blut durchsetzten – nimmt diese sich selbst groß dünkende Nation auch eine „mission civilisatrice“ für sich in Anspruch. Davon zeugt, dass immer noch die Hälfte Afrikas Französisch spricht. Für ihre Ziele wusste die Republik auch die Missionare einzuspannen, bei aller Distanz zur Kirche. Für Rilinger ist aber auch der 1905 per Gesetz eingeführte strikte Laizismus letztlich nicht ohne christlichen Hintergrund denkbar: „Es ist das allgemeine Sittengesetz, das ja nichts anderes darstellt als den Dekalog, bereinigt von den göttlichen Geboten, und das die Grundlage des Handelns verkörpert.“
Dennoch sind Teile der Gesellschaft, etwa die höheren Ränge der Armee, solide katholisch. Auf der anderen Seite des Spektrums steht ein das Christentum geradezu hassender Denker wie Jean-Paul Sartre, der den jungen Lothar Rilinger faszinierte: Ein zu Studentenzeiten gekauftes Buch traf ihn „wie ein Blitz“. Sartre rief dazu auf, sein Leben neu zu denken, neu zu beginnen, was Rilinger damals beeindruckte. Später wurde ihm klar: „Durch seine Vorstellung, dass es keinen Gott gibt, maß er sich an, von der Schöpfung des Menschen durch sich selbst zu sprechen. (…) Er leugnet, dass dem Menschen ein Sittenkodex immanent sei, dass also die Sittlichkeit Teil der menschlichen Natur ist.“ Alles sei veränderbar und nichts sakrosankt.
Auf den Spuren des Glaubens
Von Sartre hat sich Rilinger heilen können, die Freude, im damals von Sartre bevorzugten Café de Flore einen Café Crème zu nehmen, ist geblieben. Ernst Jünger, der als deutscher Besatzungsoffizier drei Jahre in Paris war, wird einfühlsam gewürdigt. In Paris habe er sich vom Nihilismus abgewandt und über die Bibel seinen Weg zum Christentum begonnen. Mehrfach besuchte der Dichter die Messe, wobei sich ihm die Rolle Marias in der Erlösung erschloss.
In Jüngers Nachkriegsschrift „Der Friede“ von 1949 spielt die Kirche als grenzüberspannende Institution bereits eine wichtige Rolle. Rilinger urteilt: „Es war nicht nur ein weiter Weg hin zur Kirche, es war auch ein (…) ungewöhnlich langer. Die noch in Resten bestehende französische religiöse Kultur hat ihn für sich eingenommen.“ Notre-Dame, die Rilinger als Kirche wenig zusagt, weil sie, wie Kölner Dom und Stephansdom, in der Hand der Touristen ist, steht wiederum für beides: für die Vergangenheit des christlichen Frankreichs und für die Abkehr von der Religion am 10. November 1793, als sich eine Schauspielerin auf dem Hochaltar des Domes räkelte und als „Göttin der Vernunft“ verehrt wurde.
Jeanne d’Arc und die Grenzen des Laizismus
Das hielt nicht lange an, aber am Beispiel einer anderen Pariser Kirche, der noch von Ludwig XV. geplanten Madeleine, die Napoleon zunächst als Ruhmestempel der Armee in antiken Formen errichten ließ, um sie dann doch 1813 zur Kirche zu machen, lässt sich das stets wechselhafte Verhalten der Franzosen zum Glauben illustrieren. Der Kaiser kommt schlecht weg bei Rilinger, wird als bloßer Zerstörer gesehen, der er aber nicht nur war.
Auch der Beurteilung Voltaires als Atheisten ist nicht zuzustimmen. Wohl aber der Beobachtung zum Denkmal der Jeanne d’Arc an der Place des Pyramides. Die Gesetze von 1905 sahen vor, dass jedes religiöse Symbol aus der Öffentlichkeit zu verschwinden habe; das wird auch heute, wie Rilinger am Beispiel einer abgeräumten Michaels-Statue in der Vendée zeigt, durchgesetzt. Aber mitten in Paris steht die goldene Statue der Jeanne. „Die französische Republik hat ihren Frieden mit dieser Heiligen geschlossen und die Vorgaben des Laizismus missachtet.“ Auch das ist Frankreich, ein Land, in dem man einander leben lässt. Mit diesem sehr persönlichen Buch hat Lothar Rilinger nichts weniger als eine kleine Geistesgeschichte unseres Nachbarn vorgelegt.
Lothar C. Rilinger: Paris: Fluchtpunkt der Gedanken, Aachen: Bernardus-Verlag, 2026, 260 Seiten, Taschenbuch, EUR 22,– Der Rezensent ist Augustiner-Chorherr und schreibt über kulturelle Themen.
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