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Saint-Valery oder die Ordnung der Vögel

Das kleine Heiligtum Saint-Valery und sein Meeresfriedhof an den Klippen der Normandie sind ein besonderer Ort. Der Künstler George Braque fand hier seine letzte Ruhestätte.
Saint Valery
Foto: Hartmut Sommer | Ein Ort der Inspiration: Saint-Valery und der Meeresfriedhof mit Blick auf Dieppe und die Kreidefelsen.

Riskant an den Rand hoher, senkrecht ragender Kreidefelsen gebaut, liegt das Kirchlein Saint-Valery. Seit dem zwölften Jahrhundert steht es dort, dem heiligen Valerius geweiht, der im siebten Jahrhundert als Gründer der Abtei Leuconay an der Mündung der Somme wirkte. Das erste, im romanischen Stil errichtete Kirchenschiff wurde im 16. Jahrhundert um ein zweites gotisches ergänzt, das südlich an das erste anschließt. Höhlig wirkt dieser zweigeteilte Raum unter niedrigen Gewölben auf Säulen und Gurtbögen aus mild bräunlich schimmerndem Sandstein und grauem Flint. Stetig nagt die See an den achtzig Meter hohen Klippen und droht, das kleine Gotteshaus zu sich herabzureißen.

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Weit überschaut man von Saint-Valery aus die Felsklippen, die sich wie ein natürlicher Festungswall die Küste der Normandie entlangziehen, nur unterbrochen von Taleinschnitten, in denen sich dann die Ortschaften zusammendrängen. Meist sind es See- und Fischereihäfen wie Dieppe, das man östlich im Dunst liegen sieht, weil die Steilküste beim Kirchlein leicht vorspringt. Eine Allee, in der die tief hängenden Zweige der Bäume die Dächer der Touristenbusse peitschen, verbindet diese besondere Aussichtskanzel mit dem Dorf Varengeville-sur-Mer, das sich hinter einem Waldsaum vor dem Seewind duckt.

Kein Wunder, dass es Künstler an diesen inspirierenden Ort zog. Marcel Proust nannte ihn „göttlich“. Claude Monet und Joan Miró ließen sich hier von den maritimen Motiven der Gegend anregen. Andere kamen regelmäßig nach Varengeville oder haben sich sogar im Dorf angesiedelt und den Friedhof beim Kirchlein als letzte Ruhestätte gewählt, so der Komponist Albert Roussel, der Schriftsteller Georges de Porto-Riche, der Architekt Paul Nelson, der Maler und Komponist Michel Ciry, dessen Werk in Varengeville ein Museum gewidmet ist, die Maler Jean Francis Auburtin und Georges Braque. Cimetière marin, Meeresfriedhof, wird diese Begräbnisstätte genannt, was ihrer Lage entspricht, aber auch dadurch berechtigt ist, dass Jehan Ango (1480–1551), der bedeutende Reeder aus Dieppe, wahrscheinlich 1548 die Erweiterung der Kirche um ein zweites Schiff veranlasst hat. Er war Varengeville eng verbunden und ließ im Dorf ein Landschloss für sich errichten, das bis heute gut erhaltene Manoir d’Ango. Mit den Einnahmen seiner Handelsflotte und der von ihm ausgerüsteten Freibeuterfahrten gegen die Portugiesen konnte er es sich leisten. An die von ihm finanzierten Expeditionen in die Neue Welt erinnern Reliefs von Eingeborenen auf einer der Säulen zwischen den beiden Kirchenschiffen von Saint-Valery.

Ein Künstlerfriedhof am Meer

Auf dem Friedhof stemmen sich massive, wie für die Ewigkeit gemachte Grabmale, Liegeplatten und Steinkreuze gegen die Vergänglichkeit. Aus ihrem Grau in Grau heben sich die Grabstätten der Künstler heraus. Besonders die des Komponisten Albert Roussel (1869–1937) und seiner Frau zieht den Blick auf sich mit einem Monument in Form eines Sarkophags aus Bronze, verziert mit Reliefs, die Motive aus seinen Hauptwerken darstellen wie „Bacchus et Ariane“ und „Khrishna“. Auf der zum Meer ausgerichteten Seite ist das folgende, von ihm selbst verfasste Epitaph zu lesen: „Im Angesicht des Meeres werden wir unsere Leben beenden und uns schlafen legen, um aus der Ferne sein ewiges Murmeln zu hören.“ Auch das Grab von Georges Braque (1882–1963) verweist auf dessen künstlerisches Wirken. Ein Mosaik an der Grabplatte zeigt einen Vogel, sein zentrales Motiv seit 1929, das ihm hier in den Seevögeln, die über den Klippen kreisen, stets gegenwärtig gewesen ist und seit seiner Kindheit in Le Havre heimatlich vertraut war. Noch der achtzigjährige Braque widmete ihnen einen Zyklus von Lithografien, der 1962 zusammen mit Gedichten des Nobelpreisträgers Saint-John Perse unter dem Titel „L’ordre des oiseaux“ (Deutsch: „Die Ordnung der Vögel“) zunächst in einer auf 150 Exemplare limitierten Sonderedition erschien.

Auch die Kirche selbst ist ein Raum, wo Glaube und Kunst sich begegnen, einander bekräftigen. Neben die älteren Kunstwerke wie die Holzskulptur und den Gisant (Liegefigur) des Kirchenpatrons treten moderne: ein Gemälde von Michel Ciry, den auferstandenen Christus, den Erlöser, darstellend, und ein Fenster vom deutsch-belgischen Künstler Raoul Ubac (Rolf Ubach) in der mittleren der drei Kapellen im Chorhaupt. Die abstrakten Muster des Fensters sind in Blau gehalten und lassen ein zart leuchtendes Himmelslicht in das Halbdunkel des Kirchenraumes einfallen. In der südlichen Kapelle daneben ergänzt ein Kirchenfenster von Braque dieses Himmelsleuchten mit einer ebenfalls in Blau gehaltenen „Wurzel Jesse“ als das wohl bedeutendste Kunstwerk des Kirchleins. Es wurde 1956 entworfen und 1963 kurz vor dem Tod des Malers eingesetzt.

Georges Braque und die religiöse Kunst

Was, so lässt sich fragen, hat Georges Braque zu dieser religiösen, ja sogar kirchlichen Kunst geführt? Was hat ihn darauf vorbereitet und konnte ihn entsprechend einstimmen? Ist doch die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen religiöser Kunst nach „De pictura sacra“ (1624), der wirkungsreichen Anleitung für Künstler von Federico Borromeo, Cousin des heiligen Carlo Borromeo, dass der Künstler selbst ein Verhältnis zum Glauben hat. Nur dann nämlich fühlt, ahnt, ersehnt er, was er gestalten soll, und kann seinem Werk religiöse „Stimmungskraft“ verleihen, wie es in der treffenden Umschreibung des Religionswissenschaftlers Rudolf Otto heißt. Bekannt geworden ist Braque zusammen mit Pablo Picasso vor allem als Begründer des Kubismus, eines von den beiden Künstlern ab 1906 entwickelten revolutionären Stils, der alle bisherigen Kunstmaßstäbe überwinden wollte und dazu unter anderem die klassische Perspektive durch eine multiple ersetzte und Formen in geometrische Elemente auflöste. Braques Mitstreiter Picasso hielt Abstand zu Kirche und Glauben. Er lehnte dementsprechend jegliche Anfragen zur Mitarbeit an religiösen Kunstprojekten ab. Der Dominikanerpater Marie-Alain Couturier hatte ihn zur Mitgestaltung der zwischen 1937 und 1946 für die Tuberkulose-Sanatorien auf dem Hochplateau von Assy in den französischen Alpen erbauten Kirche Notre-Dame-de-Toute-Grâce eingeladen. Anders als Marc Chagall und Henri Matisse, die Bedeutendes zur Ausgestaltung der zu einem Gesamtkunstwerk gewordenen Kirche beitrugen, blieb er dem Projekt fern. Braque dagegen beteiligte sich daran mit der Gestaltung eines Tabernakels. Bereits während seiner frühen kubistischen Phase hatte er im Gemälde „Mädchen mit einem Kreuz“ von 1911 christliche Themen und Symbole aufgenommen. Auf der Brust trägt die kubistisch transformierte Gestalt ein Kreuz als deutlich hervorgehobenen Hinweis auf den spirituellen Hintergrund. Der Blumenschmuck im Haar könnte auf die heilige Margareta von Antiochia deuten, die sich nach der Hagiografie mit dem Kreuzzeichen vor einem Drachen rettete (Alex Danchev).

Der Erste Weltkrieg war für Braques Weg ein tiefer Einschnitt. Am 11. Mai 1915 wurde er bei einer der blutigen Offensiven am Artois-Bogen als Leutnant der Infanterie schwer am Kopf verwundet, ein Trauma, das ihn auch künstlerisch neu ausrichtete. Seine Linien befreiten sich mehr und mehr aus dem Korsett der kubistischen Konstruktionsprinzipien, bis sie in „L’ordre des oiseaux“ zu einem vollkommen freien Schwingen geworden waren. 1930 ließ er sich auf Vermittlung des Architekten Paul Nelson in Varengeville nieder und verbrachte dort fortan Sommer und Herbst. Der Ortspfarrer des Dorfes, für dessen Kapelle Saint Dominique er ein Triptychon-Fenster und eine Tabernakeltür geschaffen hat, sah ihn nur selten in der Kirche, kannte ihn aber gut und sah bei ihm ein „religiöses Gefühl“. Der religiöse Zugang Braques war sein Blick in die Tiefe der Dinge, in ihr ideales Wesen, mit den Mitteln seiner Kunst, im Überstieg des rationalen Verstehens. Die begriffslose Versenkung des Zen zog ihn daher besonders an. Ernst Jünger, ein Seelenverwandter mit seinem Blick auf das unzerstörbar Ideenhafte und damit letztlich Göttliche hinter den Erscheinungen, suchte Braque am 4. Oktober 1943 in seinem Pariser Atelier auf und erkannte in ihm treffsicher einen Künstler, der immer tiefer schürft, „dorthin, wo die Idee sich schlummernd, trächtig und in kristallener Schönheit dem Geiste offenbart“.

Der Verfasser ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer.

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