Christopher Clark, der australische Historiker und Preußen-Kenner, hat mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ über die Genese des Ersten Weltkriegs selbst ein wenig Geschichte geschrieben. Nun legt er mit „Skandal in Königsberg“ eine kleine Milieustudie abseits der großen Politik vor, die zeigt, dass öffentliche Brandmarkung und Medienmacht keine Erfindung unserer Zeit sind. Auf die in Königsberg, der historischen Hauptstadt Preußens, in den 1830er-Jahren spielende Geschichte kam der Professor durch seine Archivstudien. Er stieß auf zwei junge lutherische Geistliche, die zu erfolgreichen Menschenfischern wurden, dann aber durch vermutete Grenzüberschreitungen in einen Skandal gerieten, der sie die Reputation kostete.
Königsberg in der Biedermeierzeit wird von Clark als provinziell beschrieben und damit auch als ein Ort, der anfällig war für jede Form von Abwechslung, und sei es durch einen Skandal. Im Sommer 1835 erhielt der Kultusminister in Berlin, Karl vom Stein zum Altenstein, einen Bericht, der es in sich hatte: „Eine bizarre Sekte, von den esoterischen Lehren eines toten Exzentrikers beeinflusst, hatte im Herzen des religiösen Lebens der Stadt Fuß gefasst“, resümiert Clark. Johann Heinrich Schönherr, Sohn eines Unteroffiziers, fühlte sich auch ohne Studium zu kosmologisch-theologischen Überlegungen berufen. Er vertrat die Idee, dass die Schöpfung auf der Vereinigung zweier entgegengesetzter Prinzipien, die er als große Wasser- und Feuerkugeln beschrieb, entstanden sei. Auch sei die Bibel immer wörtlich zu nehmen; als man ihm das Jesus-Wort entgegenhielt „Ich bin der Weinstock“, habe Schönherr „seelenruhig erwidert, dass Jesus wirklich ein Weinstock gewesen sein müsse“. Auch lehrte er, dass Licht das lebensspendende männliche Prinzip, Wasser das nährende geistige Gegenstück sei. Clark: „Diese beiden Urwesen, das höchste Männliche und das höchste Weibliche, in einer ewigen und unabdingbaren Union vereint, erklärten demnach einfach alles.“
Frauen hingen an seinen Lippen
Eigentlich erstaunlich, dass diese wirren Gedanken dann von zwei angehenden Pastoren in Königsberg aufgegriffen wurden, dem ätherischen Johann Ebel und dem etwas robusteren Georg Diestel. Während Schönherr, der 1826 in Armut starb, die einfachen Leute ansprach, konnten Ebel und nach ihm dann Diestel auch Höhergestellte mit ihrer Interpretation der Ursprungslehre erreichen. Schon Schönherr hatte angenommen, dass die beiden Urwesen, gigantischen Eiern gleich, in der Finsternis umhertrieben und per Zufall aufeinandergeprallt wären. Die Parallele zum menschlichen Geschlechtsakt lag nahe. Hier beginnt der Skandal.
Der Vorwurf, den man den beiden Religionsdienern machte, nämlich empfindsame Frauen zu sexueller Zügellosigkeit und außerehelichem Geschlechtsverkehr ermuntert zu haben, ist durch keinerlei Fakten belegt und hat gerade daher die Merkmale eines echten Medienskandals. Ebel, ein schlanker, eleganter Mann, pflegte, seine Predigten mit heißen Gebeten zu beginnen und zu beschließen. Die Gemeinde, vor allem die Frauen, hing an seinen Lippen. Er war geradezu auserwählt, Opfer von Verleumdungen zu werden. Für die Schriftstellerin Fanny Lewald, die ihn als Lehrer hatte, „sah er wirklich wie ein Apostel aus“.
Pastor Diestel konnte solche Gefühle nicht entflammen, aber er hatte andere Qualitäten, so Clark: „Ebel war ein sanftmütiger Exzentriker (…). Diestel war von ganz anderem Schlag. Er war eigensinnig, leidenschaftlich, extrem wehrhaft mit Blick auf seinen Freund Ebel und sehr leicht aufzubringen.“ So nahm die Tragödie ihren Lauf, nachdem die Anschuldigungen – wie gesagt, ohne Belege – ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden. Mitglieder der Theologischen Fakultät ergriffen für oder gegen die Beschuldigten Partei. Clark: Diese „Rivalität war erstaunlich angesichts der Tatsache, dass beide Gruppen biblisch orientierte Formen des Christentums repräsentierten, die sich sowohl gegen Rationalismus als auch gegen die religiöse Gleichgültigkeit (…) wandten“.
In der Tat muss der bizarre Streit vor dem Hintergrund der damaligen geistigen Situation verstanden werden. Es war eine Übergangszeit von der Aufklärung zur Romantik. Vorderhand war nach Napoleons Ende Ruhe eingekehrt. Tatsächlich aber beschäftigte viele Menschen die Frage, wie sie ihren Offenbarungsglauben gegen den kalten Rationalismus verteidigen konnten. In dieser Zeit der Verunsicherung konnte ein Skandal, der Kirchenmänner der Unmoral bezichtigte, besonders gut zünden. Erst das Berufungsverfahren gegen Ebel und Diestel befreite die beiden vom Vorwurf der Pflichtverletzung, dennoch blieben sie Gezeichnete. Clark, der die Geschichte ungeheuer spannend erzählt, macht deutlich, dass auch schon vor Erfindung der sozialen Medien Rufmordkampagnen erfolgreich waren, wenn ihnen nur ein glaubhaftes Motiv zugrunde lag.
Christopher Clark: Skandal in Königsberg, Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen, München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2026, 223 Seiten, gebunden, EUR 25,–
Der Rezensent ist Augustiner-Chorherr und schreibt über kulturelle Themen.
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