Als seinem Verwalter einige Stuten und Fohlen verendeten, weil sie falsch gefüttert worden waren, tobte der Feldherr Albrecht von Wallenstein vor Wut. An zwei Fohlen sei ihm mehr gelegen als an zwei Meierhöfen, heißt es in der Überlieferung. Der Ausspruch gewährt einen Einblick in die beinahe empfindsame Seite des gefürchteten Heerführers. Doch Wallensteins Verhältnis zu den Pferden ging weit über diese Zuneigung hinaus. Edle Rösser waren Statussymbole, die kostbarsten konnten den Wert eines Landgutes erreichen. Wallenstein widmete seiner Pferdezucht große Aufmerksamkeit. Als ihm die Fohlen auf seinem Gestüt in Smrkovitz zu wohlgenährt erschienen, machte er den Gestütmeister dafür verantwortlich. Er habe den Gestütmeister nicht für einen solchen Esel gehalten, dass ihm das entgangen sei: Die Weide in Smrkovitz sei für Fohlen zu fett; ältere Pferde könnten dort grasen, die Fohlen müssten ins bergige Gelände gebracht werden, wo sie sich ausreichend bewegen könnten. Die Episode zeigt, mit welchem Ehrgeiz und welcher Sorgfalt Wallenstein seine Besitzungen verwaltete.
Bernd Roeck nutzt solche Anekdoten, um Wallenstein jenseits der überlieferten Feldherrenlegende sichtbar zu machen. Wallenstein gehörte zu den einflussreichsten kaiserlichen Heerführern des Dreißigjährigen Krieges. Auf kaiserlicher Seite kämpfte er gegen die protestantischen Aufständischen und Fürsten sowie gegen Dänemark und Schweden. Zeitweise arbeitete er dabei mit den Truppen der Katholischen Liga zusammen, ohne dass daraus ein spannungsfreies Bündnis wurde. Roeck war bis zu seiner Emeritierung im Januar 2019 Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. 2017 legte er mit „Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance“ eine umfassende Darstellung dieser Epoche vor. Auch seine Wallenstein-Biografie richtet den Blick auf die geistigen, politischen und gesellschaftlichen Kräfte seiner Zeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Wallensteins Leben bestimmte und welche Widersprüche es prägten.
Unternehmer, Finanzier und politische Stratege
Albrecht von Wallenstein war mehr als ein erfolgreicher Feldherr: Er war Unternehmer, Finanzier und politischer Stratege. Sein Aufstieg beruhte nicht allein auf militärischem Geschick, sondern ebenso auf der Fähigkeit, Besitz, Kredit und wirtschaftliche Ressourcen für seine Unternehmungen zu nutzen. Roeck beschreibt, wie Wallenstein ein weitreichendes Herrschafts- und Wirtschaftsgebilde aufbaute und in den Dienst seiner politischen und militärischen Ziele stellte. Auch Wallensteins Kriegsführung beruhte darauf, die Armee aus den Ressourcen der von ihr beanspruchten und besetzten Gebiete zu versorgen und zu finanzieren. Die Lasten dieses Systems trugen vor allem jene, die über keine politische oder militärische Macht verfügten. Einquartierungen, Kontributionen und Plünderungen bestimmten den Alltag großer Teile der Bevölkerung. Die ökonomische Rationalität hatte eine soziale Kehrseite, die Roeck nicht aus dem Blick verliert. Wallenstein suchte nicht um jeden Preis die Entscheidung in der offenen Feldschlacht. Er wusste, dass Versorgung, Nachschub und die Erschöpfung des Gegners über den Ausgang eines Feldzugs entscheiden konnten. Der Krieg war für ihn nicht nur ein Kampf der Waffen, sondern auch ein Wettbewerb der Ressourcen und der Ausdauer. Sein Kalkül reichte weit über das Schlachtfeld hinaus; die Folgen bekamen die Bewohner ganzer Landstriche zu spüren.
Wallensteins Leben war auch von einem konfessionellen Wechsel geprägt: Er wurde in eine protestantische Familie hineingeboren, trat später zum katholischen Glauben über. Wann genau dieser Schritt erfolgte, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Roeck erwägt, dass Wallenstein bereits während seiner Jahre im mährischen Jesuitenkolleg zum Katholizismus übertrat. Eine genaue Datierung lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Die Erzählung, ein Sturz aus einem Fenster auf Schloss Ambras und die Rettung durch die Muttergottes hätten ihn dazu bewegt, gehört ins Reich der Legenden. Seine Pilgerreise nach Loreto und die Förderung der Jesuiten belegen die Bedeutung des katholischen Glaubens in seinem späteren Leben. Zugleich blieb sein Verhältnis zur Konfession von politischen Interessen geprägt. Auf seinen mährischen Gütern erwogen Wallenstein und die Jesuiten zeitweise, die Bekehrungsbemühungen nötigenfalls mit Soldaten durchzusetzen. Sein Schwager erinnerte ihn daran, dass allein der König oder dessen Statthalter das Recht hätten, zur Waffe zu greifen. Wallenstein gab nach und versuchte es zunächst mit Zugeständnissen. Später ließ er die Rekatholisierung mit Nachdruck betreiben.
Das Vermächtnis Wallensteins lebte in der Literatur fort. Vor allem Friedrich Schiller hat ihn mit seiner Dramentrilogie „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Tod“ dem deutschen Gedächtnis eingeschrieben. Schillers Feldherr ist eine tragische Gestalt zwischen Machtanspruch, politischer Loyalität und persönlichem Schicksal. Seither steht der Name Wallenstein für den Heerführer des Dreißigjährigen Krieges ebenso wie für eine der großen ambivalenten Figuren der deutschen Literatur. Roeck ergänzt und korrigiert dieses literarische Bild durch historische Forschung. So erscheint Wallenstein als eine Persönlichkeit, deren Handeln vom Dreiklang „Gewalt, Geld, Glaube“ bestimmt war – und deren Widersprüche sich jeder eindeutigen Deutung entziehen. Darin liegt die Faszination dieser Biografie.
Bernd Roeck: Wallenstein. Gewalt, Geld, Glaube, München: Verlag C. H. Beck, 2026, 844 Seiten, EUR 44,–
Der Rezensent ist Publizist und studierter Literaturwissenschaftler. Er betreibt den Instagram-Kanal „Das klassische Buch“.
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