Drei Jahrzehnte lang glaubten viele Deutsche, die großen geopolitischen Konflikte des 20. Jahrhunderts seien Geschichte. Die Bundesrepublik war „von Freunden umgeben“, Europa wuchs zusammen, Grenzen verloren an Bedeutung, und für Sicherheit sorgten im Zweifel die Amerikaner. Krieg zwischen europäischen Staaten schien kaum noch vorstellbar. Also rüstete Deutschland ab und konzentrierte sich auf das, was es besonders gut konnte: Handel treiben und Wohlstand schaffen. Wirtschaftliche Verflechtung galt dabei nicht als Risiko, sondern als Friedensgarantie: Wer miteinander Geschäfte machte, so die Hoffnung, würde nicht aufeinander schießen. Kaum ein anderes Land hatte es sich in der Welt nach dem Kalten Krieg so bequem eingerichtet.
Der 24. Februar 2022 beendete diese Illusion. Russlands Überfall auf die Ukraine traf Deutschland völlig unvorbereitet. Plötzlich wurde klar, wie sehr das Land seine Sicherheit vernachlässigt und sich von anderen abhängig gemacht hatte. Doch der Krieg war nur das sichtbarste Zeichen eines globalen Umbruchs, der schon lange vorher begonnen hatte und weit über Russland hinausreicht. Fast alles, was in den 1990er Jahren noch als Gewissheit galt, ist inzwischen ins Wanken geraten. Die Hoffnung, dass sich Demokratie und Rechtsstaat immer weiter ausbreiten würden, hat sich ins Gegenteil verkehrt. China fordert die USA heraus; Russland versucht mit Gewalt, die europäische Ordnung zu verändern; und Regionalmächte wie der Iran verfolgen immer selbstbewusster ihre eigenen Interessen. Auch die USA setzen sich zunehmend über Regeln hinweg, die sie selbst einmal geschaffen haben.
Neuer geopolitischer Machtkampf
Der neue geopolitische Machtkampf hat längst auch die Wirtschaft erfasst. Die Globalisierung, die über Jahrzehnte fast nur als Chance galt, wird heute zunehmend als Risiko gesehen. Lieferketten und Rohstoffe sind zu Fragen der Sicherheit geworden, Energie und Technologie zu Instrumenten der Macht. Zölle, Sanktionen und Exportverbote gehören wieder zum politischen Alltag. Hinzu kommen langfristige Entwicklungen, die noch grundlegender sind. Die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Kriegsführung. Der Klimawandel verschärft bestehende Konflikte und setzt neue Migrationsbewegungen in Gang. Und der demografische Wandel verschiebt die Gewichte zwischen Staaten und Regionen: weg von Ländern, die altern und schrumpfen, hin zu solchen, die weiter wachsen.
Keine dieser Veränderungen lässt sich isoliert betrachten. Entscheidend ist, dass sie gleichzeitig stattfinden und sich gegenseitig verstärken. Irgendwann mag aus dem aktuellen Chaos ein neues Gleichgewicht mit klaren Regeln und Machtverhältnissen entstehen. Für die absehbare Zukunft aber leben wir in einem Interregnum: Die alte Ordnung trägt nicht mehr, eine neue ist noch nicht entstanden. Und genau solche Zeiten sind historisch meist von Unsicherheit, Konkurrenz und Konflikten geprägt. Es ist also kein Zufall, dass Sicherheit wieder zu einem zentralen Thema geworden ist. Doch was ist mit Sicherheit eigentlich gemeint? In Deutschland war die Antwort auf diese Frage lange erstaunlich einfach. Es gab die äußere Sicherheit, also die Abwehr von Krieg und ausländischen Bedrohungen, für die vor allem die Bundeswehr zuständig war. Und es gab die innere Sicherheit: den Schutz vor Kriminalität und Terrorismus, der Aufgabe von Polizei und Verfassungsschutz war.
In der Wissenschaft galt diese Zweiteilung schon früh als zu eng. Der britisch-kanadische Politikwissenschaftler Barry Buzan unterschied deshalb neben militärischer und politischer auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Sicherheit. Damit rückten neue Bedrohungen in den Blick, die sich nicht eindeutig in „innen“ oder „außen“ einteilen ließen. Es entstand allerdings auch ein Problem: Wird der Sicherheitsbegriff auf immer mehr Bereiche ausgedehnt, verliert er früher oder später seine Trennschärfe. Wenn alles Sicherheit ist, ist am Ende nichts mehr Sicherheit.
Wir müssen Sicherheit strategischer denken
Nationale Sicherheit meint in meiner Sicht den Schutz der Existenz und Unabhängigkeit des Staates sowie von Leben und körperlicher Unversehrtheit seiner Bürger. Das ist breiter als der klassische deutsche Sicherheitsbegriff, aber es ist eng genug, um nicht jedes politische Problem zur Sicherheitsfrage zu erklären. Mein Argument ist, dass Deutschland Sicherheit neu und vor allem strategischer denken muss. Die sogenannte Zeitenwende hat vieles verändert, doch mehr Geld für die Bundeswehr und neue Waffen allein machen noch keine Strategie. Der Begriff „strategisch“ bedeutet dreierlei: Erstens muss Sicherheit langfristig gedacht werden, über Legislaturperioden hinaus, mit klaren Prioritäten und dem Willen, Fähigkeiten aufzubauen, die sich erst nach Jahren auszahlen. Zweitens müssen die verschiedenen Bereiche von Sicherheit stärker miteinander verzahnt werden. Militär, Geheimdienste, Polizei, Wirtschaft, Energie oder Bevölkerungsschutz lassen sich nicht länger getrennt voneinander betrachten. Drittens muss Sicherheit auch dort mitgedacht werden, wo sie nicht auf den ersten Blick im Mittelpunkt steht, bei Investitionen, Infrastruktur, Technologie oder Rohstoffen. Dass all dies in Deutschland noch immer nicht selbstverständlich ist, zeigt, wie weit der Weg seit der Zeitenwende noch ist. Sicherheitspolitisch muss Deutschland erst noch erwachsen werden.

Ohne Sicherheit können Menschen nicht ihre politischen Rechte ausüben. Ohne Sicherheit gibt es keine verlässlichen Investitionen und keinen dauerhaften Wohlstand. Ohne Sicherheit wird ein Staat von anderen abhängig, und damit erpressbar. Sicherheit steht deshalb nicht einfach neben anderen politischen Aufgaben. Sie schafft die Voraussetzungen, unter denen Freiheit, Wohlstand und Souveränität erst möglich werden. Um es – leicht abgewandelt – mit Willy Brandt zu sagen: Sicherheit ist nicht alles. Aber ohne Sicherheit ist alles nichts.
Wozu braucht Deutschland eine große Armee?
Während des Kalten Krieges musste niemand lange erklären, wozu die Bundeswehr da war. Ihre Aufgabe bestand darin, einen groß angelegten Angriff aus dem Osten abzuschrecken und ihn notfalls abzuwehren. Dafür brauchte Deutschland eine große Landarmee, und in den 1980ern hatte die Bundeswehr deshalb auch weit über 500.000 aktive Soldaten. Mit dem Ende des Kalten Krieges ging diese Klarheit verloren. Der Ostblock verschwand, und eine Invasion schien auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Damit stellten sich Fragen, auf die es drei Jahrzehnte lang keine überzeugende Antwort gab: Wofür brauchte Deutschland noch eine große Armee? Und wenn von außen keine Gefahr mehr drohte: Wozu brauchte es überhaupt eine Armee?
Zunächst suchte die Bundeswehr ihre neue Rolle außerhalb Deutschlands. In den 1990er Jahren beteiligte sie sich erstmals an internationalen Friedensmissionen, im Kosovo schließlich auch an einem Kampfeinsatz. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde Afghanistan zur bestimmenden Mission. Bis zu 5.500 deutsche Soldaten waren zeitweise dort stationiert, um die neue Regierung zu stabilisieren.
Verteidigungsminister Peter Struck erklärte damals, Deutschlands Sicherheit werde „auch am Hindukusch verteidigt“. Das sollte den Auslandseinsätzen eine verteidigungspolitische Logik geben, überzeugte aber längst nicht jeden. Afghanistan liegt mehr als 5.000 Kilometer von Deutschland entfernt. Für Einsätze dieser Art benötigte man keine Massenarmee, die für einen Krieg in Mitteleuropa aufgestellt worden war. So schrumpfte die Bundeswehr immer weiter: auf rund 250.000 Soldaten im Jahr 2010 und nach der Aussetzung der Wehrpflicht auf 180.000 zu Beginn der 2020er Jahre. Als der Afghanistan-Einsatz im Sommer 2021 im Chaos endete, zeigte sich, wie weit sich die Bundeswehr von ihrer ursprünglichen Rolle entfernt hatte – und wie unklar ihre künftige Aufgabe schien.
Die Bundeswehr wieder kampffähig machen
Der entscheidende Wendepunkt kam im Februar 2022 mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine. Plötzlich war Landes- und Bündnisverteidigung wieder der zentrale Auftrag. Das wichtigste Bedrohungsszenario erinnerte an den Kalten Krieg: ein Angriff Russlands, wenn nicht auf Deutschland selbst, dann auf Polen oder die baltischen Staaten. Damit brauchte Deutschland wieder eine starke Landarmee. Als größter NATO-Staat Mitteleuropas sollte es Truppen zur Verteidigung der Ostflanke bereitstellen und zugleich zum Drehkreuz für alliierte Verbände werden. Vor allem aber musste die Bundeswehr in der Lage sein, einen längeren Krieg gegen einen ernsthaften Gegner durchzuhalten.
Auf all das war sie 2022 kaum vorbereitet. Jahrelange Vernachlässigung spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass mit einem solchen Krieg niemand mehr gerechnet hatte. Praktisch über Nacht sollte aus einer auf Auslandseinsätze zugeschnittenen Bundeswehr wieder eine Armee werden, die Russland glaubwürdig abschrecken und notfalls einen großen Krieg in Europa führen konnte. Genau darum ging es bei der „Zeitenwende“. Trotz Hunderter Milliarden Euro zusätzlicher Verteidigungsausgaben bleiben allerdings auch vier Jahre später große Baustellen. Die erste davon ist das Personal. In weniger als zehn Jahren soll die Bundeswehr auf 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten wachsen. Das wäre ein gewaltiger Anstieg.
Bislang tut sich die Bundeswehr schwer, genügend Menschen für sich zu gewinnen. Trotz allgegenwärtiger Werbung fehlt ein Anreizsystem, wie es etwa die USA über Jahrzehnte aufgebaut haben: mit finanzierten Studienplätzen, günstigen Immobilienkrediten, einer attraktiven Altersvorsorge und Leistungen für Familien – aber auch mit gesellschaftlicher Anerkennung für diejenigen, die ihrem Land gedient haben. Auch die geplante Rückkehr zur Wehrpflicht löst das Problem nicht. Wie junge Menschen davon überzeugt werden sollen, einen Teil ihres Lebens bei der Bundeswehr zu verbringen, bleibt ebenso offen wie die Frage der Wehrgerechtigkeit: wer zum Dienst verpflichtet wird – und nach welchen Kriterien andere verschont bleiben. Für den massiven Personalaufwuchs gibt es Ziele und Maßnahmen. Was weiterhin fehlt, ist ein überzeugender Plan, wie diese tatsächlich erreicht werden können.
Das zweite Problem heißt Aufrüstung: Welche Waffen braucht die Bundeswehr für die Kriege der Zukunft? Seit der Zeitenwende wurden Hunderte Milliarden Euro für neue Ausrüstung bereitgestellt. In den ersten Jahren ging es vor allem darum, alte Lücken zu schließen und die Bundeswehr überhaupt wieder kampffähig zu machen. Die eigentliche Transformation begann später: Erst 2025 wurden neue NATO-Fähigkeitsziele beschlossen und eine Militärstrategie formuliert, die festlegt, wie die Bundeswehr künftig kämpfen will. Doch womöglich verändert sich die Kriegsführung schneller als die Bundeswehr. In der Ukraine spielen billige, massenproduzierte und zunehmend autonome Systeme eine immer größere Rolle. Drohnen für wenige Tausend Euro können Panzer zerstören, die Millionen kosten. Der Ökonom Moritz Schularick warnt deshalb vor Milliardeninvestitionen in „Altmetall“. Darüber, wie die richtige Mischung aus neuen und alten Systemen aussehen soll, wird jedoch bislang kaum diskutiert. Beamte entscheiden über riesige Summen, ohne dass klar erkennbar ist, welcher Strategie diese Ausgaben folgen – oder ob es überhaupt eine gibt.
Europa baut zu sehr auf Amerika
Das vielleicht größte Fragezeichen ist politischer Art: Wie verlässlich sind die USA noch? Unter Donald Trump hat Washington immer wieder signalisiert, dass ihm die Verteidigung Europas egal ist, er die Europäer für „Schmarotzer“ hält und mit Putins Großmachtdenken mehr anfangen kann als mit den Sorgen seiner Verbündeten. Für Europa ist das ein fundamentales Problem. Die NATO hängt bis heute in systemisch entscheidenden Bereichen von den USA ab: bei Aufklärung und Satelliten, strategischem Lufttransport, Luft- und Raketenabwehr, Logistik und Munition. Vor allem jedoch beruht ihre Abschreckung auf dem Versprechen der mächtigsten Militärmacht der Welt, Europa im Ernstfall zu verteidigen.
Trotzdem tun Europäer weiter so, als sei alles beim Alten. Es gibt weder ernsthafte Anstrengungen, die europäische Säule der NATO so zu stärken, dass sie notfalls ohne die USA auskommt, noch eine gemeinsame Strategie für eine leistungsfähige europäische Rüstungsindustrie. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Man gibt weiter zig Milliarden für amerikanische Waffensysteme aus und bindet sich damit langfristig an US-Technologien. Noch immer setzt Europa darauf, dass es Amerika im Notfall schon verteidigen wird. Doch kann Europa seine Sicherheit wirklich darauf bauen? Eine echte Zeitenwende sollte weit über die Bundeswehr hinausgehen. Sie müsste klären, wie Europa seine Sicherheit künftig organisieren will – und welche Rolle die USA dabei noch spielen. Davon sind wir nach wie vor weit entfernt.
Peter R. Neumann zählt zu den führenden Sicherheitsexperten. Der gebürtige Würzburger, Jahrgang 1974, lehrt als Professor für Security Studies am King’s College London. Neumann, der im Bundestagswahlkampf 2021 dem „Zukunftsteam“ von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet angehört hat, meldet sich auch regelmäßig in deutschen Debatten zu Wort. Kürzlich veröffentlichte der Bestseller-Autor zusammen mit „Tagespost"-Autor Richard C. Schneider „Das Sterben der Demokratie. Der Plan der Rechtspopulisten – in Europa und den USA“, 2024 erschien „Die Rückkehr des Terrors. Wie uns der Dschihadismus herausfordert“. Seine Reihe zur „Zukunft der Sicherheit“ erscheint exklusiv in den kommenden Ausgaben der „Tagespost".
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