Marcel Proust

Marcel Proust: Erinnerung ist das wahre Leben 

Marcel Proust schuf ein Schlüsselwerk der Moderne, das die offenen und verdeckten Auseinandersetzungen der zeitgenössischen französischen Gesellschaft abbildete. Eine Betrachtung zu seinem 150. Geburtstag.
Die wiedergefundene Zeit LE TEMPS RETROUVE F IT POR 1999 Regie Raoul Ruiz MARCELLO MAZZARELLA
Foto: imago stock&people

Die Existenzform, die er sich wählte, ist in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg außer Übung gekommen. Sie passte nicht mehr in eine Zeit permanenter Aufregung, in der man sich ständig für oder gegen etwa erklären muss. Marcel Proust, vor 150 Jahren in Paris als Sohn reicher Eltern geboren, war in erster Linie Beobachter seiner selbst, dann der Umwelt. Der Roman-Kosmos, den er entwarf, entstammt seiner Imagination, ist literarischer Impressionismus. Sein äußeres Leben war mit 35 Jahren quasi vorbei, den Umständen geschuldet. Er kann es sich leisten, sich auf sich selbst zurückziehen, mit dem elterlichen Erbe ein behagliches Leben zu gestalten. Die sich verschlimmernde Krankheit zwingt ihn mit der Zeit ins Zimmer und ins Bett. Die „temps perdu“ seiner Jahre, diese verlorene Zeit, gerinnt durch sein mikroskopisches Erinnerungsvermögen und die geniale Assoziationsgabe zu Rechenschaft und Zeit-Abbild zugleich. 1913, als die von ihm geschilderte Welt des Adels und des Großbürgertums schon zu verwehen beginnt, erscheint der erste Band; als der letzte 1927 herauskommt, ist der Autor schon fünf Jahre tot. Zu den sieben Büchern der „Suche nach der verlorenen Zeit“ sagt man im Nachbarland: Es gibt ein Leben vor der Proust-Lektüre – und eines danach.

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Es fällt leicht, Proust – überverwöhnt, übersensibel, frühreif, snobistisch – in die Ecke des literarischen Dandys abzudrängen. Dies anzunehmen war auch schon bei Oscar Wilde ein Fehler. Seit dem ersten Asthma-Anfall als Kind war er ein Leidender, vom Leben verwiesen in die Rolle des Beobachters. Darin allerdings war er groß, sein Romanwerk bildet die offenen und verdeckten Auseinandersetzungen der zeitgenössischen französischen Gesellschaft ab. Neben der meisterlichen Sprache bezieht es seinen Rang aus der Zeitzeugenschaft. Der Roman ist auch Kommentar zur Sozialstruktur und Innenpolitik Frankreichs: Der Adel, der meint, dass er noch etwas zu sagen hat und der die reale Macht schon lange abgegeben hat an das Bürgertum – das sich dennoch gerne mit den Trägern alter Namen umgibt.

„Alles fließt leicht und elegant dahin,
wie ein literarisches Soufflé“

Die Dreyfus-Affäre, die zwischen 1894 und 1906 in einem heute nicht mehr vorstellbaren Maß das ganze Land aufrührte und spaltete, taucht oft auf. Proust, Sohn eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter, die bei der Hochzeit die katholische Erziehung der Kinder versprechen musste, hatte Grund, sich dafür zu interessieren. Sensibel nahm er wahr, wie es um die Stellung der Juden im Land, also auch bei ihm selbst, bestellt war. Bemerkenswerterweise zeigte der Adel viel weniger Berührungsängste als Teile des Bürgertums. Prousts Romanfigur Charles Swann bekennt sich als Dreyfus-Unterstützer und von daher gewinnt die Tatsache, dass er auch Jude ist, Bedeutung. Immer wieder baute der Schriftsteller seinen Freundes- und Bekanntenkreis in das Werk ein. Die Proust-Habitués machen ein Gesellschaftsspiel daraus, sie zu enttarnen.

Das andere Spiel war es, über den Fragebogen, den Proust nicht erfunden hatte, den er aber liebte und den man ehrlich oder vage ausfüllen konnte, das Gegenüber elegant auszufragen. Fast ist es eine Sünde – wie bei Shakespeare – Proust nicht in seiner Sprache zu lesen, es entgeht einem so viel. Die überlangen Sätze, die sich mäanderhaft gabeln, die Analogien und Metaphern, die Farben, die Personen und Städten zugeordnet werden – doch alles fließt leicht und elegant dahin, wie ein literarisches Soufflé. In Anlehnung an Flaubert will der Autor in seinem Werk die „vision personelle du monde“ ausbreiten.

Religion als Quelle ästhetischer Erinnerung

Dieser konsequente Subjektivismus lebt von der Verarbeitung der persönlichen Erinnerungen und Eindrücke. Die magische, von einer Unzahl von Assoziationen durchflutete Erinnerung begreift Marcel Proust als das eigentliche Leben. Zugleich ist es das, was ihm, dem Kranken, vom Leben bleibt. In der Philologie spricht man vom Madeleine-Effekt. Taucht Proust das Madeleine genannte Gebäck in den Tee, steht mit dem Geschmack im Mund die ganze Kindheitswelt wieder auf. „Und mit einem Mal war die Erinnerung da“. Ihm fällt ein, wie ihm am frühen Sonntag-Morgen auf dem Lande die Tante die Süßigkeit mit einer Tasse Lindenblüten-Tee zur Stärkung vor dem Hochamt angeboten hat.

Praktizierte Religion war für Proust kein Thema. Nicht nur die Mutter, auch der katholische Vater hatte ein eher gleichgültiges Verhältnis zum Göttlichen. Wenn Proust sich der feierlichen Fronleichnams-Prozession erinnert oder von Maiandachten schwärmt, bei denen ihm besonders die Blumen in der Kirche mit dem „katholischen“ Weißdorn in Erinnerung blieb, scheint ihm das Fest eher zum ästhetischen Erlebnis zu werden. Dem liturgischen Jahresablauf erweist er aber Achtung, weil ihm die Festtage der Kirche natürlicher vorkommen als die weltlichen Feiertage, die sich zufälligen Ereignissen verdankten. Ähnliche Wertschätzung bringt er den großen Kathedralen seines Heimatlandes entgegen, weil sie nach all den Jahrhunderten immer noch ihre Bestimmung erfüllten. Würde aber die Messe nicht mehr gefeiert, meint er, wäre „kein Leben mehr in ihnen“. Es mag wohl sein, dass ihm die äußeren Zeichen der Religion dann und wann zum Moment der Gnade wurden.

Bei ihm ist kein Deutschland-Hass zu finden

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Als 1905 mit aggressiver Begleitmusik die Laizität als strenge Trennung von Staat und Kirche verwirklicht wird, bedauert er sehr die feindselige Stimmung. Er fühlt mit dem traurigen Pfarrer von Illiers-Combray – wo die Tante den Landsitz hatte –, den er mochte „und der mir Latein und die Namen der Blumen in seinen Garten beigebracht hat“. Wenn aber Proust im letzten Roman-Band Gedanken über die Unsterblichkeit der Seele nachhängt, schafft er keine Verbindung zur religiösen Sphäre. Der Schriftsteller, der immer wieder durch die Vergangenheit überwältigt wird, ihr gleichsam als schreibendes Werkzeug dient, scheint im verwirrenden Nebel der Phänomene und in ihrer unbegrenzten Gleichzeitigkeit deren Urheber nicht sehen zu können. Doch ordnet er an, dass ihm auf dem Totenbett der Rosenkranz, der ein Geschenk aus Jerusalem war, in die gefalteten Hände gelegt werde. Auch wird ein Priester bestellt, die Totengebete zu sprechen.

Prousts Weg nach Deutschland begann mit Rilke und dem Romanisten Curtius, die nachdrücklich auf ihn aufmerksam machten. Sein Stil, die „innere Rede“ mit dem exzessiven Gebrauch des Konjunktivs, den pausenlos flutenden Assoziationen, musste sich in der vom Realismus des 19. Jahrhunderts geprägten Erzähltradition erst durchsetzen. Ein Schnitzler, ein Doderer, in der neueren Zeit Hubert Fichte und Uwe Johnson fallen einem ein, wenn man nach einer ähnlichen Textur des Erzählens mit dem schweifenden Blick der Erinnerung sucht. Doch mittlerweile ist der ätherische Franzose, der übrigens nach 1914 nicht einstimmte in den Chor des Deutschland-Hasses, angekommen auf dieser Seite des Rheines.

Ein Einblick in die Genes des Werkes

 

Mehrere gut übersetzte Ausgaben liegen vor, auch eine der Briefe. Sie stellen bei Proust ein „Werk im Werk“ da, waren Briefe doch für den Kranken, der kaum noch einmal das Haus verlassen konnte, das bevorzugte Kommunikationsmittel, sie gewähren auch Einblick in die Genese des Werks. Er schreibt, dass ihm zweierlei wichtig sei: Die „strenge Konstruktion“ und der „im ganzen Werk vorherrschende metaphysische Gesichtspunkt“. Es hängt also alles miteinander zusammen, der „getupfte“ Stil und der schier wahnsinnige Versuch, das gelebte und nicht gelebte Leben durch Worte zu beschwören, damit das Ich sich in der Ewigkeit verankere.

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