Literatur, wie eine Kathedrale aufgebaut

Anita Albus findet im Werk von Marcel Proust überall Spuren des Katholischen. Von Katrin Krips-Schmidt
Marcel Proust (Mitte) liebte es, im Ritz in Paris allein zu speisen.
Foto: IN | Welteinsamkeit: Marcel Proust (Mitte) liebte es, im Ritz in Paris allein zu speisen.

Ist Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nur eine detaillierte Studie des Erinnerungsvermögens – eine „Theorie des Gedächtnisses – oder vielleicht eine Anleitung zur Lebenskunst? Der vielschichtige Roman entzieht sich einer eindeutigen Interpretation. Dass sein monumentales Opus (3 029 Seiten in der französischen Pléiade-Ausgabe) indes auch als katholisches Werk gelesen werden kann, legt Anita Albus in ihrem neuesten Buch „Im Licht der Finsternis – Über Proust“ überzeugend dar. Man könnte auch sagen, sie liest Proust damit „a rebours“, „gegen den Strich“ zur üblichen Literaturkritik.

Proust war ein glühender Streiter gegen die Trennung von Kirche und Staat, die mit der laizistischen Gesetzgebung, der Loi Combes, von 1905 besiegelt wurde. Ein Jahr zuvor verfasste er für den Figaro den Artikel „Der Tod der Kathedralen“, in dem er die Zweckentfremdung von Kirchen und Kathedralen anprangerte: „Es gibt heute keinen Sozialisten von Geschmack, der die Verstümmelungen all der Statuen, die Zertrümmerung all der Glasfenster, die die Revolution unseren Kathedralen zugefügt hat, nicht beklagte. Ach, es ist immer noch besser, eine Kirche zu verwüsten, als sie ihrem Zweck zu entfremden. Solange man in ihr noch die Messe zelebriert, bewahrt sie, so verstümmelt sie auch sein mag, wenigstens noch ein bisschen Leben. Am Tag ihrer Zweckentfremdung ist sie tot.“ Er erkannte, dass alles in der Kathedrale – alles, bis ins kleinste Detail – so sinnfällig ist, dass nichts ohne Bedeutung in ihr bleibt. Die mittelalterliche Kathedrale war für ihn ein Gesamtkunstwerk, wie auch für Emile Mâle, dessen „Die Gotik – Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk“ von ihm mit großer Aufmerksamkeit gelesen wurde.

Laut Mâle folgt die Komposition einer Kathedrale den gleichen Regeln „einer Art heiliger Mathematik“ wie die Komposition eines großen Werkes der Dichtkunst. Auch Proust hat seine „Recherche“ wie eine Kathedrale aufgebaut. In die der Gläubige (der Leser) allmählich in die Wahrheit eingeführt würde.

Anita Albus nun führt uns in zehn Abhandlungen – gleichsam wie durch die Glasfenster einer Kathedrale blickend – in den Proustschen Kosmos ein. Sie stellt uns einen hochsensiblen Schriftsteller vor, der sich in alle Dinge dieser Welt hineindenken und versenken konnte, dessen größtes Vergnügen das „Aufspüren von Gedankenverbindungen“ war, in einer Art „vergleichender Sinnsuche“.

In allem und jedem entdeckt er Parallelen, zieht Vergleiche, stellt Verbindungen her, die Albus noch weiter potenziert, noch drastischer auf die Spitze treibt. Ihre deutenden Essays setzen uns vor allem in naturkundlichen Betrachtungen gelehrt und (mitunter allzu) akribisch die Analogien auseinander, mit denen Proust seine Figuren, deren Verhaltensweisen und anderes in seinem Roman, insbesondere das Geschehen im Universum der Kirche und ihrer Liturgie, mit Vorgängen aus der Natur in Bezug setzt. So etwa, wenn beschrieben wird, wie architektonische Gestaltmuster der Kathedrale wie der Lettner ihr Vorbild in der Natur vorfinden.

Albus selbst ähnelt sich Proust an: auch sie spürt Analogien auf, prolongiert gleichsam den Proustschen Kosmos über sein Werk hinaus, spinnt ihn in das ihrige hin-ein, wenn sie des Dichters Gepflogenheit, Personen aus seinem persönlichen Umfeld zu Protagonisten seines Romans werden zu lassen, mit der „Grabwespengrausamkeit“ vergleicht, mit der er seine Opfer – seine Figuren – „aufspießt“: „Wer immer sich in der Recherche wiedererkannte, fühlte sich wie der Rüsselkäfer von der Grabwespe an seinen empfindlichsten Punkten getroffen. Jede Figur spiegelte mehrere Menschen, entsprechend groß war die Schar der Empörten.“ Dieses Prinzip Proustscher Verflechtungen gründet in der Erkenntnis, dass die Form dem Inhalt entspricht. Für Proust hat das Aussehen, die äußere Gestalt, eine große Bedeutung, weil sie ihm ihr Wesen offenbart. Weshalb nicht nur Dinge, sondern auch Namen Bedeutungen tragen, die vom Verfasser entschlüsselt werden. Auch diese etymologischen Erörterungen sind mit den übrigen Erzählfäden geschickt verwoben. Mit welchen Personen Proust seinen Roman bevölkert, welche Namen er ihnen und den Kirchen und Straßen gibt, die sie umgeben – es atmet den Odem katholischen Bewusstseins, nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Dass im Übrigen eine bestimmte Art der Bedeutungsgebung auf der einen und der Sinninterpretation auf der anderen Seite hinsichtlich ikonographischer Elemente in der Kunst heute nicht mehr verstanden wird, die vor dreihundert Jahren noch verstanden wurde, ist ein beklagenswertes Manko. Mit Proust und nun mit Albus stößt der vierfache Schriftsinn, der für das gesamte Mittelalter so prägend war, erneut auf gelehrte Würdigung. So beim Beispiel des Adlers, wenn dieser von Proust in verschiedenen Passagen in einem mystagogischen, tropologischen, moralischen sowie anagogischen Sinne gedeutet wird.

Albus' Band bietet eine geistreiche Sammlung von Anekdoten, von kundigem Fachwissen über botanische und entomologische Spezialgebiete, das – in Beziehung zu Prousts Meisterwerk gesetzt – wiederum ganz neue Dimensionen hinsichtlich der Herrlichkeit und Pracht der katholischen Kirche, ihren architektonischen Besonderheiten und ihrer Liturgie eröffnet, wie sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch mit allen Sinnen erfahrbar waren: Ja, „Heiliges und Allerheiligstes scheinen in der Recherche im Profanen auf, die Gregorianik in den Rufen der Marktschreier und Lumpensammler, der Ruhealtar im Weißdornstrauch, das Ziborium im Brathühnchen, weil es den Hostienbehälter im Mittelalter in Gestalt einer goldenen Taube gab?“

Proust selbst offenbart in einem Brief an den Literaturkritiker Jacques Riviere: „Endlich finde ich einen Leser, der errät, dass mein Buch ein dogmatisches Werk ist und eine Konstruktion. (...) Als Künstler habe ich es für redlicher und feinfühliger gehalten, nicht sichtbar werden zu lassen, nicht anzukünden, dass es mir gerade auf die Suche nach der WAHRHEIT ankomme, noch worin sie für mich besteht.“ – „Ich bin also gezwungen, die Irrtümer zu schildern, ohne, wie ich glaube, sagen zu dürfen, dass ich sie für Irrtümer halte; schlimm genug für mich, wenn der Leser glaubt, ich hielte sie für die Wahrheit. Der zweite Band wird dieses Missverständnis noch deutlicher machen. Ich hoffe, der letzte wird es ausräumen.“ In diesem finden wir dann, Albus zufolge, die Erkenntnis, „dass hienieden nichts besseres zu finden ist als das Leid.“

Proust wäre mit Gestalt und Gehalt dieses Buches mehr als zufrieden: Es ist eine wunderschöne bibliophile, grandios illustrierte Ausgabe, deren Form und Inhalt sich vortrefflich entsprechen.

Anita Albus: Im Licht der Finsternis: Über Proust. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 221 Seiten, ISBN-13: 978-310- 000-624-0, EUR 38,–

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