Der große Gottsucher und Lobpreisende

Das Dasein dichterisch in ein höheres Sein verwandeln: Die Prosa, herausgegeben zum 90. Todestag von Rainer Maria Rilke. Von Ilka Scheidgen
Schloss Muzot in der Schweiz
Foto: IN | Hier vollendete Rilke die „Duineser Elegien“ und „Die Sonette an Orpheus“: im Schloss Muzot in der Schweiz.

Ohne jeden Zweifel gehört Rainer Maria Rilke zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern. Die Rezeption seines Werkes unterlag großen Schwankungen – von schwärmerischer Verehrung, beinahe Vergötterung, über zeitweilige Ablehnung oder Ignorierung hin zu einer neuen sachlich fundierten Beschäftigung mit seinem Oeuvre. Dass Rilkes Gedichte in unzähligen Ausgaben und Variationen immer wieder neu aufgelegt werden, zeugt von der Beliebtheit dieses Dichters bis in unsere Tage.

Rilke wurde am 4. Dezember 1875 als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag geboren als Sohn des Bahnbeamten Josef Rilke und seiner Frau Sophie, die einer Prager Fabrikantenfamilie entstammte. Der Vater hatte eine gescheiterte Offizierslaufbahn hinter sich und erhoffte sich von seinem einzigen Sohn, dass jener diese Laufbahn einmal einschlagen würde. Dazu verspürte der Sohn wenig Neigung. 1895 begann Rilke in Prag mit dem Studium der Kunst- und Literaturgeschichte. Ihm, der in seiner Kindheit nie wirkliche Geborgenheit erlebt hatte, war schon früh das Los eines Heimatlosen beschieden. Doch diese existenzielle Einsamkeit wurde für den begabten jungen Rilke die Quelle zur Ausbildung seines dichterischen Kosmos, eines „Weltinnenraums“. Bereits in Prag hatte Rilke frühe, noch sehr konventionelle Gedichte geschrieben, die nicht erahnen ließen, zu welcher Größe in einer ganz neuen und eigenständigen Form- und Bildsprache er in seiner Dichtung einmal heranreifen sollte.

Zu einem für seine Dichtung einschneidenden Erlebnis wurden zwei mit Lou Andreas-Salomé unternommene Reisen nach Russland 1899 und 1900. Dort traf er den Dichter Leo Tolstoi. Diese Begegnung sowie die Erfahrung der russischen Weiten, das Erlebnis der hymnisch-mythischen Feier einer orthodoxen Osternachtsfeier und einer tiefen Volksfrömmigkeit sollten in Rilkes erstem großen Gedichtzyklus „Das Stundenbuch“ ihren Niederschlag finden. Dieser dreiteilige Band, benannt nach dem kirchlichen Brevier der Stundengebete, bildet den ersten Höhepunkt seines lyrischen Schaffens. In Russland, das in ihm wohl gespannte Saiten zum Klingen gebracht haben muss, fühlt der ruhelose Dichter zum ersten Mal ein echtes Gefühl von Heimat. So schreibt er einige Jahre später an Lou: „Dass Russland meine Heimat ist, gehört zu jenen großen und geheimnisvollen Sicherheiten, aus denen ich lebe.“

Längst war für Rilke die Entscheidung zum freien Künstlertum gefallen. Dem einmaligen Versuch, so etwas wie ein normales bodenständiges, geregeltes Leben zu führen, indem er die Bildhauerin Clara Westhoff im Frühjahr 1901 heiratete und mit ihr einen eigenen Hausstand gründete, war nur ein kurzer Bestand vergönnt. Im Dezember 1901 wurde die einzige Tochter des Ehepaars Rilke geboren: Ruth. Im Sommer 1902 ging Rilke nach Paris. Die intensive Beschäftigung mit Auguste Rodin, bei dem er zeitweise die Stellung eines Privatsekretärs hatte, führte Rilke zu ganz neuen Formen und Aspekten in seiner Dichtung. Waren die Gedichte des Stundenbuchs gekennzeichnet von mystischer Subjektivität in Versen suggestiver Musikalität, mit der er seiner Gottsuche, seinem Ringen um Selbstfindung poetischen Ausdruck verlieh, so prägten die „Neuen Gedichte“ der Pariser Zeit eine Art Objektivität der Dinghaftigkeit, die die sogenannten „Dinggedichte“ (berühmtestes Beispiel „Der Panther“) kennzeichnen.

Die Vorstellung vom eigenen Tod mythisch überhöht

Rilkes Spätwerke, die Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus, sind in ihrer Hermetik, ihrer alle bisherigen konventionell gewohnten Sprachbilder überwindenden Eigenständigkeit wohl am schwersten zugänglich. Diese beiden dichterischen Werke, die Rilke nach einer tiefen, zwölf Jahre andauernden Schaffenskrise 1922 vollendete, bilden den Höhepunkt seines dichterischen Werkes und zählen zu den Meisterwerken der Weltliteratur. In ihnen hat Rilke den Anspruch, den er von Anfang an an sich stellte, zur Formvollendung gebracht: sein Selbstverständnis als eines Preisenden, eines den Zusammenhang von Leben und Tod als ein Ganzes Aufzeigenden. Es geht um nichts Geringeres als um die Beantwortung der Frage nach dem Sinn der Existenz: „Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat./ Sprich und bekenn. Mehr als je/ fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn,/ was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild./ Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobald/ innen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt./ Zwischen den Hämmern besteht/ unser Herz, wie die Zunge/ zwischen den Zähnen, die doch,/ dennoch, die preisende bleibt.“ (9. Elegie) Aufgabe des Dichters ist in Rilkes Selbstverständnis, das Dasein, sei es das menschliche, das der Dingwelt oder der Natur durch Sagen in ein höheres, transzendentes und dadurch überdauerndes Sein zu verwandeln.

An der Schnittstelle zwischen Früh- und Spätwerk schuf Rilke seinen einzigen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, an dem er insgesamt sechs Jahre lang – von 1904 bis 1910 – schrieb. Der Roman gilt als eine der entscheidenden Durchbruchsleistungen der modernen Literatur, nimmt er doch bereits Fragestellungen, Analysen und Formelemente des späteren Existenzialismus voraus. Das empfindsame Gemüt des jungen Mannes ist ein Spiegelbild von Rilkes eigenen Erfahrungen, ohne deshalb rein autobiographisch zu sein. Immer wieder hat Rilke die Einheit von Leben und Tod, den Tod als Öffnung ins eigentliche Sein beschworen. „Der große Tod, den jeder in sich hat,/ das ist die Frucht, um die sich alles dreht“ (Stundenbuch). Seine Vorstellung vom eigenen Tod hat er dichterisch ins Mythische überhöht, nicht zuletzt in den „Sonetten an Orpheus“.

Rilkes drittes großes Lebensthema kreist in vielfältiger Weise um Gott. Es hat ihn vom Anfang seiner Dichtung bis zum Ende seines Lebens nicht losgelassen. So wie in diesen Versen aus dem ersten Teil des Stundenbuchs führt das dichtende Ich endlose Zwiegespräche mit Gott, mal ehrfurchtsvoll, mal vertraulich. Auch im „Malte“ durchdringen sich, einander bedingend, diese drei Denkfiguren von Liebe, Tod und Gott: „Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig werden.“ Der Roman endet in der offen bleibenden Suchbewegung nach Gott: „Was wussten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben, und er fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht.“ Ein eigenartiger Schluss! Und doch vielleicht nicht anders denkbar zu dem wenig davor Stehenden innerhalb seiner Geschichte vom Verlorenen Sohn: „Ich sehe mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals die lange Liebe zu Gott begann, die stille ziellose Arbeit.“

Zu einem letzten Domizil wird ihm ab 1921 der Schlossturm von Muzot in der Schweiz. In einem unglaublichen Schaffensrausch schafft das Dichtergenie in nur wenigen Wochen das Werk, das auch heute noch unbestritten als vollendetes Meisterwerk gilt: die „Duineser Elegien“ und „Die Sonette an Orpheus“. Rilkes Euphorie über das endlich zu einem Ganzen abgeschlossene Werk war grenzenlos. Und doch war er bescheiden genug, die Inspiration dazu als ein Wunder anzusehen. Die eigene Anstrengung allein – so hatte er es ja in der Dürreperiode schmerzhaft erfahren – kann gar nichts bewirken, „wäre aussichtslos ohne – das Wunder“. So äußerte sich der Dichter Rainer Maria Rilke 1925 über seine beiden Meisterwerke: „Und ich sehe eine unendliche Gnade darin, dass ich mit dem gleichen Atem diese beiden Segel füllen durfte.“ An einer zu spät diagnostizierten Leukämie starb der Dichter am 29. Dezember 1926. Im Januar 1927 wurde er, wie er gewünscht hatte, auf dem Bergfriedhof von Raron im schweizerischen Wallis beigesetzt.

Es sind Verse wie diese, die uns ins Gedächtnis kommen und bleiben: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit,/ als welkten in den Himmeln ferne Gärten“ (Herbst) oder „Wie soll ich meine Seele halten, dass/ sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu anderen Dingen?“ (Liebes-Lied) oder „Wie ist das klein, womit wir ringen,/ was mit uns ringt, wie ist das groß“ (Der Schauende) oder „Der Abend wechselt langsam die Gewänder,/ die ihm ein Rand von alten Bäumen hält“ (Abend). Verse von solch unvergleichlicher Musikalität, in so unvergesslichen Bildern eröffnen das, was Hilde Domin dem Gedicht zuschreibt, nämlich ein „magischer Gebrauchsgegenstand“ zu sein. Dazu Rilke: „Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,/ mit Regen rauschend, an den Fenstern lag./ Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:/ das Buch war schwer./ ...Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,/ wird nichts befremdlich sein und alles groß./ Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,/ und hier und dort ist alles grenzenlos.“

Anlässlich des 90. Todestages von Rainer Maria Rilke am 29. Dezember 2016 hat der Insel Verlag in einer kostbaren Geschenkausgabe in rotem Leinen mit goldenen Lettern erstmals auf über 800 Seiten das erzählerische Werk und die kritischen Texte Rilkes in einer Auswahl des Rilke-Spezialisten Ulrich Baer herausgebracht und mit einem Nachwort versehen.

In derselben Aufmachung kann man auch die in 5. Auflage vorliegende Gesamtausgabe seiner Gedichte als Sonderausgabe dazu erwerben und hat damit in einer schönen Dünndruckausgabe das Gesamtwerk des Dichters zur Hand.

Rainer Maria Rilke: Die Prosa. Herausgegeben von Ulrich C. Baer. Insel Verlag, Berlin 2016, 810 Seiten, EUR 20,–

Themen & Autoren

Kirche

Kirchliche Stimmen begrüßen die Aussicht auf besseren Lebensschutz Ungeborener – Deutscher Familienbischof kritisiert Härte der Auseinandersetzung .
03.07.2022, 19 Uhr
Maximilian Lutz
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter
Forschungsprojekt bringt einen Fall aus dem Erzbistum Paderborn ans Licht. Nach Angaben des Erzbistums hat Becker, zu jener Zeit Personaldezernent, gemäß der damaligen Rechtslage gehandelt.
01.07.2022, 11 Uhr
Meldung
Bischof Genn beurlaubt Dompropst Schulte nach Vorwürfen wegen grenzüberschreitendem Verhalten.
02.07.2022, 15 Uhr
Heinrich Wullhorst
Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig