Gottvertrauen

Christian Lehnert: Schöpfung ist das Grundmotiv

Christian Lehnerts mystische Lyrik fordert auf, sich Gott anzuvertrauen.
Forscher beobachten primitiven Ackerbau bei Amöben
Foto: Owen Gilbert (Nature) | Amöben - das Winzigen und des Amorphen, das in „opus 8“ immer wiederkehrt – Samen, Keime, Bakterien, Flechten, Pilze, –: Es symbolisiert die Welt in statu nascendi, im Übergang zwischen Nichtsein und Sein.

Metaphern überschreiten Grenzen. Sie tragen schweres Gewicht scheinbar leichtfüßig und spielerisch von einem Bereich in einen anderen. Christian Lehnerts neuer Gedichtband lebt von Metaphern, welche die Grenzen zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Gott, zwischen Gott und Natur überschreiten.

Die Schrift ist ein „Flechtwerk“ und das Buch, dessen Untertitel diese Metapher verwendet, ist ein „natürliches Buch“, wie der Vorspruch zu „opus 8“, Lehnerts achtem Gedichtband, sagt. Das Buch, die Schrift, ist Natur. Nicht zufällig stammt das Motto zum ersten Abschnitt des Gedichtbandes aus dem kabbalistischen Buch Sohar: In der Kabbala sah man Entsprechungen zwischen den Buchstaben des (hebräischen) Alphabets und den Prinzipien der Schöpfung. Aber wenn die Schrift Natur ist, gilt auch das Umgekehrte: Die Natur ist Schrift, sie kann wie ein Buch gelesen werden.

„Die Gedichte können dem Leser zu Holz, Öl und Saft werden.
Sie sind Material der eigenen Phantasie, geistige Nahrung,
und sie erfreuen durch ihre Schönheit“

Mehr noch: Die Natur liest und schreibt sich selbst, wenn etwa in einem der Gedichte aus „opus 8“ der Regen ein „silbriges Blatt“ wie eine Buchseite umwendet und wenn ein Stammschößling darin liest. Der Samen des Fingerkrauts schreibt, die Flechte und die Sumpfkräuter sind Zeichen, unbekannte Worte. Sogar die Hasel denkt, ihre „Röllchen“ sind Begriffe. Die Amöbe und das Meer erkennen die Welt und die Welt erkennt sich in ihnen, das Bakterium und die Kreuzspinne sprechen in wörtlicher Rede. „Ein Name ist das Kraut“ – und ebenso: „Der Name ist ein Kraut“. Mit Johann Georg Hamann, von dem ein Abschnittsmotto stammt, gilt für Lehnert: Die Natur ist die allgemeine Sprache.

Doch geschehen diese Grenzüberschreitungen nicht zu leichtfertig, werden hier nicht vorschnell Grenzen verwischt, Bereiche miteinander vermischt, die getrennt bleiben sollten?

Der Mensch ist natürlich, die Natur menschlich

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Wollte man dieser Lyrik eine philosophische Rechtfertigung mitgeben, derer sie natürlich im Grunde nicht bedarf, dann könnte man sagen: Der Mensch ist natürlich, weil die Natur menschlich ist. Deswegen ist durch die Natur vom Menschen und durch das Menschliche (Sprache, Schrift, Denken, Begriffe) von der Natur die Rede. Die Vermenschlichung der Natur und die Vernatürlichung des Menschen sind weder unsachgemäßer Anthropomorphismus noch romantische Phantasmagorie, sondern durchaus wirklichkeitsgerecht.

Musik als kosmisch verstehen

Lehnert hat sein Buch ähnlich streng gegliedert wie Dante seine Göttliche Komödie: Sieben Abschnitte enthalten sieben Gedichtpaare. Bei jedem Paar besitzt das Gedicht auf der linken Buchseite zwei Verse, das Gedicht auf der rechten Seite hingegen acht Verse. Von diesem Schema gibt es nur zwei Abweichungen, bei denen das linke Gedicht vier statt nur zwei Verse umfasst. Schon auf dem Schutzumschlag bemüht man sich, Lehnerts Buch vor dem Verdacht in Schutz zu nehmen, dass es sich hier um „formalistische Exerzitien“ handeln könnte.

Der Titel „opus 8“ stellt den Bezug zu musikalischen Kompositionen her. Die Musik darf dabei nicht bloß als menschliche, sie muss als kosmische Musik verstanden werden: „die Gestirne klingen“, heißt es an einer Stelle. Auch die Sprache ist Musik, etwa im strengen (jambischen) Versmaß und in Gleichklängen wie Alliterationen, Assonanzen und Reimen, die Lehnerts Lyrik etwa seit dem Band „Aufkommender Atem“ (2011) prägen. Anstelle von Kommata verwendet Lehnert in „opus 8“ durchgängig Schrägstriche, die an Taktstriche aus einer Musikpartitur erinnern und den Rhythmus der Texte gliedern.

Die Wiederkehr des Winzigen

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Musik ordnet das Chaos, sie schafft eine durchaus nicht glatte, sondern spannungsreiche Harmonie. Das gilt ebenso für natürliche Muster, für den Lauf der Gestirne, den Kranz einer Blüte, Rankenwerk oder die Form eines Blattes, ja auch für den Rhythmus des Ein- und Ausatmens, der als wiederkehrendes Motiv in den Gedichten von „opus 8“ erscheint. Schöpfung ist ein Grundmotiv in Lehnerts achtem Gedichtband. Schöpfung ist Kehre, Schwelle – kabbalistisch „Zimzum“, die Selbstkontraktion Gottes, die Lehnert im Herzschlag eines Molches wiedererkennt. Daher die häufige Wiederkehr des Winzigen und des Amorphen in „opus 8“ – Samen, Keime, Bakterien, Flechten, Pilze, Amöben –: Es symbolisiert die Welt in statu nascendi, im Übergang zwischen Nichtsein und Sein.

So heißt es in einem der Gedichte: Du „siehst/ wie alles eben erst entsteht“. Aber auch die entgegengesetzte Kehre, die Kehre vom Sein ins Nichtsein, ins Vergehen, Sterben und Vergessen, ist in dem Buch überall präsent. Ein häufiges Motiv in der ersten Hälfte von „opus 8“ ist der Sog: Die Anziehungskraft Gottes, aber auch die Anziehungskraft des Todes.

„Wer in ihm hausen will/ Muss ohne Bleibe sein“

Als Schöpfung wird die Natur stets in Beziehung zu ihrem Schöpfer gesetzt. Im Vorspruch zu seinem Gedichtband sagt Lehnert, dass das Geschaffene die „Signaturen“ Gottes trage. Deshalb kann man mit dem Mohn beten. Man kann mit Jacob Böhme, Meister Eckhart (von ihnen stammen Motti für verschiedene Abschnitte des Gedichtbandes) und anderen Mystikern im Geschaffenen den Schöpfer erblicken. Eines der Gedichte trägt den Titel „Fließendes Licht“, was man als Anspielung auf die Schrift der Mystikerin Mechthild von Magdeburg verstehen kann: Das fließende Licht der Gottheit. In einer gewagten Metaphorik wird in einem anderen Gedicht Meeresplankton zum Gottessymbol: Wie das Plankton ist Gott, der „Schaffende“, ein „Strom“, und es gilt: „Wer in ihm hausen will/ Muss ohne Bleibe sein.“ Hier spielt Lehnert auf die Aufforderung der Mystiker an, sich und das Eigene zu lassen und sich ganz dem fließenden Strom der Gottheit anzuvertrauen.

Lehnerts Worte sind eine Erinnerung an eine Dimension der Natur und des Lebens, die sich dem Zugriff der Wissenschaften entzieht. Die Gedichte können dem Leser zu Holz, Öl und Saft werden. Sie sind Material der eigenen Phantasie, geistige Nahrung, und sie erfreuen durch ihre Schönheit. Einer der Zweizeiler sagt dies über die Sprache im Allgemeinen, die doch mit dieser Metaphorik schon wieder über sich hinausweist in den Bereich der Natur: „Der Name ist ein Kraut/ ein Keimling und ein Schaft/ Gewachsen aus dem Laut/ zu Holz und Öl und Saft.“


Christian Lehnert: opus 8: Im Flechtwerk. Suhrkamp Verlag 2022,
117 Seiten, ISBN-13: 978-351843-058-3, EUR 22,–

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