Die dichterische Erfahrung des Glaubens

Christian Lehnert nähert sich in „Der Gott in einer Nuß“ Fragen des Rituals und der Liturgie an. Von Ilka Scheidgen

Willst du wider ein fliegend Blatt so ernstlich sein,/ und einen dürren Halm verfolgen?“ (Hiob 13,25) – Ein Dichter nähert sich Gott und weiß schon, ehe er beginnt, dass sein Tun dem Haschen nach Wind gleicht oder dem Versuch, einem fliegenden Blatt zu folgen, wie er im Motto des Hiob-Verses sein Tun skizziert. „Ein Name, vier Buchstaben: JHWH. Wer ist dieser Gott… Niemand. Keiner, dem ein Name oder eine Biographie oder eine geschichtliche Herkunft zugedacht werden könnten … Er – oder gar es – entzieht sich jeder Habhaftwerdung in der Sprache. Als er sich Mose in einem brennenden Dornbusch in der Wüste zeigte und dieser ihn nach seinem Namen fragte, antwortete der ,Gott‘: ,Ich werde sein, der ich sein werde.‘ (Exodus 3,14) Was ist das? Namenlosigkeit. Niemand heißt so.“ Namenlos also: der Gott in einer Nuss.

Christian Lehnert, der Dichter und Theologe, nähert sich ein weiteres Mal der für ihn zentralen Wirklichkeit, dem, was wir Gott nennen. Auf zweiundachtzig Blättern umkreist er „Das Ereignis Gott“ in seinem Dasein und Sosein, in seiner Unverfügbarkeit, seinem Geheimnis, seiner Offenbarung. Dabei nähert er sich seinem Thema auf die ihm eigene Art einer Mischung aus Meditation, Poesie und Reflexion an. Geschichten aus seiner Zeit als Landpfarrer sind wie fliegende Blätter dazwischengefügt und erhellen höchst greifbar, was philosophisch-religiöses Nachdenken meint. Was es heißt, als Priester in einem Gottesdienst diesem Gott zu dienen, von ihm zu sprechen. „Wer nun vorn steht, im Priestergewand oder im Talar, derjenige, der vor allen anderen ungeschützt im Bannkreis der fragenden Gottheit steht, spricht es aus, dass ER genannt sein solle mit dem Namen: ,des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes‘. Und ,Gott‘ antwortet stumm: ,Ich werde sein, der ich sein werde‘.“

Das ist schon ziemlich einmalig, wie es einer wagt, neben die banalsten Feststellungen, dass nämlich die Heizung in der Kirche knackt, Gedanken von Augustinus zu setzen. „Nichts also wäre ich, mein Gott, ja gar nicht wäre ich, wenn Du nicht wärst in mir.“ Und gerade damit zeigt, dass Gottesdienst, dass Kult und Gebet etwas Eigenes sind, die nicht von unseren frommen Stimmungen abhängig sind. „Die Liturgie“, schreibt Christian Lehnert, „ist eine Gottesgebärerin und zugleich eine Gottesgeburt, und das eine gibt es nicht ohne das andere: Im Abgrund der fragwürdigsten Subjektivität ruht das Geheimnis der Offenbarung.“

Es zählt das Geheimnis, das sich vollzieht, was ihn beschenkt, „und empfange, taumelnd fast, das Sakrament…“ Zwischen Episoden aus dem Alltagsgeschehen, dem Besuch beispielsweise einer alten Bäuerin, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Erlebnissen mit seinen Kindern, fügt Lehnert chronologisch den Fortgang der Messe von Kyrie bis Agnus Dei, vom Herr, erbarme dich zum Lamm Gottes. Und in den Reflexionen nimmt er die Erzählpassagen auf, und in den Geschichten sind die Reflexionen immanent.

So nimmt er das reale Geschehen, wie er vor dem Tor des Bauern steht, anklopft und nicht einzutreten wagt, bis er – zu spät – erkennt, dass das Tor die ganze Zeit offen stand, zum Anlass, im folgenden „fliegenden“ Blatt darüber nachzudenken. „Ich dränge auf Einlass ins Offene … Und ich muss dabei zwangsläufig zurücklassen, was ich suche. Wenn ich betend anklopfe, habe ich einen bestimmten Willen nach ,etwas‘, ein Begehr. Wenn mir geöffnet wird, sei's ein vager Spalt, ist dies bereits unverständlich geworden. Ich weiß nicht mehr, was ich eben suchte. Weit entfernt liegen dann die Fragen, wie ich fassen könne, was ich da ersehnte, wie der Gott in mir geschehen solle oder wie er, undenkbar, außerhalb sei, wie überhaupt ,da‘ …“

Solche Gedanken widersprechen spiritueller Wellness oder eingespielter Gottesdienstroutine. Folgt man ihnen, öffnen sich auch für den Lesenden ungeahnte Räume, wie sie der Mystiker Angelus Silesius formulierte: „Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier: Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.“

Christian Lehnert, wo er uns nicht als Dichter und Pfarrer entgegentritt, ist auch Wissenschaftler, der sich in der Geschichte der christlichen Liturgie auskennt und auch hierin lesenswerte und erhellende Exkurse bietet. So weiß er beispielsweise, dass die schriftliche Fixierung der Heiligen Schrift, insbesondere des Neuen Testamentes mit seinen Evangelien und Apostelbriefen, durch den Gebrauch als Erzählung innerhalb der frühchristlichen Gemeinden festgeschrieben worden ist und im Laufe der Zeit zu einem Kanon in bestimmter Abfolge ausgeformt wurde.

„Lesungen sind die Flügelschläge der christlichen Frömmigkeit“, so wiederum lässt es uns der Dichter im Theologen wissen, „– wie Zugvögel hoch am Himmel in beständigem Rhythmus bleiben, unaufhörlich, Schlag um Schlag gegen den Widerstand der Luft, und so Ozeane und Kontinente überspannen, so lasen sich Christen beharrlich über die Jahrhunderte hin“.

Kritisch schaut Christian Lehnert auf erstarrte Formen, die nicht mehr den Geist des Gottes in seiner Dreifaltigkeit verströmen. Um einer Verständlichkeit willen möchte er im Gottesdienst nicht das große Numinosum geopfert wissen. Durchaus mit einer gewissen Härte polemisiert er gegen die Mehrheitsschieler auf „kirchliche Wachstumsraten“, auf „Religionsbespaßung“ in den Medien oder auf Großveranstaltungen und „ekklesiologischen und offenbarungstheologischen Dünnbrettbohrungen“. Nein, die Mitfeier einer katholischen Messe oder eines evangelischen Gottesdienstes sollte, so Lehnert, nie zu einem bloßen Ritual werden. Denn es ereignet sich dort Elementares: „Sie werden zu Christen in der biblischen Sprache, werden darin sie selbst und feiern die Gnade einer unaufhörlichen Schöpfung aus dem Wort, sie springen ins Dunkel der Fremde, in den Abgrund des Unmöglichen, als Sinn jenseits des Sinns.“ Und mit dem Glaubensbekenntnis, dem credo in unum deum, kann ein bewusstes Bekennen verbunden sein, ebenso wie ein Sich-Überlassen der Gnade, was bedeutet: „Ich vertraue mich einem Geheimnis, einer Kraft an, die mich fortträgt… Was auch immer ich bekenne – es bleibt zu wenig. Es bleibt weit hinter dem zurück, was geschieht.“ Und so ist es auch eine Erfahrung, dass Gott gerade dort „am stärksten gegenwärtig sein kann, wo er schmerzlich vermisst wird.“ Die Frage nach Gott, meint Lehnert, sei vielleicht bereits die deutlichste Form seiner Gegenwart. „Der Gott, den es nicht gibt, in mir ein dunkler Riss,/ ist meiner Seele nah, sooft ich ihn vermiss.“ Diese Verse aus Christian Lehnerts Gedichtband „Windzüge“ könnte man, wenn sie im Anhang nicht ihm zugeordnet würden, für Verse des Angelus Silesius halten.

Es lohnt sich für jeden, dem Religion etwas bedeutet, dieses wunderbare Buch zu lesen, das dem Leben abgelauscht und abgerungen ist. Mit den Fragen und dem Wissen eines zutiefst frommen Theologen und Dichters kann man zu einem tieferen Verständnis über das Wesen der christlichen Liturgie gelangen.

Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß: Fliegende Blätter von Kult und Gebet. 237 Seiten, ISBN-13: 978-351842-

586-2, EUR 20,–

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