Wortfindung

Es entfaltet sich ein Mosaik der Vielfältigkeit

Verzweifelte Suche nach Seele und Glaube: Lea Draegers „Ökonomische Päpste und Päpstinnen“ in Berlin.
Lea Draeger während der Fotoprobe zu Death Positive - States of Emergency im Maxim Gorki Theater Berlin, 30. September
Foto: Imago/Martin Müller | Künstlerisches Multi-Talent mit katholischen Wurzeln: Lea Draeger (hier in einer Theaterinszenierung im Maxim Gorki Theater).

Berlin und Katholizismus? In der Hauptstadt des woken Denkens kommt es selten vor, dass der Glaube in den Blick genommen wird. Im besten Fall ist ihm eine satirische Überhöhung vergönnt, meist aber wird er als antiquiertes und unintellektuelles Sujet geschmäht und unter den Tisch gekehrt. Am ersten Maiwochenende bot sich anlässlich des Gallery-Weekends die Chance, eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Katholizismus zu erleben.

In der Galerie Ebensperger, in einem ehemaligen Krematorium im Wedding befindlich, wurden Lea Draegers „Ökonomische Päpste und Päpstinnen“ gezeigt. Vom Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen: Was zunächst wie eine Abrechnung mit Kapitalismus und Katholizismus klingen mag, entpuppt sich als feinsinnige und auch verzweifelte Suche nach Seele und Glauben.

Papstminiaturen im ehemaligen Krematorium

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In einer weißen Halle, in der der Tod genauso gegenwärtig ist wie der ewige Kreislauf des Lebens, reiht Draeger zahllose Miniatur-Porträts auf, die bläulich schimmern unter den gläsernen Rahmen, in denen sich das Frühlingslicht bricht. Briefmarkenkopfgroß sind die Zeichnungen, mit Kugelschreiber wird der Papst aufgefächert und mit Lack versiegelt. Es ist das Profane und Glänzende, das Weltliche und Ungreifbare, das sich in dieser Assemblage spiegelt, eine gewisse Demut auch.

Denn bei aller Akribie und Besessenheit für Thema und Details, spürt der Betrachter das Unvollendete in diesen Bildnissen. Draeger selbst, Schauspielerin und Ensemble-Mitglied am Maxim-Gorki-Theater und jüngst auch Romanautorin, setzt diese ursprünglich als eine Serie von „1 000 ökonomischen Päpsten“ konzipierte Reihe unentwegt fort. Als Zwang empfinde sie die Arbeit an ihren Papst-Interpretationen nicht, sagt die Künstlerin, das Bedürfnis aber den Heiligen Vater in seiner Vielgestalt zu erkunden aber wohl.

„Erst hat die Sprache meine Mutter verraten. Dann hat die Sprache mich belogen.
Und dann ist die Sprache einfach abgehauen.
Die Sprache war die Letzte, die mich verlassen hat.“

Seinen Nimbus versucht sie in einem künstlerischen Spiel einzufangen, Lebensphasen und Entwicklungen durchscheinen zu lassen in gewandelter Bildlichkeit. Dass das Prozedere dabei manchmal auch dadaistisch anmutet, ergibt sich aus dem Betrachtungsgegenstand selbst: Die tradierte Vermittlung aufzubrechen gelingt am leichtesten in einer Nonsensisierung im besten Sinne. So entdeckt das neugierige Auge beim Blick auf die Zeichnungen den Schuhplattler Papst, den Wer hat Angst vorm Weissen Mann Papst, den Luftgrätschen Papst, aber auch die Fiese Päpstin. Amüsement hat hier genauso seinen Platz wie kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Strukturen oder das Hadern mit dem eigenen Glauben.

Diese Bilder in Sehnsuchtsblau und Heiligenweiß erzählen vom Ungenügen gegenwärtiger Erzählungen, zeugen von einer Suche nach einem Seelenraum, den wir ausgestalten und eine Form verleihen können. Hinter diesem höchstpersönlichen Ansatz tritt das Zeit und Gedankenmode geschuldete Thema des Patriarchats fast schon in den Hintergrund. Natürlich untersucht Draeger in ihrem „Laboratorium“ so kuriose Probanden wie das Patriarchat, Machtstrukturen und Identitäten. Unerfüllt bleibt dieses Begehren nach Genauigkeit dennoch.

Zeichnungen geben Aufschluss über die Gesellschaft

Das obsessive Erkunden der Künstlerin gleicht vielmehr einer Volkskunst, die auf das Christentum und den Glauben verweisen. Draegers Papst-Porträts sind Votivtafeln, die Zeugnis ablegen von Prägungen und Bedürfnissen der Künstlerin. Gerade ob des durchscheinenden Kampfes mit dem Gegebenen ermöglichen die Zeichnungen Aufschluss über den Zustand unserer Gesellschaft und das Seelenheil ihrer Mitglieder.

Das Papst-Ensemble bildet eben nicht einen einzigen Bildsprachkörper, der sich in einen gefahrvollen Leviathan zu verwandeln droht, sondern ein Mosaik der Vielfältigkeit von Mensch und Kirche. Draegers Vivisektion der Kirche ist letztlich eine Übung in Spiritualität, Ausdruck eines „Votums“, eines Gelübdes, Gebetes, Wunsches. Eine lebendige geistige Kraft bricht sich darin Bahn und fegt ganz en passant Buzzwords und Themen a la mode beiseite. Das geschieht mit mehr Unsicherheit und Zerbrechlichkeit als Verve. Die Beschriftungen auf der Rückseite der Tafeln sind nicht selten durchgestrichen, überschrieben, neu verfasst. Auch sprachlich ist Draeger eine Suchende. Das Herzblut, das Draeger in ihr Werk einfließen lässt, trägt gewiss seinen Teil zu dieser Lebendigkeit bei.

Der Glaube der Großmutter als Inspiration

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Die Künstlerin wuchs in einer katholischen Familie auf. Aus familiären Erlebnissen und Schriftstücken schöpft sie auch im künstlerischen Prozess. Ein Teil ihrer Familie stammt aus Tschechien und wurde von dort vom „kommunistischen Teufel“ vertrieben. Ein Brief der Großmutter Magda an ihre Tochter Magdalena stand auch am Anfang der ersten Zeichnungen: „Seit Samstag bade ich in unbeschreiblichem Glück vor dem Fernseher mit dem Papst und all denen, die die zehnstündige Wartezeit auf den Straßen Bayerns auf sich genommen haben. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, ein geistliches Erlebnis. Das ist meine Welt, in der ich groß wurde und die mich geformt hat.“ Diese Textstelle inspirierte Draeger zu ihrer Serie von Kugelschreiberzeichnungen „Papstreise in Bayern“, aus der schließlich die in der Galerie ausgestellten Arbeiten erwuchsen.

Briefe der Großmutter an die Tochter, ein Manuskript des Großvaters und Gesprächsprotokolle sind Sprachzeugnisse, die Draeger auch in ihren Roman „Wenn ich euch verraten könnte“ integriert. In diesem bei Hanser Blau erschienenen Debüt erzählt sie eine Generationengeschichte, die ganz wesentlich vom Katholizismus und christlicher Leidensethik geprägt ist. Im Zentrum steht die dreizehnjährige Erzählerin, die in der Kinderpsychiatrie gegen Zerstörung und Selbstzerstörung anschreibt. Dem Buch ist eine Trigger-Warnung vorangestellt: „Dieser Text enthält explizite Schilderungen psychischer und physischer Gewalt. Die Inhalte können belastend oder retraumatisierend auf Leser:innen wirken.“ 2020 hatte sich die Verlagsleiterin Ulrike von Stenglin noch dagegen ausgesprochen, nun aber die Verlags-Policy samt Sensitivity Reader doch mit Triggerwarnungen ergänzt. Ein Zugeständnis an die woke Leserschaft?

Die Ästhetik des Katholizismus

Der Vielschichtigkeit des Buches wird die Einordnung durch den Verlag nicht gerecht, denn Draegers Zugang zu Leid ist mehr als Ablehnung von Gewalt. Sie befasst sich mit der Ästhetik des Katholizismus, die Schmerz, Leid und Gewalt einschließt und mit allen Sinnen zu ergreifen versucht. So ist „der erschöpfte Jesus am Kreuz“ für die Großmutter „eines der schönsten Dinge“, die sie je gesehen hatte.

Wie Draeger mit der Ikonographie des Christentums verfährt und dadurch ihr Ich entdeckt, ist ein faszinierender Weg. Sie kreuzt dabei nicht nur Heilige und Heiliginnen (das Gendern ist überflüssig; man sehe es ihr nach), sondern auch die Mutter in ihren vielfältigen Darstellungen: Mater dolorosa, mater lacrimarum ... die Mutter ist schmerz- und leidgeprüft, erschöpft sich aber nicht darin, sondern entwickelt eine eigentümliche Ambivalenz, die auch Täterschaft nicht ausschließt. Auch die Väter lassen sich nicht mit der klassischen Täter-Opfer-Dichotomie erfassen. Sie wirken ausgelaugt oder setzen mechanistisch, das seit Generationen begonnene Werk fort.

Durch Schmerz zum Wort

Das Buch ist nicht nur eine analytische Durchdringung der Vater- und Mutterlinie, sondern auch eine individuelle Sprachbiographie: „Erst hat die Sprache meine Mutter verraten. Dann hat die Sprache mich belogen. Und dann ist die Sprache einfach abgehauen. Die Sprache war die Letzte, die mich verlassen hat.“ Draegers Protagonistin findet zwischen Zwangsernährung und Selbstverletzung zur Sprache. Sie gelangt auf schmerzhafte Weise zum Wort. In ihrem karierten Notizbuch versprachlicht sie Fragmente und Schatten der Vergangenheit. Sie, die sie der Sprache doch nicht traut und nirgendwo eine Heimat findet.

„Mit einem Menschen zu sprechen ist ein Abhängigkeitsschmerz“ schreibt das Kind in sein Notizbuch und streicht sogleich den zweiten Teil. Es ist weniger der Schmerz, den es scheut als die Abhängigkeit. Und ist es nicht so, dass die Abhängigkeit das größere Übel ist? Schmerz bedeutet Leben. Abhängigkeit aber bedeutet, sich dem Leben zu verweigern und das Eigene in sich zugunsten des Aufgezwungenen in ein einziges kariertes Kästchen in einem Notizbuch zu verbannen. Die Seele und der Glaube aber brauchen Raum und Weite.

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