KÖNIGIN DER INSTRUMENTE

Diese Orgel hat eine Klangfülle von leise bis prachtvoll

Für Kenner ein Schmankerl: Die Steinmeyer-Orgel der Berliner Kirchengemeinde Sanctissimum Corpus Christi ist im Originalklang vollständig erhalten. Ihr Konzept ist auch nach fast hundert Jahren immer noch innovativ.
Titularorganist Martin Kondziella am Spieltisch der Steinmeyer-Orgel,
Foto: Gierens | Titularorganist Martin Kondziella am Spieltisch der Steinmeyer-Orgel, der zweitgrößten Orgel im Erzbistum Berlin.

Die Orgel ist das „Instrument des Jahres 2021“. Jedes Jahr verleiht die Konferenz der Landesmusikräte in Deutschland diesen Titel, um Neugier und Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Instrument zu wecken. Heute geht es in den Osten Berlins. Im Stadtteil Prenzlauer Berg steht die eher weniger bekannte Pfarrkirche Ss. Corpus Christi. Sie beherbergt viele Kunstschätze, darunter einen ganz besonderen: Eine im Original erhaltene Steinmeyer-Orgel von 1925, die der einst größten Orgel der Welt, der Passauer Domorgel, als Vorbild diente.

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Ein Schatz findet sich meist im Verborgenen. So ist es auch mit dieser Orgel, die allein schon durch die Zahl ihrer Pfeifen imponiert: Genau 4 951 sind es, damit ist sie die zweitgrößte Orgel in einer katholischen Kirche im Erzbistum Berlin. Und doch gilt die Steinmeyer-Orgel in der Berliner Kirche Ss. Corpus Christi im Stadtteil Prenzlauer Berg immer noch als Insider-Tipp. Vielleicht liegt es an der etwas versteckten Lage der Kirche, die in einer Seitenstraße der viel befahrenen Landsberger Allee in eine Häuserzeile gebaut ist, und möglicherweise hat auch die Teilungsgeschichte der Stadt dazu beigetragen, dass die fast 100 Jahre alte Orgel erst wieder entdeckt werden musste.

Dabei ist das „Opus 1400“, wie die Orgel von der Erbauerfirma G. F. Steinmeyer & Co. im bayerischen Oettingen intern bezeichnet wurde, ein einmaliges Instrument von internationalem Rang. Sie ist sozusagen die „ältere Schwester“ der Passauer Domorgel, einst die größte Orgel der Welt und heute nicht mehr im Original erhalten – im Gegensatz zu dem Berliner Instrument.

So wird die Passauer Domorgel geklungen haben

„Wir haben es hier mit einer der wenigen vollständig erhaltenen, klanglich nahezu unveränderten Großorgeln aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun“, schreibt der Organist und Chorleiter Martin Kondziella auf einer eigens für das Instrument eingerichteten Homepage. Seit 2019 ist er Titularorganist der Gemeinde und hat die Sanierung des historischen Instruments, die vor drei Jahren abgeschlossen wurde, maßgeblich vorangetrieben.

Dass eine damals sehr junge Gemeinde in einem Berliner Arbeiterbezirk überhaupt eine derart wertvolle Orgel erhielt, bezeichnet Kondziella im Gespräch mit der „Tagespost“ als „glückliches Zusammentreffen mehrerer großer Geister“. Neben einem Pfarrer mit ausgeprägtem Kunstsinn gehörte dazu der Organist Maximilian Katzer, der über einen Kontakt zum späteren Passauer Domorganisten Otto Dunkelberg die Verbindung nach Bayern zur Firma Steinmeyer hergestellt habe, wie Martin Kondziella erzählt. Diese habe damals ein „hochmodernes, bis heute innovatives Konzept“ vertreten, dass sich an den Forderungen der unter anderem von Albert Schweitzer im Jahr 1906 formulierten „Elsässischen Orgelreform“ orientierte. Die deutschen Orgelbauer, so der damalige Reformansatz, sollten Abschied vom romantischen Stil des 19. Jahrhunderts nehmen und sich klanglich breiter aufstellen. Auch die Orgel für den Passauer Dom wurde einst nach diesen Vorstellungen erbaut – doch sie sei, wie Kondziella weiter berichtet, in den folgenden Jahrzehnten sehr verfälscht worden. „Wenn man hören will, wie die Passauer Domorgel im Original geklungen hat, muss man hierher kommen“, ist der Organist überzeugt.

Der amerikanische Einfluss ist deutlich

Schon durch ihre Ausmaße beeindruckt die Steinmeyer-Orgel: Acht Meter hoch, elf Meter breit und sechs Meter tief, die größte Pfeife in der Mitte (ein großes C 16 Pos.) ist fünf Meter hoch. „Die Orgel ist dominant im Kirchenraum, aber nicht erdrückend“, lobt Organist Martin Kondziella eine ihrer Vorzüge. Sie hat einen – sehr seltenen – Tonumfang im Manual bis c4 sowie ein strahlenförmig angeordnetes Radialpedal bis g1. Beides, so Kondziella, verweist auf den starken amerikanischen Einfluss. Orgelbauer Hans Steinmeyer hat während und nach dem Ersten Weltkrieg sieben Jahre in den USA gearbeitet und dabei bedeutende Orgelhersteller kennengelernt. Insbesondere das dritte Manual ist besonders groß und prachtvoll besetzt. „Da wären viele froh, wenn sie das in ihrer Kirche hätten“, sagt der Organist. Gerade die eher dunkel gefärbte, weiche und leicht „blubbernde“ Intonation sei typisch amerikanisch – doch drückt er während des Spiels auf „Tutti“, dann ist der Klang wahrlich erschütternd.

Doch die Orgel beherrscht ebenso die leisen, bedächtigen Töne. Die kleinsten Pfeifen sind gerade einmal wenige Millimeter groß und erzeugen so hohe Töne, dass sie für manches menschliche Ohr kaum noch wahrnehmbar sind. Die Orgel versteht es, die Zuhörer aus dem hektischen Alltagsgetriebe zu entrücken und in eine wahrhaft himmlische Atmosphäre zu versetzen. Register wie „Aeoline“, „Vox coelestis“ oder „Unda maris“ (Meereswoge) erzeugten eine „Dichte an Ausdruck und Intimität“, die in Deutschland sehr selten sei, berichtet Martin Kondziella. „Das ist ein Sound, der nicht von dieser Welt ist.“

„Das ist ein Sound, der nicht von dieser Welt ist.“

 

Hinzu kommt, dass die Orgel über zwei separate Schwellkästen verfügt, die zusammengekoppelt werden können. Durch die erwähnten Mini-Pfeifen werden zudem helle, „glitzernde“ Töne erzeugt, die einen ganz ungewöhnlichen, laut Kondziella „avantgardistischen“ Klang hervorrufen. Die Amerikaner sprechen vom „Broken glass sound“. Wird die Orgel dann wieder laut, gehe sie niemandem auf die Nerven, sagt der Organist. „Trotz der Dezenz erzeugt sie einen riesigen Klang, ist aber nicht aufdringlich.“

Auch wenn die Orgel den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hat, während der Kriegsjahre sogar noch erweitert wurde und Corpus Christi bis zum Wiederaufbau der Berliner Hedwigskathedrale sogar ersatzweise als Bischofskirche diente, musste sie um die Jahrtausendwende dringend saniert werden. Der Verschleiß nagte an den Lederbändchen, und durch den fehlenden Luftaustausch in der Kirche waren nahezu alle Holzteile voller Schimmel. Immer mehr Töne fielen aus, da die Kontakte im Spieltisch verbrannt waren. 2001 entstand bereits ein Förderverein, ab 2013 nahm die Sanierung dann endgültig Fahrt auf. Drei Jahre lang hat die Orgelfirma Fleiter das wertvolle historische Instrument wieder auf Vordermann gebracht, bis sie im September 2018 erneut feierlich eingeweiht werden konnte.

Synthese aus Tradition und moderner Technik

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Rund 500 000 Euro kamen seinerzeit durch Spenden und Zuwendungen zusammen, unter anderem vom Erzbistum Berlin und aus Lottomitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. So ist heute an der rechten Unterseite des Spieltisches ein kleiner Touchscreen versteckt, auf dem sich etwa 10 000 verschiedene Klänge programmieren lassen – eine gelungene Synthese von Tradition und moderner Technik.

Seit der Sanierung versucht Martin Kondziella, die Steinmeyer-Orgel in Fachkreisen wie auch einem breiteren Publikum bekannter zu machen. Regelmäßig lädt er bekannte Organisten wie Stephen Tharp aus New York, Professor Wolfgang Seifen von der Universität der Künste Berlin oder den Berliner Domorganisten an der St.-Hedwigs-Kathedrale, Marcel Andreas Ober, zu Konzerten ein. Auch die Studenten der Universität der Künste Berlin nutzen die Orgel bereits als Ausbildungsinstrument und für Prüfungskonzerte. Durch diese gezielte Öffentlichkeit soll dem Instrument wieder der Platz in der Berliner Orgellandschaft zukommen, der ihm aufgrund ihrer Bedeutung eigentlich seit jeher gebührt.


Ss. Corpus Christi, Conrad-Blenkle-Str. 64, 10407 Berlin (Prenzlauer Berg), am S-Bahnhof Landsberger Allee.

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