Rom/Berlin

Berliner St. Hedwigs-Kathedrale: Rom kann man an der Spree erleben

Mit dem Rückgriff auf das römische Pantheon ist die Berliner St. Hedwigs-Kathedrale tief in der europäischen Baukultur verankert. Daran knüpft ihre aktuelle Umgestaltung nun an.
10.04.2020, Berlin, Deutschland - Foto: Stadtansicht Berlin mit Blick auf den Bebelplatz. Die Staatsoper Unter den Linde
Foto: Imago Images | Etwas versteckt hinter der Berliner Staatsoper steht die St.Hedwigs-Kathedrale. Sie ist eine der prominentesten Nachbauten des Pantheons nördlich der Alpen.

Für den Renaissancearchitekten Andrea Palladio war die Sache klar. Vor die Wahl gestellt zwischen Quadrat und Kreis, wählte er für Kirchenbauten den Kreis. Warum? Weil es „unter allen Figuren die einzige ist, die einfach geschlossen, allseitig von gleicher Erscheinung stark und geräumig ist. Lasst uns darum unsere Tempel als Rundbauten gestalten.“ Die Suche der humanistischen Architekten der Renaissance nach dem idealen Raum führt zurück bis zum Ursprung aller Zentralbauten, führt zum antiken römischen Pantheon. Dort, so schwärmte der Archäologe Bernard Andreae in seinem Buch zur Kunst des alten Rom, drücke sich „der Geist der hadrianischen Epoche ... in einem der größten Architekturdenkmäler aller Zeiten aus“.

Tatsächlich vermag man sich der Wirkung des Pantheons kaum zu entziehen. Es besticht durch das Ebenmaß der Dimensionen, die seine Monumentalität bändigen. Neugierig folgt man den Zeitschichten im Säulenwald der Vorhalle, die sich in den Spuren der Fehlstellen und Reparaturen zeigen. Im Inneren begeistert der Marmorboden mit seinen geometrischen Mustern und die kassettierte Kuppel aus opus cementitum mit ihrem offenen Oculus im Zentrum. Über Jahrhunderte hat das Pantheon die europäische Architektur inspiriert.

Die reinste Form des Zentralbaus

Dabei bildete das Pantheon zwar die reinste und gewiss die prominenteste Version der Idee des Zentralbaus. Sie war aber keineswegs die einzige. In seiner Nachfolge entstanden auf rundem oder polygonalem Grundriss manche frühchristlichen Zentralbauten, wie das Mausoleum der Constantina, die Kirchen St. Stefano Rotondo oder das Baptisterium des Laterans. Der lange Weg der nachrömischen Kontinuität der Zentralbauten führte in Deutschland über den karolingischen Aachener Dom bis zum mittelalterlichen St. Michael in Fulda, der Stadt des Heiligen Bonifatius.

Zu den prominentesten Sakralbauten, die das Vorbild des Pantheons nördlich der Alpen aufgreifen, gehört die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Ein wenig versteckt liegt sie hinter der Staatsoper Unter den Linden in zweiter Reihe, am Ende des sogenannten „Forum Friedericianum“, dem heutigen Bebelplatz in der Mitte der deutschen Hauptstadt. Mit dem Prachtplatz trieb Friedrich II. (1712–1786) die spätbarocke Aufwertung seiner kleinen märkischen Residenzstadt voran. Den Entwurf lieferten 1747 der gebürtige Franzose Jean Laurent Legeay und der Lieblingsarchitekt des Alten Fritz, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff.

Die Schutzheilige ist kein Zufall

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Doch bis zur Weihe des Sakralbaus sollte es über 25 Jahre dauern, denn inzwischen hatte der leidenschaftliche Bauherr Friedrich II. seine Bautätigkeit lieber ins idyllische Potsdam verlagert, worunter das Interesse an seinen Berliner Projekten massiv litt. Weder Planungsbeginn noch Patrozinium der prächtigen neuen katholischen Kirche Berlins, die der Heiligen Hedwig geweiht wurde, der Schutzheiligen Schlesiens, waren Zufall. Vielmehr sendet Friedrich nach dem siegreichen schlesischen Krieg ein klares Signal der religiösen Toleranz an seine katholischen Untertanen. Das gleiche galt für die Wahl des architektonischen Vorbilds, mit dem Knobelsdorff und Legay auf ein Hauptwerk des christlichen Sakralbaus zurückgriffen. Mit ihrem vorgesetzten antikisierenden Säulenportikus und der kuppelbekrönten Rotunde erweist sich die St. Hedwig zwar nicht als direkte Kopie des Pantheons, doch steht sie unverkennbar in dessen Nachfolge.

Zugleich wurde St. Hedwig damit zum Vorbild für nachfolgende Sakralbauten in Deutschland. So griffen auch Friedrich Weinbrenners St. Stephan in Karlsruhe und St. Ludwig in Darmstadt, die dessen Schüler Georg Moller entwarf, das Vorbild auf und machten zugleich deutlich, dass die Entwicklung des europäischen Zentralbaus ohne das prägende Vorbild Roms überhaupt nicht denkbar wäre. Im 19. Jahrhundert durch kleinere bauliche Eingriffe leicht verändert, erfolgte im Zusammenhang mit der Ernennung Berlins zum eigenständigen Bistum 1930 eine deutliche Umgestaltung des Innenraums von St. Hedwig durch Clemens Holzmeister, der zu den wichtigsten Vertretern der österreichischen Moderne zählte. Holzmeisters Umbauten betrafen vor allem die Altarzone, die durch eine kubische, niedrige Mauer vom übrigen Kirchenraum abgetrennt wurde.

St. Hedwig steht in der Tradition des Zentralbaus

Jubiläum
Foto: KNA | Der mittig liegende Zentralbau des Aachener Doms aus der Karolingerzeit ist ebenfalls von seinem großen Bruder in Rom inspiriert.

Bei der Bombardierung der Kathedrale im Zweiten Weltkrieg ging diese Innenraumgestaltung ebenso wie die historische Kuppel unter, die nach 1945 in veränderter Form neu errichtet wurde. 1955 erhielt schließlich der westdeutsche Architekt Hans Schwippert den Auftrag, den Sakralraum neu zu gestalten. Mittlerweile lag die Kathedrale im Ostteil des geteilten Berlins. Schwippert war Schüler des großen katholischen Kirchenbaumeisters Rudolf Schwarz, bei dem er 1929/30 an der Ausstattung der Fronleichnamskirche in Aachen mitwirkte. Intensiv untersuchte Schwippert unterschiedliche Raumlösungen.

In seiner 1963 geweihten Variante für St. Hedwig löste er den Altar von der Rückwand und zog ihn auf eine runde Altarinsel vor. Davor platzierte er eine große kreisförmige Öffnung im Boden. Ober- und Unterkirche sollten durch den Altar verklammert werden. Über eine breite Treppe erreichte man die Unterkirche, die einen Kranz von Kapellen und auch das Grab des seligen Bernhard Lichtenberg aufnahm. Im Sommer 2014 fiel die Entscheidung für die dringend notwendige Sanierung und einen Umbau der Kathedrale nach dem Entwurf der Fuldaer Architekten Peter Sichau und Hartmut Walter, die mit dem Wiener Künstler Leo Zogmayer zusammenarbeiten. Ihr Entwurf umfasst vier Teile: die Umgestaltung der Kirche in einen Ort der „großen Liturgie“. Dafür wird die Schwippertsche Öffnung geschlossen und der Altar künftig unter dem Oberlicht in der Mitte des Raumes platziert.

 

Mit seiner Form als „leicht modifizierte Halbkugel“ antwortet er als Gegenstück der hohen Kuppelschale. Das Konzept erweist sich als eine weitere Etappe in der langen Tradition der Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe Zentralbau, die vom Pantheon über die Sakralräume der Ostkirche und der Renaissance bis zur liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts führt. Hinzu kommen in Berlin die rückwärtige Sakramentskapelle als Ort der Andacht und des Gebets, die Umgestaltung der Unterkirche sowie die Sanierung und Erweiterung des angrenzenden Bernhard-Lichtenberg-Hauses. Unverständlicherweise wurde gerade dieser Baustein des Gesamtvorhabens mittlerweile an ein anderes Architekturbüro vergeben. Eine Entscheidung, durch die die einheitliche Gesamtwirkung des Entwurfsgedankens von Sichau und Walter beschädigt wird und die dringend revidiert werden sollte.

An einem stillen Wochentag stehe ich in der umhüllenden Mitte von St. Hedwig. Inzwischen ist die Bodenöffnung verschlossen. Was für eine Raumerfahrung! Auf einmal wird die besondere zentralräumliche Qualität des Sakralraums wieder erfahrbar. In den 50 Jahren zuvor war sie durch die Wege- und Blickführung hinab in die Krypta nie wirklich in ihrer Gesamtheit zu erleben. Jetzt, so scheint es mir, kehrt St. Hedwig zu sich zurück und damit auch zur ganzheitlichen Raumidee des römischen Pantheons.


Jürgen Tietz, Jahrgang 1964, studierte Kunstgeschichte und klassische Archäologie. Es folgte eine Promotion in ersterem Fach. Tietz arbeitet als Publizist zu den Themen Architektur und Denkmalpflege. Er befasst sich intensiv mit zeitgenössischer Baukunst sowie mit der Baugeschichte der Moderne. In seinem Buch „Römische Erinnerungen“ (2020), dem vierten Band der Reihe „Sankt Hedwig Mitte“, nähert sich der Autor in Wort und Bild auf sehr persönliche und atmosphärische Weise der Idee Roms in Europa an. Erschienen ist der Band im Herder Verlag.

 

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