Feuilleton

Die Renaissance an der Isar

Höhepunkte von Giotto bis Leonardo da Vinci in München. Von Urs Buhlmann
Anbetung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige, Sandro Botticelli
Foto: mac book foto | Wohl der Mittelpunkt der Ausstellung – Sandro Botticelli: Anbetung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige, um 1475.

Feierstimmung in Münchens Alter Pinakothek: Das traditionsreiche Haus, gelegen inmitten verwandter Institutionen in der Maxvorstadt, hat nicht nur seine „energetische Sanierung“ nach vier Jahren erfolgreich beendet, sondern meldet sich nun auch mit einem Paukenschlag zurück. Die Ausstellung „Florenz und seine Maler“ lenkt nach der erfolgreichen Vermeer-Schau die Aufmerksamkeit auf die Stadt, in der – so Kurator Andreas Schumacher – neuzeitliche Malerei ihren Ausgangspunkt hat. Von Fra Angelico am Beginn des 15. Jahrhunderts bis zu Fra Bartolomeo an dessen Ende (Dominikaner waren sie beide, seliggesprochen wurde nur der erste) reicht der Reigen der Künstler, die hier mit ihren ersten Werken vertreten sind und zu denen weitere bekannte Namen wie Giotto, Filippo und Filippino Lippi, Andrea del Verrocchio, Domenico Ghirlandaio, Sandro Botticelli, Lorenzo di Credi und Leonardo da Vinci stoßen. Generaldirektor Bernhard Maaz hatte bei der Vorstellung der Schau zehn Minuten lang den diversen Sponsoren zu danken, die sich sowohl bei der Neugestaltung der Ausstellungsräume als auch bei dieser italienischen Galavorstellung Meriten erworben haben.

Man war fromm, wollte aber auch den Wohlstand sichern

Florenz zur Beginn der Neuzeit: Eine Stadt, die kaum einmal mehr als 35 000 Einwohner zählte (wegen der periodischen Pestepidemien), aber dutzende, zeitweise hunderte Maler- und Künstlerwerkstätten aufwies. Diese hohe Konzentration an Kreativität und Können verdankte sich günstigen äußeren Faktoren, in erster Linie dem beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt am Arno durch Tucherzeugung, Handel und den ersten florierenden Banken überhaupt. Das 15. und 16. Jahrhundert sah ferner den Aufstieg der Familie Medici zur stadtbeherrschenden Dynastie, die am Ende zwei Päpste ebenso wie zwei Königinnen von Frankreich hervorbrachten und damit weit über den Rang von Regional-Notabeln hinausragte. Die Medici – und im geringeren Maße weitere tonangebende Familien – hatten die Mittel, als Kunstförderer im großen Stil agieren zu können. Vor allem aber hatten sie den Willen, eben nicht nur politisch-wirtschaftlich, sondern auch als Mäzene und Anreger von Kunst und Wissenschaft hervorzutreten.

Alles hatte begonnen mit Giotto di Bondone, dem es gelungen war, den begrenzten Figurenkanon der byzantinischen Malerei hinter sich zu lassen und zu neuer Farbigkeit und Lebendigkeit zu finden. In der Ausstellung, die auch didaktisch überzeugt, wird der nun beginnende Weg von der Tempera-Malerei – die auf Ei oder Stärke basierte – und sich besonders gut für den ebenfalls aus Byzanz kommenden Goldgrund eignete (wie er vor allem für religiöse Motive verwendet wurde), zur neuzeitlichen Öl-Malerei mit mehreren Beispielen veranschaulicht. Überhaupt spielen die Fragen der Restaurierung und Pigmentforschung eine Rolle bei der Münchner Schau, denn einige der hier gezeigten Werke wurden vorher einer gründlichen Aufarbeitung unterzogen. Eine gut gestaltete Dokumentation lässt auch den Nicht-Fachmann verstehen, was da geschah.

Ganz zart und verhalten tritt einem zu Beginn der Ausstellung eine Zeichnung entgegen, die einen Zeichner beim Zeichnen zeigt. Ein Werk des wenig bekannten Maso Finiguerra, der eigentlich als Goldschmied brillierte. Aber, wie Kurator Schumacher ausführte, das Zeichnen-Können war die Mutter aller Künste damals in Florenz. Darin musste sich ein jeder nicht nur üben, sondern zunächst sein Können beweisen, bevor er sich als Maler, Architekt oder eben als Goldschmied spezialisieren konnte. Mit Ausstellungsstück Nr. 1 wird zugleich ein weiteres Leitmotiv eingeführt: Der Mensch, der sich selbst und seine Welt entdeckt und künstlerisch reflektiert. Natürlich dominiert – und die Ausstellung legt Zeugnis davon ab – noch bei weitem das religiöse Motiv, doch rückt in jener Zeit der sich seiner selbst bewusst gewordene Mensch in den Vordergrund. Damals wurde es nicht als Widerspruch gesehen, wie Ausstellungs-Kurator Schumacher ausführte, wenn ein im Geschäftsleben skrupelloser Bankier sich morgens und abends zum Gebet vor dem von ihm bestellten und bezahlten Marienbildnis niederkniete und inständig um sein Seelenheil betete. Um hernach an die Geschäfte zu gehen. Man war noch fromm, wollte sich der göttlichen Gnade versichern und hielt dennoch allzeit Ausschau nach lohnenden Investitionen und Projekten, dabei immer bestrebt, nicht nur den Wohlstand, sondern auch das Ansehen der Familie zu fördern. Die in Auftrag gegebenen Andachtsbilder fanden sich meist im ehelichen Schlafzimmer, wurden aber mit Stolz dem zu Gast weilenden Geschäftspartner oder Reisenden gezeigt. Kunst zum Beeindrucken, aber eben auch beeindruckende Kunst.

Es fällt schwer, eines der in München gezeigten Meisterwerke herauszugreifen, keines der mehr als 120 gezeigten Stücke, zu denen auch figürliche Werke und Buchmalerei gehören, fällt qualitativ ab. Es ist aber wohl Sandro Botticellis Anbetung der Heiligen Drei Könige, um 1476 entstanden und auch als Zenobi-Altar bekannt, die geheime Mitte der Ausstellung. Nebenbei bemerkt ist es eine Sensation, dass dieses Werk die Uffizien verlassen hat und nun für einige Zeit in München zu bewundern ist. Bei anderen Leihgaben musste man, so Generaldirektor Maaz, bis zu vier Jahre verhandeln, um den Weg an die Isar möglich zu machen, was am Ende auch der weltbekannten Expertise der Münchner für klassische italienische Kunst geschuldet ist. So war es eben möglich, dieses wichtigste Frühwerk des bedeutenden Porträtisten Botticelli an die Isar zu holen. Der Künstler schuf es für einen Geldwechsler und Parteigänger der Medici – und verfolgte mehrere Ziele damit. Das fromme und beliebte Motiv weitete er zu einer Massenszene aus, um möglichst viele Mitglieder seiner Gönner-Familie, der Medici, und weiterer Großer in Krypto-Porträts darin unterbringen zu können. Es entbehrt nicht einer gewissen Frechheit, dass alle drei Heiligen Könige die Züge von Medici-Angehörigen tragen. Die aber, als das Bild gemalt wurde, bereits tot waren und so zu Quasi-Heiligen erklärt wurden. Auf der rechten Seite blickt ein im gelben Mantel auftretender junger Mann den Betrachter selbstbewusst an. Es ist niemand anderer als Botticelli, der sich mit verborgenen Händen und damit als geistiger Schöpfer des Bildes zu erkennen gibt. Auch der Auftraggeber Guasparre del Lama taucht in der Figurenschar auf und schaut den Betrachter direkt an. Überhaupt wird überall mit Blicken kommuniziert auf diesem eher kleinformatigen Gemälde. Die Figuren schauen einander an und viele von ihnen blicken aus dem Bild heraus – ein Zeichen dafür, dass, trotz des frommen Motives, zunächst der Mensch und was ihn umtreibt vom Maler ins Bild gehoben wurde, ganz im Sinne der Renaissance.

Ein vorzüglicher, unter internationaler Beteiligung erstellter Katalogband begleitet die Ausstellung und dürfte wohl zu einem neuen Standardwerk über die Florentiner Schule avancieren. Als bei der ungemein stark besuchten Eröffnung – die ohne die Leitung des Wissenschaftsministeriums stattfand – dankbar der systematischen Sammeltätigkeit König Ludwigs I. gedacht wurde, der durch systematische Ankäufe für den Grundstock an florentinischen Gemälden in der Pinakothek sorgte, hatte der anwesende Herzog Franz von Bayern Grund zur Zufriedenheit. Dankbar sein aber kann die Öffentlichkeit: Die exzeptionelle Ausstellung, die in dieser Form wohl nicht ein zweites Mal zu sehen sein wird, vermittelt einen nahezu vollständigen Überblick über den Beginn der modernen Malerei, der untrennbar mit den Florentiner Malern verbunden ist und über das Konzept des Humanismus, das damit begann, dass der Mensch sich selber in den Blick nahm. München leuchtet tatsächlich zurzeit etwas mehr.

Florenz und seine Maler – Von Giotto bis zu Leonardo da Vinci. München, Alte Pinakothek, Barer Straße 27, bis 27. Januar 2019; geöffnet jeden Tag außer Montag, von 10 bis 18 Uhr, Dienstag und Mittwoch bis 21 Uhr.

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