Wenn das Instrument verkündigt

Orgelpredigten aus drei Jahrhunderten: Ein Forschungsprojekt der Universität Regensburg. Von Barbara Stühlmeyer

Dass Orgeln auch predigen können, wird kein guter Organist bestreiten. Ihre Verkündigung erfolgt beispielsweise durch das bewusste Zitieren von Chorälen in Improvisationen oder auskomponierte Choralvorspiele und Fantasien, deren Inhalte in der zuhörenden Gemeinde gedankliche Netzwerke anklingen lässt. Andererseits unterstützt Orgelmusik die Verkündigungsinhalte nonverbal durch das Evozieren von Klangräumen, die die spirituelle Erfahrung verstärken oder die Gläubigen für diese öffnen können. Aber auch über die Instrumente selbst, ihre Bauweise und ihre Funktion innerhalb des Gottesdienstes wurde im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder gepredigt. Dabei ging es nicht immer so unfreiwillig komisch zu wie in einer Orgelpredigt, die in den 1980er Jahren im Münsterland gehalten wurde und in der der Pfarrer verkündete: „Unsere Orgel hat rund 5 000 Pfeifen, genau wie unsere Gemeinde.“ Allerdings ist der Vergleich des erwünschten harmonischen Zusammenwirkens der einzelnen Mitglieder einer Gemeinde mit dem symphonischen Klang der Pfeifen einer Orgel – ein Idealfall, an den jener Pfarrer erinnern wollte, schon weit älter und wurde bereits von den Kirchenvätern angestellt. Der Zusammenhang zwischen kultischem Erleben und Musik ist in allen Kulturen eng und so verwundert es nicht, dass auch im Christentum Musik und die Instrumente, dank derer sie erklingt, immer wieder thematisiert wurden.

Wieviel musikalisches Fachwissen Theologen in ihren Predigten mitunter zeigten, beweist ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt der musikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Regensburg, innerhalb dessen gut 90 Orgelweihpredigten aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert ausgewertet werden. Diese Homilien, die zumeist unmittelbar nach ihrer Niederschrift gedruckt wurden und von denen man daher annehmen kann, dass sie Teil der Erinnerungskultur der jeweiligen Gemeinde, aber auch von überregionalem Interesse waren und von musikalischen und theologischen Fachleuten zur Kenntnis genommen wurden, werden im Zuge des neuen Projektes durch eine von Katelijne Schiltz von der Universität Regensburg geleitete Gruppe von Wissenschaftlern in einem Onlineportal als Digitalisat zugänglich gemacht und ermöglichen so den weltweiten Zugriff auf dieses hochinteressante Material.

Im Rahmen der geplanten wissenschaftlichen Erschließung werden die einzelnen, zumeist als Unikate in einem geografisch weit verstreuten Kontext entstandenen Drucke ediert und Kurzbiografien der Autoren sowie eine Übersicht über die Daten der jeweiligen Instrumente erstellt werden. In letzteren werden etwa die Disposition, das heißt die Registerzusammenstellung, der Name des Orgelbauers und die Entstehungszeit des Instrumentes enthalten sein. Auch über die möglicherweise längere Vorgeschichte des Instrumentes werden die Forscher so viel wie möglich in Erfahrung bringen, denn nicht selten wird beim Bau einer neuen Orgel Material des Vorgängerinstrumentes oder Teile des Prospektes mitverarbeitet oder neu strukturiert und intoniert. Art und Umfang der Arbeiten geben dann nicht nur Auskunft über den jeweiligen Zeitgeschmack, sondern auch über die finanziellen Verhältnisse der Gemeinden und ihre Schwerpunktsetzungen. Auf die inhaltliche Erschließung der Predigten legen Schiltz und ihr Team den größten Wert. „Von besonderer Bedeutung ist die Auswertung der Drucke für ein Panorama der protestantischen Orgellandschaft. Zahlreiche Texte thematisieren die Geschichte des geweihten Instruments, bieten Informationen zur Disposition und lassen den kultursoziologischen Hintergrund ihres Baus in bislang wenig bekannten lokalen Kontexten plastisch werden“, betont die Professorin. Außerdem werden die Forscher den Aspekt des Wissenstransfers fokussieren. Konkret: Welches musikalische Fachwissen lässt sich bei den Theologen des 16. bis 18. Jahrhunderts nachweisen, wie verbreitete es sich und welche Aspekte dieses Wissens wurden in den Predigten kommuniziert.

Wie einer der von der musikwissenschaftlichen Fakultät untersuchten Orgeldrucke zeigt, wurden Orgelpredigten durchaus nicht nur bei der Indienstnahme eines neuen Instrumentes gehalten. Cunrad Dieterich, Doktor der Theologie und Superintendent am Ulmer Münster, sprach beispielsweise anlässlich des Kirchweihfestes im Jahr 1624 über die Rolle von Instrumental- und Orgelmusik im Gottesdienst, wobei er seiner Gemeinde einen Einblick in die Geschichte der Erfindung der Instrumente gab, über die bekanntlich bereits im Buch Genesis berichtet wird, das Jubal, den Sohn Lamechs erwähnt, der der Vater aller Leier- und Flötenspieler wurde. Auch die Geschichte des Orgelbaus findet in dieser Predigt eine ausdrückliche Würdigung und so kann man davon ausgehen, dass die Ulmer Münstergemeinde darüber informiert war, dass Orgeln als Zirkusinstrumente, die anlässlich der Tötung von Christen aufspielten, in der Kirche zunächst verpönt waren und erst im Mittelalter über Byzanz, das über eine ungebrochene Tradition im Orgelspiel aufweist, wieder nach Westeuropa gelangten und dort als Gottesdienstinstrument entdeckt wurden.

Auf die Auswertung der Predigten darf man sehr gespannt sein. Katelijne Schiltz und ihr Forscherteam werden exemplarische Ergebnisse ihres Projektes 2019 innerhalb eines interdisziplinären Workshops vor- und zur Diskussion stellen.

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