Von Stufe zu Stufe

Literarischer Gottsucher und Mystiker: Hermann Hesse. Von Matthias Matussek
Hermann Hesse
Foto: (null) | ARCHIV - Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse. Hesse («Der Steppenwolf») wurde am 2. Juli 1877 in Calw/Württemberg geboren und verstarb am 9. August 1962 in Montagnola/Schweiz.

War Hermann Hesse ein katholischer Denker? Sicher nicht, nicht in den ersten Lebensjahren, auch wenn er ein Gottsucher und ein Mystiker blieb sein Leben lang. Am Ende seiner Tage soll er eine Konversion erwogen haben unter dem Einfluss seines katholischen Freundes Hugo Ball.

Mit zehn verfasst er ein erstes Märchen, mit 13 will er „Dichter werden oder gar nichts“. Bildungshunger, Flößerabenteuer, Fernweh, Frömmigkeit, Märchenwunder, aber auch Prügel und schwarze Pädagogik, die seinen Eigensinn brechen soll, das ist die Kindheit. Schließlich schafft er das Landexamen, das ihn zum Eintritt in die Klosterschule Maulbronn berechtigt.

Hermann ist in der Stube Hellas untergebracht. Die Teenager lesen Schiller-Dramen mit verteilten Rollen. Seinem Großvater schreibt er imponierend auf Latein. Doch eines Vormittags nimmt er seine Französisch-Bücher und geht nicht zur nächsten Unterrichtsstunde, sondern hinaus, immer weiter, er irrt in Wald und Flur umher, bis er 23 Stunden später von einem Gendarmen aufgegriffen wird.

Er flüchtet früh aus der Welt der geistigen Enge

Schon in den Tagen vor der Flucht berichten Mitschüler von eifernden antibiblischen Reden, von Raufereien, Selbstmordphantasien. Das Kollegium bittet die Eltern, ihn von der Schule zu nehmen. Zur Linderung seiner rasenden Kopfschmerzen wird er in ein christliches Kurhaus nach Bad Boll geschickt. Dort läuft er wieder davon, nicht ohne sich zuvor Geld von einem Wirt zu leihen, mit dem er sich einen Revolver kauft. Er will sich umbringen, aus Liebeskummer. Er wird in die Irrenanstalt von Stetten eingeliefert, von wo er eisige Briefe an seinen Vater schickt. Er sagt sich los von Gott und Elternhaus und schließt: „Ich hoffe, dass die Katastrophe nimmer lang auf sich warten lässt. Wären nur Anarchisten da!“ Rums. Die Kindheit ist zu Ende. Doch aus diesem Steinbruch aus Wildheit und Drama und Zauber schlägt er ein Leben lang Funken, nicht nur im Schülerroman „Unterm Rad“.

Immerhin ist Hermann klug genug, seine Rasereien einzustellen, er ahnt das Risiko, auf Dauer festgehalten zu werden. Er hilft als Praktikant in einer Turmuhrenfabrik, landet bei einem Buchhändler in Tübingen und verbringt die Zeit lesend im Laden.

Das ist ein neues Abenteuer: Hesse wird zum Leser, mäandert durch die Klassiker, schreibt, liest sich durch die griechische Mythologie, dichtet, beginnt eine neue Stellung in Basel, ist beeindruckt von Nietzsche, von den Romantikern, verfasst nun Rezensionen, eine der ersten gilt Novalis, der einst das romantische Programm mitformulierte: „Dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen“ geben. Rührende Ehrfurcht des Autodidakten vor Geist und Buch, er wird zeit seines Lebens rezensieren, rund 3 000 Literaturkritiken liegen vor, lauter begeisterte Ja-Sagereien – mit Büchern, die ihn nicht anrühren, hält er sich nicht auf. Seine Gedichte werden veröffentlicht, erste Prosa-Sachen gefallen dem jungen Rilke, der schreibt bewundernd, aber zweideutig: „Er steht am Rande der Kunst.“ Rilke war der Erste, der das erkannte. Am Rande der Kunst. Mit Überschüssen in die Klarheit und die Wahrheit, in das, was man mit 13 und dann erst wieder ab 60 als Weisheit bezeichnet. Dort am Rande wird er sich einrichten, weil ihn Literatur, wie die Seminare sie verstehen, kalt lässt. Schließlich, 1903, nach dem Sinnenabenteuer zweier Italien-Reisen, die auch den Spuren des bewunderten heiligen Franziskus folgen, veröffentlicht er den autobiografisch grundierten „Peter Camenzind“: die mitreißende Geschichte vom Bergdörflerjungen, einem Kletterer und Wolkenbewunderer, der vom Dichterruhm träumt, den es in der großen Stadt in den Feuilletonbetrieb verschlägt, den er in seinen Eitelkeiten und Posen aus tiefstem Herzen verachtet, der die Sprache der Natur hört (und Gott in ihr) und zurückfindet zu seinem Vater ins Dorf. Ein Seelenroman, alle seine Romane werden so sein.

Auftakt zum Ruhm. Er heiratet die neun Jahre ältere Fotografin Maria Bernoullie, die ihm seine drei Söhne gebiert, baut ein Haus am Bodensee. Ein Haus im Reformstil mit großem Garten. Hesse predigt die Selbstversorgung, er ist der erste Grüne. Und zieht wieder los. In der Künstlerkolonie auf dem Monte Verita probiert er, der ständige Sucher, die nächste Lebensmaske. Zunächst ist er fasziniert, er klettert nackt in den Bergen der Sonne entgegen. Doch bald macht er aus dem Kampf zwischen Vegetariern und Frugivoren die unglaublich komische Satire „Doktor Knölges Ende“.

Die Hesses ziehen in die Schweiz. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Zunächst ist Hesse mitgerissen wie alle. Allerdings müsse man, so Hesse im Aufruf „O Freunde, nicht diese Töne!“, auch ein gutes französisches Buch gegen ein schlechtes deutsches verteidigen dürfen. Ungeheuerlich, was daraufhin an ihn anbrandet, er ist der „Gesinnungslump“. Die Ehe zerbricht. Krisenbilder aus der Zeit der Psychoanalyse. In einem wilden Selbstporträt zeigt er sich verletzt, zerrissen, zerstört. Er wird von Josef Bernhard Lang, später von C. G. Jung behandelt. Schließlich die erneute Häutung: Der Umzug ins Tessin bringt einen Schaffens- und Farbrausch. Hesse ist angekommen, vorerst, hier werden die Hauptwerke entstehen, „Siddhartha“, „Der Steppenwolf“, „Narziß und Goldmund“, „Das Glasperlenspiel“. Montagnola, das Bergnest über dem Luganersee. Da ragt sie in die Abendsonne, die barocke Casa Camuzzi. Violette Schatten über den Palmen und Kastanien des Terrassengartens, und hoch unter einem Türmchen ist Klingsors Balkon. Nahezu mittellos kommt Hesse im Mai 1919 hier an, die depressive Frau ist in einem Sanatorium, die Kinder bei Freunden verteilt, natürlich ist Hesse auch das Künstlermonster, er mietet vier Räume und ernährt sich von Kastanien, die er auf Spaziergängen findet. Wieder ein kompletter Neuanfang. Hesse trinkt und malt und trinkt und schreibt. Und trinkt. Bacchantischer Sommer. Eine neue Liebe, die junge Industriellentochter Ruth Wenger, die ihn in seiner Indien-Phantasie „Siddhartha“ zur Figur der Kurtisane Kamala inspiriert. Alle Sinne sind geöffnet für Wunder. Er heiratet erneut. Doch während Hesse sich einschwingt in diese großartige neue Passage, ermattet die Liebe, und die Frau reicht die Scheidung ein. Doch schon vorher war eine neue beglückende Freundschaft in sein Leben getreten: Hugo Ball, der Dada-Künstler und Schriftsteller und Cabaret-Voltaire-Häuptling, war mit seiner Frau Emmy Hennings in die Nähe gezogen. Biograf Gunnar Decker nennt es die „vielleicht wichtigste Begegnung seines Lebens“. Beide verlieben sich in Hesse, und er sich in beide. Spießer sind anders. Ball, der verarmte Asket, ist auf dem Wege vom Bürgertum-Zertrümmerer zum Mönch. Er ist zum Katholizismus übergetreten und schreibt ein Buch über das byzantinische Christentum, das Hesse sympathisierend bespricht: „Diese Sprache ist sein Geheimnis.“ Eines, das „beständig das Wissen um die Unnennbarkeit in sich tönen hat“.

Doch das Rumoren beginnt erneut, Zeit für eine neue Lebensstufe. Auf den Höhenflug von „Klingsors letzter Sommer“ und dem Weisheitsmärchen „Siddhartha“ folgt nun, 1927, die schwärzeste aller Zerrissenheitsgeschichten, die des „Steppenwolf“. Harry Haller, die Hauptfigur, ist ein gescheiterter Intellektueller, dessen Weltverachtung nur von seiner Selbstverachtung übertroffen wird. Ein Buch wie Jazz, mit seinen eingeschobenen Steppenwolf-Gedichten, dem Traktat, den verschiedenen Erzählern mit ihren Stimmen. Hesse, gerade 50 geworden, wird sich anders als Harry Haller nicht umbringen wollen, stattdessen kümmert er sich um seinen Freund Hugo Ball, der mit Magenkrebs im Sterben liegt. Ball möchte ihn zur Konversion überreden, doch Hesse scheut vor diesem letzten Sprung. Bewegt nimmt er Abschied und betritt mit „Narziß und Goldmund“ eine neue Stufe. Diesmal aus der Moderne ins Mittelalter, eine wunderbare „éducation sentimentale“, diese Geschichte einer Freundschaft. Der Mönch Narziß bleibt im Kloster, und sein Schüler Goldmund geht in die Welt. Beide Wege führen zur gleichen Einsicht.

Danach zieht der Dichter in seine letzte Bleibe, ein paar hundert Meter weiter, in die Casa Rossa, mit seiner dritten Frau Ninon Dolbin. Bereits im selben Jahr beginnen die Arbeiten an seinem Opus magnum „Das Glasperlenspiel“, der Fiktion der Ordensprovinz Kastalien. Als er 1946 den Nobelpreis erhält, erspart sich Hesse die Reise. Er ist des Trubels müde. Dichterisch ist er verstummt. Nun verlegt er sich aufs Malen und aufs Briefeschreiben, 40 000 sind es im Laufe seines Lebens, er wird der Guru, der er nie sein wollte, er beantwortet Briefe von jungen Künstlern, von Soldaten, von verzweifelten Teenagern. Allen rät er das Gleiche: Hör auf dich selbst, nicht auf Programme. Hab Mut zum Eigensinn. Auch heute nicht der schlechteste Rat.

Am Morgen des 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse im Schlaf. Ein kleines Blutrinnsal im Mundwinkel. Auf dem Bett sollen die „Bekenntnisse“ des Augustinus gelegen haben.

Gekürzte und aktualisierte Fassung eines Artikels, der zuerst in DER SPIEGEL erschienen ist.

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