Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

O Romeo, warum wählst du AfD?

Progressiv, konservativ, unintuitiv: Queere und katholische Verbände gleichermaßen verleugnen ihre Klientel. Das macht aber gar nichts – so muss eben selbst gedacht werden. 
Christopher Street Day in Erfurt, Besucher mit Anti-Afd-Plakat
Foto: IMAGO/Müller-Stauffenberg | So kennt man das: Auf dem Christopher Street Day (hier in Erfurt) wenden sich queere und pro-queere herkömmlich Progressive gegen die Alternative für Deutschland.

Das einzig Beständige ist der Wandel“, sagt der Volksmund. Ein Allgemeinplatz, doch was ganz offensichtlich nicht konstant ist, ist die Geschwindigkeit des Wandels. Ob Trumps neue Außenpolitik, die mal eben die regelfixierten Ideale der Nachkriegsordnung ad acta legt, oder die CDU, die sich in beinahe eruptiver Art von ihrer Altkanzlerin löst – momentan bröckeln Allianzen und alte Gewissheiten in schwindelerregender Manier. Für Konservative, also „bewahrende“ Naturen, eigentlich ein Grund, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.

Lesen Sie auch:

Wer sich also klammheimlich über das zerschlagene Porzellan zwischen ZdK und CDU freut, der hängt jedenfalls nicht am status quo ante – und darf sich insofern hinfort gern als progressiven Katholiken bezeichnen. Wobei gesondert zu klären wäre, ob das Zerwürfnis eher auf dem traditionell zunehmenden linken Fortschrittsgeist des ZdK basiert oder dem fortschreitenden Rechtsschwenk der Union, die mit ihrer Anknüpfung an Vor-Merkel-Überzeugungen den Weg zurück in die Zukunft eingeschlagen hat.

Linke Verbände, rechte Basis

Ähnliche Begriffsverwirrung dürfte in diesen Tagen übrigens auch in der homosexuellen Szene herrschen: Während der LSVD+, eine einflussreiche queere Lobbyorganisation, anlässlich der Bundestagswahl „Wahlprüfsteine“ veröffentlicht hat, in denen die Partei „die Linke“ bei weitem am besten abschneidet, während der CDU/CSU bei acht Kategorien sechsmal die Wertung „schlecht“, und zweimal „gefährlich“ attestiert wird (BSW und AfD antworteten nicht auf die LSVD-Anfrage), ergab eine Umfrage unter Nutzern der schwulen Dating-App „Romeo“, dass diese gar die AfD auf Platz eins wählen würden.

Linke Verbände, rechte Basis – ein Schelm jedenfalls, wer dabei an das Verhältnis katholischer Laienverbände zum von ihnen vorgeblich vertretenen Volk Gottes denkt, das sein Kreuz allen guten Ratschlägen zum Trotz empirisch am liebsten bei der rückschrittlich-progressiven Union setzt. Auch wenn es sicherlich Gründe gibt, den darin aufscheinenden Verlust an wohliger Milieu-Kohärenz zu beweinen: Der frische Wind des Wandels bietet jedenfalls die Gelegenheit, den eigenen Standpunkt frei von überholten Labels zu bestimmen. Nicht das schlechteste für Katholiken, die sich in zunehmend entchristlichter Umgebung sowieso darin üben müssen, argumentativ für ihre Überzeugungen einzustehen.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Jakob Ranke Alternative für Deutschland CDU Katholikinnen und Katholiken Traditionen Zentralkomitee der deutschen Katholiken

Weitere Artikel

Das Urlaubsparadies ist reich an Traditionen und Bräuchen. Es lohnt sich, sie mithilfe des Südtiroler Bauernbundes kennenzulernen.
14.01.2026, 07 Uhr
Sabine Ludwig
Das Programm des Katholikentags steht fest. Podien werden ohne AfD-Vertreter stattfinden, Wählern der Partei wolle man aber Gesprächsmöglichkeiten bieten, so ZdK-Präsidentin Stetter-Karp.
03.03.2026, 15 Uhr
Maximilian Lutz

Kirche

Antworten auf die technische Revolution von heute: Die Internationale Theologen-Kommission beim Vatikan stellt dem Transhumanismus die Würde des christlichen Menschenbilds gegenüber.
05.03.2026, 16 Uhr
Guido Horst
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin forderte die Konfliktparteien zu Verhandlungen auf und warnt davor, Diplomatie und internationales Recht zu untergraben.
05.03.2026, 12 Uhr
Meldung
Der Freiburger Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping bewertet die Strategie der deutschen Bischöfe in Rom kritisch und empfiehlt die Qualifizierung von Katecheten.
05.03.2026, 17 Uhr
Regina Einig
In seiner Mittwochskatechese und in einem Brief an spanische Priester erläutert Papst Leo, warum der säkularisierte Westen gerade heute die Präsenz lebendiger Gemeinden braucht.
05.03.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Das Heilige Jahr hielt den Papst in Rom, doch jetzt bricht er auf: Afrika und Spanien sind die ersten Ziele.
04.03.2026, 14 Uhr
Guido Horst