Solschenizyn canceln?

Lehrergewerkschaften wollen Schule in der Vendée umbenennen

Einige französische Lehrergewerkschaften wollen eine Alexander-Solschenizyn-Schule umbenennen. Ein Hochschuldozent sieht in der Forderung Torheit und Ignoranz.
Denkmal des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn
Foto: Mikhail Metzel (imago stock&people) | Das Werk und Vorbild Solschenizyns könnten nach Ansicht des Historikers Heckmann helfen, das gegenwärtige Desaster zu verstehen, und Mut machen, jegliche Form der Lüge abzulehnen.

In einem Beitrag für die französische Tageszeitung „Le Figaro“ analysiert der Hochschuldozent Hubert Heckmann die Forderungen einiger Lehrergewerkschaften, das „Collège Soljenitsyne“ in Aizenay in der Vendée umzubenennen, „um die Völker, die Opfer von Putin wurden, zu unterstützen“. Neuer Namenspatron der Schule soll ein ukrainischer Anarchist werden.

Werk Solschenizyns als Vorbild

Doch sollte uns die Tragödie in der Ukraine dazu veranlassen, „den großen russischen Schriftsteller - das Symbol des intellektuellen Widerstands gegen die sowjetische Unterdrückung - mit Argwohn zu betrachten?“, fragt Heckmann, der mittelalterliche Literatur an der Universität Rouen unterrichtet. Das Werk und Vorbild von Solschenizyn „und auch sein besonderer Bezug zur Vendée könnten uns stattdessen helfen, das gegenwärtige Desaster zu verstehen, und uns Mut machen, jegliche Form der Lüge abzulehnen“.

Lesen Sie auch:

Denn eine Bildungseinrichtung aufgrund der Nationalität eines Schriftstellers umzubenennen, bedeute nach Heckmanns Ansicht, „in den Köpfen der Schüler die verhängnisvolle Vorstellung zu verankern, dass die politischen Erfordernisse Vorrang vor den humanistischen Fundamenten der Kultur hätten“. Die Lehrergewerkschaften, die die Petition auf den Weg gebracht haben, um den Namen des russischen Schriftstellers durch den eines „ukrainischen Dichters“ zu ersetzen, „kennen wahrscheinlich nicht die gemischten russisch-ukrainischen Wurzeln von Solschenizyn, der unter dem gemeinsamen Einfluss beider Kulturen aufwuchs, und dessen ukrainischer Großvater nur schlecht russisch sprach“.

Für Solschenizyn war kein Platz für russisch-ukrainischen Konflikt

Im April 1981 sandte Solschenizyn eine klare Botschaft an russische Flüchtlinge in Kanada. Darin heißt es: „In meinem Herzen gibt es keinen Platz für einen russisch-ukrainischen Konflikt und falls wir – was Gott verhüten möge! – an diesem Endpunkt ankommen sollten, kann ich sagen: Niemals, in keinem Fall, werde ich selbst an einer solchen russisch-ukrainischen Konfrontation teilnehmen, und auch nicht meine Söhne daran teilnehmen lassen“.

Die Verfasser der Petition, die von den drei Gewerkschaften SUD Éducation, der SGEN CFDT, der CGT sowie der NGO Attac unterstützt wird, betrieben daher „Geschichtsfälschung“, wie Heckmann feststellt, „wenn sie behaupten, dass der 2008 gestorbene Solschenizyn die Annexion der Ukraine durch Putin im Jahr 2022 unterstützt. Ihnen zufolge teilte ‚Solschenizyn mit Putin dessen Vision von der Einheit Russlands (und damit der Annexion der Ukraine), einen blinden Patriotismus sowie eine Faszination für autoritäre Regime‘“. Doch eine derartige Behauptung stehe, wie Heckmann konstatiert, in „einem eklatanten Widerspruch zu dem Oeuvre Solschenizyns und seinem Lebenszeugnis“. Denn Solschenizyn habe „sich immer sehr deutlich gegen den russischen Imperialismus als auch für das Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgesprochen“. 

1993 die Vendée besucht

Darüber hinaus trage die Schule in der Vendée nicht zufällig seinen Namen. Im September 1993 habe der russische Schriftsteller Station in der Vendée gemacht, um den „Widerstand und das Opfer“ der dortigen Bevölkerung zu würdigen, die zwei Jahrhunderte zuvor mit dem Terror der Französischen Revolution konfrontiert war. Denn für Solschenizyn, so erklärt Heckmann, „war der Große Terror in der Vendée ein Vorbild für den von Stalin in der Ukraine praktizierten Terror“. Lösche man Solschenizyn, so bedeute dies keinesfalls, „sich dem autoritären Regime Putins und seinen kriminellen Absichten zu widersetzen, sondern es bedeutet, sich zum Verbündeten und nützlichen Idioten zu machen“.  DT/ks

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Russlands aktuelle Kriegsstrategie erinnert viele Ukrainer an den Holodomor, den millionenfachen Hunger-Mord unter dem Grausamsten aller Sowjet-Tyrannen, aber auch an Methoden der Nazis.
19.04.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Putin fordert zu einer Entscheidung heraus: Für welche Werte steht der Westen? Und ist er bereit, für die Verteidigung der Freiheit auch Opfer zu bringen? Ein Kommentar.
10.03.2022, 07  Uhr
Guido Horst
Themen & Autoren
Meldung Josef Stalin Terrorismus Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Der deutsche Katholizismus ist gelähmt. Er spielt in gesellschaftlichen Debatten kaum noch eine Rolle. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Bischöfe.
26.05.2022, 09 Uhr
Manfred Spieker
Der Moskauer Patriarch beschädigt mit seiner Kriegstreiberei nicht nur sein eigenes Image, sondern die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung.
25.05.2022, 11 Uhr
Stephan Baier
Weil der deutsche Katholizismus trotz Auflösungserscheinungen Wortführer in der Gesellschaft bleiben will, wird der Glaube beschwiegen. Der Missionsauftrag bleibt auf der Strecke.
25.05.2022, 19 Uhr
Christoph Böhr
Am Samstag können Sie sich zusammen mit der Tagespost-Volontärin Emanuela Sutter über Ihre Erfahrungen mit dem Katholikentag und über Themen rund um die Tagespost unterhalten.
25.05.2022, 12 Uhr
Redaktion