Kommentar um "5 vor 12"

Es geht um mehr als um Winnetou

Warum die „Woke“-Bewegung die Freiheit der Kultur bedroht.
Junger Winnetou
Foto: dpa | Mika Ullritz als Winnetou in einer Szene des Films "Der junge Häuptling Winnetou" (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 11.08.2022 in die deutschen Kinos. (zu dpa-Kinostarts) +++ dpa-Bildfunk +++

Früher spielten Kinder mit Platzpatronen und Gummipfeilen „Cowboy und Indianer“ – heute kämpft die globale „Woke“-Bewegung für die Rechte der durch weißen Kolonialismus und weißen Rassismus Unterdrückten. Was eigentlich ein berechtigtes Anliegen wäre, denn dass die europäische Kulturhegemonie in vielen Gegenden der Welt mit Blut erkauft wurde, lässt sich nicht in Abrede stellen. Viele indigene Völker zahlen bis heute einen hohen Preis dafür, dass Aufklärer, Missionare und Geschäftsleute ihre Ideen imperialistisch in die Welt zu tragen versuchten. Oft ohne Rücksicht auf die kulturellen und spirituellen Traditionen, die sie vorfanden.

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Woke- Furor

Erstaunlich ist es jedoch, wie die aktuelle Debatte um den Ravensburger Verlag zeigt, der laut KNA „seine Produkte zum Kinofilm ,Der junge Häuptling Winnetou‘ zurückgezogen“ hat, dass sich der „Woke“-Furor nun ausgerechnet gegen Karl Mays Winnetou-Stoff richtet, der den Dialog und die humane Verständigung zwischen allen Lesern und Menschen zu fördern versuchte. Durchaus mit Erfolg. Denn ganz bestimmt ist es Karl Mays künstlerischer und christlich inspirierter Phantasie mitzuverdanken, dass Generationen von Kindern rund um den Spielplatz lieber die tapferen und edlen Indianer verkörpern wollten, als die vielleicht coolen, aber auch ziemlich skrupellosen „Bleichgesichter“.

Kultur ohne Anstoß

Mindestens erstaunlich ist aber auch das offensichtliche Ziel der „Woke“-Bewegung, wie es sich bei der Winnetou-Debatte und früheren Streit-Themen („Othello“-Besetzung in Theatern, Friedrich Schillers „Mohr“, Kopfschmuck des Papstes in Kanada) manifestiert. Man will offensichtlich eine porentief reine und gleichartige Kunst, eine Kultur ohne Anstößiges und Reibendes. Abschottung statt Grenzüberschreitung. Was – so hart es auch klingt – in gewisser Weise an die rassistische Ideologie der Nazis erinnert, die mit ihrem lächerlich-perversen Kampf gegen die angeblich „entartete Kunst“ für Entsetzen sorgten. Die ideologische Enge ist die gleiche – nur spiegelverkehrt.

Insofern steht bei der aktuellen Debatte viel mehr auf dem Spiel, als nur ein Kinofilm und die dazu gehörigen Unterhaltungs-Tools und Marketingprodukte. Es geht um die Freiheit der Kunst und den Schutz von liberalen Künstlern vor Diskriminierung und Verächtlichmachung. Die Verteidigung der Offenen Gesellschaft. Gerade weil die Kultur immer vielfältig war und sein wird.

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