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Der fast katholische Kaiser?

Wilhelm II. war stark an religiösen und theologischen Fragen interessiert. Hatte er wirklich ein Faible für den Katholizismus?
Wilhelm II.
Foto: Imago/UIG | Kaiser Wilhelm II.– ein Kryptokatholik?

Stand der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., kurz davor, zum Katholizismus zu konvertieren? Diese These vertrat vor 25 Jahren der katholische Kirchenhistoriker Stefan Samerski. Samerski war im Nachlass des Kurienkardinals Mariano Rampolla del Tindaro auf Briefe gestoßen, die belegen, dass Wilhelm II. 1898–1900 mehrere vertrauliche Gespräche mit dem Innsbrucker Jesuitendirektor Victor Kolb geführt hatte. Kolb war aufgrund der Gespräche zu der Überzeugung gelangt, der Kaiser beabsichtige eine Konversion zur katholischen Kirche, und bat die Kurie um Instruktionen. Die Kurie nahm die Angelegenheit ernst, riet aber zur Zurückhaltung. Die Gespräche verliefen schließlich im Sande. Ein katholischer Hohenzollernkaiser wäre jedenfalls ein Riesenskandal gewesen, zumal der Kaiser als preußischer König zugleich Oberster Bischof der preußischen Landeskirche war. Die These von der Konversionsabsicht Wilhelms II. hat sich in der Forschung bislang auch nicht etabliert. Dass der Kaiser sich intensiv für religiöse und theologische Fragen interessierte, ist dagegen Konsens.

Aber auch der protestantischen „Orthodoxie“, also dem theologischen Konservatismus seiner Zeit, gehörte Wilhelm II. nicht an. Das wurde schon 1888 deutlich, als Wilhelm die Berufung des liberalen Theologen Adolf Harnack auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte in Berlin durchsetzte – gegen den Willen der Kirchenbehörde. Als Harnack wenige Jahre später ins Kreuzfeuer der theologischen Rechten geriet, weil er die Geltung des apostolischen Glaubensbekenntnisses in Frage gestellt hatte, entschied sich der Kaiser für die mildeste mögliche Sanktion: Harnack wurde lediglich intern zu größerer Zurückhaltung ermahnt, außerdem wurde in Berlin ein Lehrstuhl für Systematische Theologie geschaffen, der ausdrücklich von einem theologisch Konservativen besetzt werden sollte. Die von konservativer Seite gewünschte öffentliche Stellungnahme des Kaisers gegen Harnack blieb aus.

Der Bibel-Babel-Streit

Dass der Kaiser selbst alles andere als theologisch konservativ dachte, wurde für die Öffentlichkeit spätestens 1903 deutlich, als er sich in den „Bibel-Babel-Streit“ einmischte. Diesen Streit hatte der Assyriologe Friedrich Delitzsch mit zwei Vorträgen vor der Deutschen Orientgesellschaft ausgelöst, in denen er auf die babylonische Kultur als historischen Ursprung wesentlicher Aussagen des Alten Testaments verwiesen und dies mit einer Infragestellung des Offenbarungscharakters und damit auch der kanonischen Geltung des Alten Testaments verbunden hatte. Wilhelm II. war bei beiden Vorträgen anwesend und wurde im zweiten sogar von Delitzsch zitiert, sodass er sich in diesem Fall für eine öffentliche Stellungnahme entschied. In dem als Hollmann-Brief bekannt gewordenen Dokument verteidigte er den Offenbarungscharakter des Alten Testaments, allerdings in einer sehr eigenwilligen Interpretation: Zum einen unterschied er eine „gewissermaßen historische“ von einer „rein religiösen“ Offenbarung und nannte als Beispiele für die historische neben Karl dem Großen, Luther, Shakespeare, Kant etc. ausdrücklich auch Mose und Abraham. Zum anderen erklärte er die religiöse Offenbarung für eine, die sich im Alten Testament allmählich entwickle und die schließlich zur „Erscheinung des Herrn führt“. Unter dem Licht der neueren Forschung, so der Kaiser weiter, werde sich das Alte Testament „entschieden wesentlich ändern; das schadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht, schadet nichts.“

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Die kanonische Geltung des Alten Testaments wurde damals in der liberalen wie der völkischen Theologie in Frage gestellt – und in beiden Lagern hatte der Kaiser entscheidende theologische Gesprächspartner. Von liberaler Seite war dies Adolf Harnack, von völkischer Houston Stewart Chamberlain, dessen 1899 erschienene „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ einen tiefen Eindruck auf Wilhelm hinterließen. Noch in seinen Memoiren schrieb der Kaiser, das „Germanentum in seiner Herrlichkeit“ sei den Deutschen „erst durch Chamberlain (…) klar gemacht und gepredigt worden.“ Bei allen deutlichen Unterschieden zwischen Harnack und Chamberlain – beide führten miteinander eine lange Korrespondenz, bei der Harnack Chamberlain trotz aller Übereinstimmungen vorwarf, von einem „antijüdischen Dämon“ besessen zu sein – trafen liberale und völkische Theologie sich eben in der Abwertung des Alten Testaments. Wilhelm II. übernahm diese Auffassung weitgehend, traf sich aber mit Harnack in dem Anliegen, dass jede dogmatische Neuerung doch so gestaltet sein müsse, dass auch eine traditionelle christliche Frömmigkeit sich in ihr wiederfinden könne.

Katholisierende Tendenzen sucht man vergeblich

Erst im holländischen Exil (1918–1941) befasste der Kaiser sich dann wieder ausführlicher mit religiösen und theologischen Fragen. Er hielt in Doorn tägliche Hausandachten, und auch eine Reihe von Predigten aus seiner Feder ist erhalten. Zudem führte er eine sehr umfangreiche Korrespondenz über theologische Fragen, wobei ihn die Frage nach der Geltung des Alten Testaments weiterhin beschäftigte: Er schlug nun eine „Kürzung“ vor, aber keine restlose Streichung aus dem Kanon. Auch zum evangelischen Abendmahlsstreit äußerte er sich: Seiner Meinung nach sei die ganze Diskussion über die Realpräsenz Christi in Brot und Wein verfehlt, da das Aramäische, das Jesus gesprochen habe, keine Verben kenne. Jesus könne also gar nicht gesagt haben: „Dies ist mein Leib“, womit der gesamte Streit obsolet und eine symbolische Deutung des Abendmahls als „Gedächtnismahl“ die richtige sei.

Auch mit Katholiken wie dem Abt von Maria Laach, Ildefons Herwegen, führte Wilhelm II. im Exil eine umfangreiche theologische Korrespondenz: freundlich im Ton, aber doch hart in der Sache gegen alle Versuche, ihn von der katholischen Lehre zu überzeugen. Herwegen versuchte, den Kaiser für die Erkenntnis zu gewinnen, dass das katholische Traditionsprinzip eine viel größere Offenheit im Blick auf den Offenbarungsbegriff biete als das evangelische „Sola Scriptura“. Das überzeugte den Kaiser aber nicht; katholisierende Tendenzen sucht man in Wilhelms Exilkorrespondenz vergeblich.

Und woher kommt dann die Idee, Wilhelm II. könnte ein Faible für die katholische Kirche gehabt haben? 1929 veröffentlichte der rechtskatholische Historiker Max Buchner ein Buch über die Weltanschauung Wilhelms II. mit Blick auf den deutschen Katholizismus. Darin vertrat Buchner die These, dass der Kaiser Amtsautorität, Tradition und Ritus der katholischen Kirche hochschätze und außerdem aus politischen Gründen eine Integration des katholischen Bevölkerungsteils in das protestantisch dominierte Kaiserreich anstrebe. Wilhelm II. las dieses Buch und schrieb dem Autor, es sei „objectiv, klar, überzeugend geschrieben“. Kirchen- und religionspolitisch vertrat der Kaiser, wie er in einem weiteren Brief darlegte, für Katholizismus und Protestantismus die Auffassung: „getrennt marschieren, vereint schlagen“. Wilhelm II. hatte also durchaus gewisse Sympathien für den Katholizismus. Dass er zeit seines Lebens überzeugter evangelischer Christ – wenn auch sehr individueller Ausprägung – blieb, steht aber außer Frage.

Fortsetzung folgt.

Der Autor ist habilitierter Historiker und Akademischer Oberrat a. Z. am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

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