Der Liberalismus lebt von einer Einsicht, die im Zeitalter moralischer Überhitzung wie ein Affront wirkt. Der Mensch ist kein Material gesellschaftlicher Entwürfe, kein Objekt politischer Pädagogik und kein Rohstoff weltanschaulicher Formung, sondern Person mit eigener Würde, Verantwortung und dem Recht, ihr Leben ohne die fortwährende Beaufsichtigung wechselnder Milieus und ihrer Empfindlichkeitskataloge zu führen. Die eigentliche Größe des Liberalismus lag deshalb nie darin, den Menschen zu veredeln, sondern ihn vor jenen zu schützen, die genau dies mit ihm beabsichtigen und ihre Anmaßung auch noch für Fürsorge halten. Diese Einsicht ist in den vergangenen Jahren verdrängt worden. Freiheit gilt nicht mehr als ein Raum, in dem Unterschiedlichkeit bestehen bleiben darf, sondern nur noch dann als legitim, wenn sie sich den herrschenden Sprachregelungen, Sensibilitäten und moralischen Erwartungssystemen fügt. Wer diese sprachpolitischen Zumutungen nicht übernimmt, erscheint nicht als Andersdenkender, sondern als defizitär, als rückständig, als jemand, an dem pädagogisch nachgebessert werden müsse.
Die Pandemie war ein Kipppunkt
Besonders klar tritt diese Entwicklung bei den Grünen hervor. Eine Partei, die einst aus bürgerrechtlicher Skepsis heraus entstand, aus dem Misstrauen gegen Bevormundung, Übergriff und staatliche Selbstermächtigung, hat sich weithin in eine Kraft verwandelt, die Gesellschaft nicht mehr nur ordnen, sondern modellieren will. Nicht mehr die Begrenzung politischer Macht steht im Zentrum, sondern die moralische Legitimation ihres Einsatzes. Spätestens in den Pandemiejahren zeigte sich, wie rasch aus dem alten Freiheitsreflex ein Politikstil werden konnte, der Kontrolle, sozialen Druck und staatliche Lenkung nicht mehr als gefährliche Ausnahme, sondern als zulässiges Instrument höherer Einsicht behandelt. In einem solchen Klima konnten auch Teile der queeren Bewegung weit über ihren berechtigten Ausgangspunkt hinauswachsen. Selbstverständlich gehört der Schutz jedes Menschen vor Herabsetzung und ungerechter Benachteiligung zum Kern jeder freien Ordnung. Doch aus diesem Anspruch ist in weiten Teilen längst mehr geworden als das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.
Es geht schon lange nicht mehr nur um gleiche Rechte, sondern um kulturelle Verbindlichkeit, sprachliche Gefolgschaft und die Umformung jener Begriffe, mit denen eine Gesellschaft Wirklichkeit beschreibt. Genau hier liegt der Bruch mit dem Liberalismus. Denn ein liberaler Staat schützt Freiheit, aber er begründet keine verpflichtende Weltsicht. Er gewährleistet Pluralität, ohne aus ihr die Unterwerfung unter immer neue Deutungsrahmen abzuleiten. Wo aber Sprache verflüssigt, Begriffe entgrenzt und Wirklichkeitsbezüge weltanschaulich umcodiert werden, verliert die Freiheit ihren Boden, weil sie von Klarheit lebt und nicht von Unschärfe. So gerät der Liberalismus heute zwischen zwei unfreie Pole: hier der identitätspolitische Zugriff, dort eine illiberale Abwehrbewegung. Beide verfehlen den Einzelnen, weil beide ihn einem größeren Deutungssystem unterwerfen. Die liberale Antwort kann deshalb nur lauten: klare Begriffe, nüchterne Politik und Schutz des Individuums. Freiheit ist keine moralische Selbstinszenierung.
Der Autor ist als Publizist tätig.
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