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Dieser Film ist keine Kunst 

„Citizen Vigilante“: Zu Recht ohne Kulturgut-Schutz.
David Engels
Foto: privat | Der Autor lehrt als Professor für Alte Geschichte.

Seit Tagen beschäftigt Uwe Bolls Citizen Vigilante die öffentliche Meinung, und da alles Wesentliche bereits gesagt wurde, mag es helfen, den Blick dadurch zu erweitern, den Film mit Todd Phillips’ Joker (2019) zu vergleichen und die Frage zu stellen, wodurch sich ein Kunstwerk von bloßer politischer Agitation unterscheidet. Beide Filme kreisen um Gewalt, gesellschaftlichen Verfall und das Motiv des Einzelnen, der sich gegen eine als ungerecht empfundene Ordnung erhebt; dennoch liegen zwischen ihnen Welten. 

Der entscheidende Unterschied besteht darin, welche Funktion Gewalt innerhalb der Erzählung erfüllt. In Joker erscheint sie nicht als Lösung, sondern als Symptom eines umfassenden moralischen Zerfalls: Arthur Fleck ist weder Held noch Bösewicht; der Zuschauer wird vielmehr eingeladen, seine Demütigungen nachzuvollziehen, ohne jemals die Möglichkeit zu erhalten, sich in seiner Entwicklung moralisch einzurichten. Der Film hält die Spannung zwischen Mitleid und Abscheu konsequent aufrecht, und gerade diese Ambivalenz macht seine künstlerische Qualität aus: Die Transformation des gequälten Underdogs zum Zeremonienmeister des Untergangs des Abendlandes wirkt nicht als reinigendes Fanal, sondern tragisches Finale einer durch und durch zerstörten Gesellschaft – ein Triumph, der gleichzeitig völliger Absturz ist.

Sich im Ressentiment suhlen

Dagegen ist der Hauptdarsteller in Citizen Vigilante eine selbstzufriedene, kalte, innerlich tote Gestalt, deren Rachefantasien der Hybris und nicht dem Wahnsinn geschuldet sind und die nicht als trauriges Symptom einer kranken Welt, sondern als „positive“ Alternative zu einem dysfunktionalen System präsentiert wird; und auch wenn Boll beteuert, sein Protagonist gehe natürlich „zu weit“, zeigt der soziale Hype um den „Held“, der die Justiz endlich in die eigenen Hände nimmt, deutlich, was letzten Endes als „Botschaft“ bei einem erheblichen Teil des Publikums angekommen ist. 

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Sicher, Kunst darf verstören, provozieren und fragwürdige Figuren in den Mittelpunkt stellen; entscheidend ist aber, ob sie den Betrachter über den bloßen Affekt hinaus in einen Raum hineinführt, in dem Läuterung, Wachstum und Erhebung möglich werden und nicht nur Ressentimentbefriedigung. Gerade deshalb konnte Joker auch von unterschiedlichsten politischen Lagern beansprucht werden, da manche eine linke Kritik gesellschaftlicher Ungleichheit, andere eine rechte Anklage gegen die Entwurzelung des modernen Menschen sahen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob Citizen Vigilante mehr tut, als den Zuschauer in seinem Zorn zu bestätigen. Politik kann kurzfristig von solchen Momenten der Empörung profitieren; mit echter Kultur hat das aber nichts zu tun, und sicherlich nicht mit konservativer Kultur, welche ihrem Ursprung nach niemals das Sich-Suhlen im Ressentiment war, sondern die Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten, selbst an den unwahrscheinlichsten Orten. Hier liegt – eigentlich – auch die Grenze zwischen Konservatismus und Populismus, und man muss bedauern, dass sie durch den Druck von links und den Appell an das Ressentiment von rechts immer unschärfer wird. 


Der Autor lehrt als Professor für Alte Geschichte.

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