Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Citizen Vigilante“

Sehnsucht nach Rache

B-Movie-Regisseur Uwe Boll sorgt mit einem Selbstjustizfilm rund um Migrantengewalt für Wirbel. Nach verweigerter Freigabe durch die FSK griff Elon Musk ein.
Der Rächer aus "Death Wish" (1974), gespielt von Charles Bronson, ist filmisches Vorbild für den Protagonisten aus "Citizen Vigilante".
Foto: Imago/United Archives | Der Rächer aus "Death Wish" (1974), gespielt von Charles Bronson, ist filmisches Vorbild für den Protagonisten aus "Citizen Vigilante".

„When justice is denied, instincts turn to vengeance“ – zu Deutsch: Wenn Gerechtigkeit verwehrt wird, schlägt der Instinkt in Rache um. So lautet das Motto, das dem Film „Citizen Vigilante“ vorangestellt ist. Der Regisseur Uwe Boll, ein Deutscher, der vor allem auf dem amerikanischen Markt seine Kunden findet, schleppt schon länger den Titel „schlechtester Regisseur der Welt“ mit sich herum. Da nun sein neuester Film zu einer heftigen Kontroverse geführt hat, wird dieses Etikett in den Feuilletons gerne wieder bedient.
„Citizen Vigilante“ zeigt einen vermögenden US-amerikanischen Immobilienbesitzer namens Sanders, der in einer fiktiven Stadt in Europa Jagd auf Einwanderer macht, die trotz schwerer Straftaten wie Mord oder Vergewaltigung vom Rechtssystem mit Samthandschuhen angefasst wurden. Sanders, gespielt von Ex-Hollywood-Star Armie Hammer, erscheint dabei selbst als ambivalente Figur: Beim Besuch einer nicht-weißen Prostituierten bricht er das Liebesspiel ab, weil er Schimmel an den Wänden feststellt. Das Haus gehört ihm schließlich. An anderer Stelle macht er klar, dass ihm der gerichtliche Weg gegen zahlungsunfähige Mieter nicht reicht – stattdessen setzt er auf Inkasso-Schläger.

Lesen Sie auch:

Vor allem auf Elon Musks Plattform X gingen Szenen viral, in denen Sanders sich als brutaler Rächer migrantischer Gewalt zeigt. So sucht er einen jungen Vergewaltiger zu Hause bei seiner Familie auf. Als dieser fliehen will, schießt er ihm ins Bein. Beim Verhör der Familie konfrontiert er die Schwester des Täters damit, dass sie nach der Tat im Internet geschrieben habe, die vergewaltigten Mädchen seien selbst schuld. Auf die Frage nach den Werten, die er seinen Kindern beibringe, antwortet der Vater: „Ich lehre ihnen die Werte des Korans.“ Schließlich zwingt Sanders den Jungen, seine Mittäter herbeizurufen, und exekutiert darauf die gesamte Familie sowie die nach und nach eintreffenden jungen Männer. Die letzte Szene des Films zeigt das Opfer der Vergewaltigung lächelnd vor dem Fernseher, als es von der Nachricht des Rächers hört. Der Abspann widmet den Film „den Tausenden Vergewaltigungs- und Mordopfern in Europa, die von unserem Rechtssystem verraten wurden“.
In Deutschland erregte vor allem auch die Nachricht Aufsehen, dass die FSK dem Film „kein Kennzeichen“ verlieh. Viele, auch Boll selbst, sprechen von faktischer Zensur. Tatsächlich bedeutet die fehlende Altersfreigabe – auch nicht ab 18 –, dass der Film nirgends offen verkauft oder beworben werden kann und auch in Kinos nicht gespielt werden darf. Die Begründung der FSK: Der Film propagiere Selbstjustiz und schüre Gewalt gegen Migranten. Klagen blieben ohne Erfolg.

Archaische Rache in modernem Gewand

Dabei ist „Citizen Vigilante“ wahrlich nicht der erste Film, der Selbstjustiz verherrlicht. Der Vigilantenfilm ist ein eigenes Genre. Als eines der berühmtesten Beispiele gilt „Ein Mann sieht rot“ („Death Wish“) von 1974, den Boll selbst als Vorbild nennt. Interessant an „Citizen Vigilante“ ist jedoch, dass Sanders nicht aus persönlichen Rachemotiven handelt. Als US-Amerikaner kommt er nicht einmal aus dem betroffenen Land, in dem er seine Morde durchführt. Als Reaktion auf die FSK-Entscheidung veröffentlichte Elon Musk den gesamten Film übers Wochenende kostenlos auf X. Dies tat dem internationalen kommerziellen Erfolg keinen Abbruch – im Gegenteil. In den USA landete der Streifen bei den Apple-Verkäufen auf Platz zwei – ein klassisches Beispiel für den Streisand-Effekt. Ironie der Geschichte: Boll ist gerade wegen der größeren filmischen Freiheiten vor allem auf dem US-Markt unterwegs. Nun bescherten ihm die Freiheitseingriffe in seinem Heimatland sowohl hier als auch dort einen Mega-Erfolg.
Dieser Erfolg basiert nicht auf cineastischen Qualitäten. Typisch Uwe Boll ist auch dieser Film durch eine trashige Ästhetik, schlechte Dialoge und seltsame Zeitsprünge geprägt. „Citizen Vigilante“ ist erfolgreich, weil er als Ventil für eine tiefsitzende und verbreitete Unzufriedenheit bezüglich Migration und innerer Sicherheit fungiert. Viele reden über den Film, ohne ihn ganz gesehen zu haben – und freuen sich über den ersehnten Tabubruch.

Egal, welche konkrete Form er hat, der moderne Staat definiert sich über sein Gewaltmonopol. Es gibt keine abgestuften Souveränitäten mehr wie noch in ständischen Zeiten. Allein das Gefühl, man sei nicht mehr sicher und der Staat sorge nicht für Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit, kommt seiner Selbstdelegitimierung gleich. „Citizen Vigilante“ und mehr noch die positiven Reaktionen auf ihn zeigen, welche Folgen das haben kann. Sanders tritt als Einzelner auf, ohne jede staatliche Autorität. Er verkörpert damit archaische Rache in modernem Gewand. Bolls Film zeigt damit, wenn wohl auch eher unfreiwillig, dass es ein Irrglaube ist, der Westen habe alles Archaische überwunden. Ironischerweise wirft der Protagonist der arabischen Familie eine archaische Weltsicht vor, die mit der Demokratie unvereinbar sei, nur um sie kurz darauf selbst in einem archaischen Akt der Kollektivstrafe auszulöschen. Es bleibt unklar, ob der Regisseur sich dieser Ironie bewusst war.


Der Autor arbeitet als Politik-Assistenz für „Die Welt“ und studiert Geschichtswissenschaft und katholische Theologie in Berlin.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Theo Hoenhorst Schwestern

Weitere Artikel

Wer war Bernadette Soubirous, und warum sah sie die Muttergottes? Lilly und Bob gehen im ersten Teil ihrer Geschichte dieser Frage auf den Grund.
16.04.2026, 11 Uhr
Claudia Weiß
Die von der Stadt Hannover empfohlene Vielfaltliteratur ist fern der Realität von Kindern – und lässt mich als Mutter ratlos zurück.
02.03.2026, 05 Uhr
Maria Fuchs
Was ist möglich, wenn jemand auf eine Katastrophe zusteuert?
31.01.2026, 08 Uhr

Kirche

Nach der Hochmesse kommen Blitz und Donner: Die Piusbrüder weihen in Écône vier neue Bischöfe. Unser Autor ist bei der Zeremonie zwischen Aprikosenplantagen und Starkstrommasten dabei.
01.07.2026, 16 Uhr
Alexander von Schönburg
Gehört die Piusbruderschaft jetzt nicht mehr zur katholischen Kirche? Ganz so einfach ist es nicht.
02.07.2026, 15 Uhr
Benjamin Leven Sebastian Ostritsch
Der Name klingt nach Unglück, das Fest ist das Gegenteil: eine Geschichte über Hoffnung – jeder Hoffnungslosigkeit und Wahrscheinlichkeit zum Trotz.
02.07.2026, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Katholische Instagram-Influencer werben erfolgreich für ihren Glauben, und „Kirche + Leben“ wittert toxische Männlichkeit. Doch wer ist hier ausgrenzender?
02.07.2026, 11 Uhr
Benjamin Leven