Kennen wir das nicht irgendwoher? Ein etwas älterer Herr, der mit einem Bein eigentlich schon im politischen Ruhestand steht, wird zurückgeholt, weil er seiner Partei, die nicht mehr genau weiß, wozu sie eigentlich da ist, neues Profil verleihen soll. Denn er ist ein guter Rhetoriker und scheut sich vor keinem Konflikt. Genau, die Sehnsüchte, die jetzt dessen Anhänger auf Wolfgang Kubicki als ihren Traum-FDP-Vorsitzenden projizieren, ähneln doch sehr stark den Hoffnungen, die einst die Merz-Ultras umtrieb, als der heutige Kanzler für den CDU-Vorsitz antrat.
Und in der Tat, der Blick auf Merz ist hier zweifach interessant: einmal, weil er zeigt, wie leicht Hoffnung in tiefe Enttäuschung umschlagen kann. Hier hat Kubicki allerdings leichteres Spiel als der Kanzler: Er muss in keiner Regierung Kompromisse eingehen, sondern kann als Chef einer FDP-APO Maximalforderungen stellen. Und dann markieren die schlechten Beliebtheitswerte für den Kanzler aber auch die Lücke, in die eine Kubicki-FDP schlüpfen könnte. Sie kann versprechen, das zu machen, was sich der Kanzler nicht mehr traut. Merz-Politik. Und damit wäre auch die Zielgruppe klar: jene bürgerlichen Wähler, die sich nach der Wahl enttäuscht von der Union abgewendet haben, auf die die AfD aber keine Anziehung ausübt.
Der 74-jährige Kubicki ist ein Freigeist. In der FDP ist er wohl nicht zuletzt, weil er in der kleinen Partei mit seinem großen Ego ziemlich früh und ziemlich schnell eine Stellung erringen konnte, die ihm Öffentlichkeit verschaffte. Und wahrscheinlich sieht der Schleswig-Holsteiner gerade in diesem Bestreben einen Ausdruck seines Liberalismus. Das Feld, auf dem Kubicki denn auch glänzen kann, das ist die Debatte. Er ist ein konsequenter Nonkonformist – darin kann freilich auch jede Menge Konformismus liegen – und sorgt damit seit Jahren in dem grauen Politikbetrieb für Farbtupfer. Das ist fast immer unterhaltsam, immer öfter aber auch bitter nötig. Zum Beispiel während der Corona-Pandemie. Kubicki gehörte zu den wenigen, die stets laut und deutlich vor zu viel staatlicher Restriktion warnten. Der Jurist ist ein leidenschaftlicher Verteidiger des Rechtsstaates. Kubicki ist intellektuell gewitzt, aber nicht abgehoben. Er zählt zu den ganz wenigen FDPlern, die ihre Anregungen auch noch an der Theke finden und nicht nur beim Manager-Meeting.
Kubicki will den Liberalismus populärer machen und schreckt auch nicht zusammen, wenn diese Methode Populismus genannt wird. Die FDP ahnt wohl: Sie braucht jemanden, der auf die Pauke haut, sonst haut sie bald in den Sack. Wird sie dadurch am Ende zur bloßen „Liste Kubicki“? Sie hat nichts zu verlieren. „No risk, no fun“, wohl auch eine Lebensregel, die Kubicki bei echten Liberalen verorten würde. In seiner Jugend war Kubicki übrigens beim CVJM aktiv und gab Bibelstunden, hörte dort aber auf, als kritisiert wurde, dass er eine Katholikin heiraten wollte (es war seine erste Frau, er ist jetzt in dritter Ehe verheiratet).
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