Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Würzburg

Die Sprachgemeinschaft soll herrschen

Mit der Wende zum linguistic turn fanden Sprachphilosophen ein Mittel, die Welt nach neuen Regeln ohne Metaphysik einzurichten.
Ludwig Wittgenstein, Philosoph
Foto: Ben Richards (Wittgenstein Archive Cambridge)

Als Gerhard Schröder Bundeskanzler war, benutzte er häufig das Wörtchen „Konsens“. Es sollte nicht so aussehen, als wenn jemand allein bestimmt. Die Gemeinschaft sollte handeln. Die Rede vom Konsens verdankte Schröder häufigen Gesprächen mit Jürgen Habermas, der eine Philosophie vertritt, in der die Sprachgemeinschaft eine große Rolle spielt. Aber warum spielt sie überhaupt eine Rolle?

Lesen Sie auch:

Eine Philosophie der sozialen Praxis

Es war der sogenannte linguistic turn, die Wende zur Sprache in der Philosophie, die zum Gedanken des Konsenses führte. In der klassischen Philosophie waren es der Geist, die Vernunft, der Glaube, manchmal auch die Materie, die als Kriterien für vernünftige Urteile angegeben wurden.  Die Sprache wurde um 1800 zum Thema, etwa bei Schleiermacher, Herder, Humboldt oder Hamann, aber hier eher noch im psychologischen Sinn des einfühlenden Verstehens. Das änderte sich völlig durch Namen wie Charles Sander Peirce (1839–1914) und Ludwig Wittgenstein (1889–1951). Hier blieb von der romantischen Auffassung der Sprache nur der Gedanke der Kommunikationsgemeinschaft übrig mit den Kriterien, wie wir miteinander verfahren wollen.

Diese philosophische Richtung, die im angelsächsischen Raum besonders stark ausgeprägt ist, dominiert heute etwa 80 Prozent der philosophischen Bücher. Die Theorie der „Kommunikationsgemeinschaft“ wird als eine Philosophie der sozialen Praxis verstanden, in der sich die Menschen ihre Welt nach ihren neuen Regeln selbst einrichten können. 

Das  Ergebnis des linguistic turns ist: Alle Normen sind unsere Normen, die wir in sozialer Praxis festlegen. Diesseits von aller Metaphysik.  DT/ari

Lesen Sie ausführliche Hintergründe zum "linguistic turn" in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Friedrich Schleiermacher Gerhard Schröder Jürgen Habermas Ludwig Wittgenstein

Weitere Artikel

Jesus als Weisheitslehrer: In der evangelischen Kirche gewinnt eine entkernte, liberale Theologie an Einfluss. Davor sind auch Katholiken und Evangelikale nicht gefeit.
17.04.2026, 19 Uhr
Werner Thiede
Philosophie muss nicht trocken sein. Malte Oppermann glänzt mit einem geistreichen Essay zur Frage, wie das Schlechte in die Welt kam.
19.04.2026, 15 Uhr
Sebastian Ostritsch
Zum 20. Todestag von Leo Scheffczyk wird seine Dogmatik mit Anton Ziegenaus neu aufgelegt. Bei deren Vorstellung wird die Frage aufgeworfen: Sind Dogmen heute noch verstehbar?
18.12.2025, 14 Uhr
Thomas Müller

Kirche

Ralph Brinkhaus fordert mehr Gottesbezug, Kardinal Marx hält sich lieber an die Vernunft. Doch wie jenseitig dürfen politische Ratschläge der Kirche dann noch sein?
16.05.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer verweist auf „Dynamiken“ bei der Prüfung der Satzung in den römischen Dikasterien.
16.05.2026, 12 Uhr
Meldung
Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier