Ein Streit über Tradition, Gleichberechtigung und religiöse Autonomie spaltet Spanien. Im Mittelpunkt steht die Karwoche von Sagunto, rund 30 Kilometer nördlich von Valencia, wo eine 500 Jahre alte Bruderschaft die Aufnahme von Frauen erneut ablehnte. Die Regierung droht nun mit dem Entzug des Status als „Fest von nationalem touristischem Interesse“, der seit 2004 besteht.
Am Sonntag stimmten rund 500 Mitglieder der „Bruderschaft vom Reinen Blut unseres Herrn Jesus Christus“ ab: 267 Mitglieder votierten gegen, 114 für die Aufnahme von Frauen. Daraufhin leitete das Tourismusministerium ein Verfahren ein. Die Regierung sieht mögliche Verstöße gegen Nichtdiskriminierung.
Befürworter des Ausschlusses berufen sich auf Geschichte, Eigenart und Selbstbestimmung. Das Portal „Infobae“ zitiert die Bruderschaft: Der Ausschluss sei keine Teil ihres identitätsstiftenden Charakters als traditionsreiche Männerbruderschaft. Auf Saguntos Sagunto hieß es laut Reportern „Tradition ist Tradition“ oder „Frauen könnten ihre eigene Bruderschaft gründen“.
Öffnung würde Organisation grundlegend ändern
Gonzalo Escrig, Jahresvorsteher der Bruderschaft, nennt in einem Interview mit „El País“ den Wunsch nach weiblicher Mitgliedschaft zwar „logisch“, verteidigt aber die gewachsene Form des Festes. Ältere Mitglieder hätten die Karwoche jahrzehntelang so gelebt; eine Öffnung würde Statuten und Organisation grundlegend ändern.
Konservative und kirchennahe Medien verteidigen die Position der Bruderschaft. „InfoCatólica“ sieht in der Reaktion der Regierung einen problematischen Eingriff in die innere Autonomie einer privaten religiösen Vereinigung mit über 500-jähriger Geschichte. Der Kernkonflikt liege im Verhältnis von Vereinigungsfreiheit und staatlicher Gleichstellungspolitik. Der offizielle Titel werde faktisch als Druckmittel benutzt, um die interne Ordnung einer religiösen Körperschaft zu verändern.
Auf der Gegenseite ist der Ton scharf. „El País“ nennt den Fall in einem Leitartikel unverblümt „Eine Tradition namens Machismo“. Brauch und Gewohnheit könnten niemals über dem Gleichheitsrecht stehen; was in Sagunto verteidigt werde, sei keine harmlose Folklore, sondern die Benachteiligung von Frauen unter dem Deckmantel der Tradition.
Spanischer Rundfunk kritisiert kirchliche Zurückhaltung
Ähnlich urteilt der ebenfalls regierungsnahe Rundfunk „SER“: Die Gesellschaft dürfe ein solches Veto gegen Frauen nicht hinnehmen. Der Kommentar kritisiert nicht nur die Bruderschaft, sondern auch institutionelles Zögern und kirchliche Zurückhaltung. „La Vanguardia“ erinnert an andere Feste und Traditionen, in denen Frauen männliche Exklusivrechte überwunden hätten.
Nach Berichten von „ABC“, „Infobae“ und anderen Medien stützt sich die Regierung auf den Ministerialerlass ICT/851/2019 sowie auf das Gleichstellungsrecht. Öffentlich zugängliche Einrichtungen und Veranstaltungen müssten den Grundsatz der Nichtdiskriminierung wahren. Das „Fraueninstitut“ erklärte, der Ausschluss entspreche „keiner Tradition“, sondern sei eine gesetzlich verbotene Form der Diskriminierung.
Ein „Kreuzzug“ gegen die Bruderschaft?
„El Debate“ wirft der Regierung und dem Gleichstellungsministerium dagegen Doppelmoral vor. Das Medium spricht von einem „Kreuzzug“ gegen die Bruderschaft und erinnert an einen Fall aus dem Jahr 2020, als ein Gericht einen Vertrag des Gleichstellungsministeriums wegen Diskriminierung aufhob, weil in den Ausschreibungsunterlagen ausdrücklich eine überwiegende Beschäftigung von Frauen verlangt worden sei.
Dies relativiere die moralische Eindeutigkeit der aktuellen Intervention. Der Konflikt sei nicht nur ein Gegensatz von Tradition und Gleichstellung, sondern auch ein Beispiel für die Widersprüchlichkeit staatlicher Gleichstellungspolitik.
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