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Kapuzenmänner und Choräle

Sardinien ist die zweitgrößte Insel Italiens. Während der Karwoche faszinieren vor allem die Mysterien-Prozessionen.
Sardinien
Foto: Sabine Ludwig | Wie eine Trutzburg und einer der schönsten Orte Italiens: Castelsardo.

Sardinien, eine Insel, fast zu schön, um wahr zu sein. Besonders dann, wenn es noch kaum Touristen gibt, wie es auch um Ostern herum der Fall ist. Während der Karwoche kann man zudem Zeuge geheimnisvoller Prozessionen werden. Eine davon ist die Feier des Lunissanti (sardisch für „heiliger Montag“) am Montag nach Palmsonntag. Gianpaolo Pais, Priester an der Kirche Unserer Lieben Frau in Tergu im Landesinneren, berichtet, dass die Bräuche und Feierlichkeiten in der Karwoche von spanischen Traditionen geprägt sind – Sardinien gehörte viele Jahrhunderte zur spanischen Krone – und auch mit archaischen sardischen Festen aus dem Mittelalter verschmelzen.

Das mittelalterliche Castelsardo gleicht einer Trutzburg hoch über der Küste und wird getragen von alten Festungsmauern und farbenfrohen Häusern. Das Städtchen gehört zu den schönsten und interessantesten Orten in ganz Italien und ist für jede Besucherin und jeden Besucher eine Augenweide.

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Laienbrüderschaften singen hier am frühen Morgen vor der Kirche Santa Maria ihre Choräle und machen sich nach der Frühmesse auf den Weg ins rund zehn Kilometer entfernte Tergu, wo sie bereits von Bruder Gianpaolo Pais erwartet werden. Gemeinsam mit zwei weiteren Priestern bereitet er die Messe in der Dorfkirche vor. Nur hier – in Castelsardo und Tergu – wird am Montag nach dem Palmsonntag die Messe mit den Chören zelebriert.

Bevor der Gottesdienst in der Kirche Unserer Lieben Frau beginnt, ziehen die Männer, genau wie bereits in Castelsardo am frühen Morgen, in ihren weißen Kutten und Kapuzen sowie mit Klagegesängen durch das Dorf und in die Kirche ein. Bei der sogenannten Mysterien-Prozession werden erschütternde Choräle und das Stabat Mater gesungen. Damit werden die Schmerzen der Jungfrau Maria, als sie am Kreuz stand, zum Ausdruck gebracht. „Die sieben symbolhaften Mysterien, die von der Bruderschaft getragen werden, sind Kelch, Geißel, Dornenkrone, Kreuz, Kette, eine Leiter und eine Statue. Auch ein Totenschädel ergänzt die Mysterien“, sagt Priester Pais. Seit fünf Jahren dient er an der Kirche, zu der im Mittelalter ein Benediktinerkloster gehörte. Die Gründung reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Helle und violette Kalksteinelemente prägen die Fassade des Gotteshauses. „Seit dem frühen 16. Jahrhundert gehörte Sardinien zum Königreich Spanien. Dem haben wir auch die Mysterien-Prozession zu verdanken“, ergänzt der Priester. Draußen vor dem Kirchplatz beginnt das kleine Volksfest, das jedes Jahr mit Picknick, sardischen Köstlichkeiten und Musik gefeiert wird.

Setmana santa wie in Katalonien

Rund 75 Kilometer weiter südlich in Alghero ruft die Setmana santa (wörtlich „heilige Woche“), wie die Karwoche auf Katalanisch heißt, die katalanischen Ursprünge dieser Stadt in Erinnerung. Den Auftakt am Freitag vor Palmsonntag gibt die Processione dell’Addolorata. Sie wird am Ostersonntag mit der Prozession der Statuen der Madonna und des auferstandenen Jesus abgeschlossen. Besonders beeindruckend dabei ist die Kreuzabnahme: Der Leichnam Christi wird in einer Prozession im Sarg begleitet. Bei Abenddämmerung werden in der ganzen Stadt Fackeln und mit roten Tüchern bedeckte Laternen aufgestellt.

Neben den religiösen gibt es auch besondere kulinarische Traditionen auf Sardinien. Renzo Muzzu erinnert sich an die Ostervorbereitungen von einst. Er hält ein vergilbtes Foto in der Hand, das seine Mutter beim Formen von Casadinas zeigt. Dieses typische sardische Ostergebäck wird auch heute noch mit Quark oder jungem Schafskäse, Safran oder Rosinen gefüllt. Auf dem Foto im Hintergrund steht der alte Holzofen. Auch seine Schwester und mehrere Nachbarinnen halfen beim Formen des hier typischen Ostergebäcks mit. Jedes Jahr vor den Festtagen kamen die Frauen der Familie zum Backen ins einfache Landhaus auf dem Familiengrundstück „Montesanto“ in einer bergigen Granitregion im Norden der Insel. Unmengen an Plätzchen wurden gefertigt, die im Auto für die Festlichkeiten nach Hause transportiert wurden. „Meine Mutter ist gestorben und damit auch die Tradition in unserer Familie“, sagt Muzzu. Jetzt kann dieses Gebäck in vielen Bäckereien auf der ganzen Insel gekauft werden. „Doch so gut wie die von meiner Mutter schmecken sie nicht.“

Als Hauptgang ein gebratenes Lamm

„Ostern wird aufgrund des Glaubens und der alten kulinarischen Traditionen bei uns sehr intensiv begangen. Besonders schön sind die Prozessionen, bei denen die Gläubigen Christus und die Madonna begleiten“, ergänzt Patrizia Asara aus Cannigione. Sie nennen sich „S’Intoppu“ („Die Begegnung“) und werden von örtlichen Bruderschaften organisiert. Statuen des Auferstandenen und der Madonna werden auf vielen Schultern bis zum Hauptplatz des Dorfes getragen, wo sich die Bevölkerung versammelt.

Zum Mittagessen zu Hause gibt es als Ostergericht die „Suppa cuata“. Ursprünglich war sie ein festliches Essen für die Adligen und entstand aus Schichten von altbackenem Brot, Frisch- und Hartkäse, Fleischbrühe und Gewürzen im Ofen. Als traditioneller Hauptgang wird gebratenes oder geschmortes Lamm, oft mit lokalen Kräutern gewürzt, serviert. Auf dem Tisch dürfen ein hartgekochtes Ei und selbst gebackenes, verziertes Brot nicht fehlen. „Meine Großmutter backte das Brot im Holzofen und formte verschiedene Figuren wie die Colomba oder kleine Puppen für mich. Das war sehr speziell und ich erinnere mich gerne an diese vergangene Zeit.“

Das Auto ist eine Notwenidgkeit

Die Landschaft mit dem Auto zu erkunden, ist eine Notwendigkeit. Wer die Vorfreude auf das Unerwartete langsam steigern möchte, kann mit dem Schiff ab Livorno, Genua oder Civitavecchia anreisen. Zu verdanken ist diese Möglichkeit ursprünglich der Familie Onorato, die ihren Frachtdienst zwischen Neapel und Sardinien bereits im 19. Jahrhundert etablierte. Bis heute kümmern sich die Nachfahren, mittlerweile die fünfte Generation von Reedern, um effiziente Verbindungen übers Meer.
Die Routen werden von Touristen nicht nur wegen der Mitnahme von Autos, Campern und Wohnwagen geschätzt, sondern auch aufgrund praktischer Abfahrtszeiten und des Komforts an Bord. Schlummernd über Nacht erwacht der Reisende am nächsten Morgen mit Blick auf die zweitgrößte italienische Insel. Die beliebtesten Schiffe der „Blauen Wal“-Flotte sind Moby Fantasy, Moby Aki, Moby Wonder und Moby Otta. Auch die Inseln Korsika, Elba und Sizilien werden mit der Flotte maritim bedient.

Beliebt ist vor allem die Route von Genua nach Olbia, die man als Nacht- aber auch Tagestrip buchen kann. Von Olbia sind es dann noch rund drei Stunden Autofahrt bis nach Castelsardo an der Nordwestküste. Es lohnt sich, einmal quer durchs Land zu reisen und dabei schon mal viel von traditionellen Dörfern und der sardischen Macchia, dieser ganz besonderen Gebüschlandschaft aus Myrte, wildem Fenchel, Rosmarin und Ginster, zu sehen.

Die Verfasserin ist Journalistin und Reiseautorin.

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