Bagdad

Papstbesuch im Irak: Eine Reise zu den Kindern Abrahams

Beim ersten Papstbesuch im Irak kam es auch zum ersten katholisch-schiitischen Spitzentreffen. Franziskus machte den Christen Mut. Ob er ihre Abwanderung bremsen konnte, bleibt abzuwarten.
Papst Franziskus zu Besuch im Irak
Foto: Ameer Al Mohammedaw (dpa) | In Ur warb Papst Franziskus bei einem interreligiösen Treffen für eine Geschwisterlichkeit der Gottgläubigkeit.

Jahrelang hatte der Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, Kardinal Louis Raphael Sako, den Papst zu einem Besuch im Irak gedrängt. Der fand nun statt, trotz äußerst fragiler Sicherheitslage und andauernder Corona-Pandemie. Ungeachtet der jüngsten Anschläge landete Franziskus am Freitagmittag in Bagdad, um Zeichen der Solidarität, der Brüderlichkeit und der Hoffnung zu setzen. Er kam als Mutmacher zu einer bedrängten Ortskirche, die in diesem Jahrhundert von rund 1,5 Millionen auf knapp 200.000 Gläubige schrumpfte.

In der syrisch-katholischen Kirche, wo vor zehn Jahren 48 Gläubige das Martyrium erlitten, und im nordirakischen Karakosch, wo die Christen im August 2014 binnen Stunden vor dem Terror des sunnitischen "Islamischen Staates" fliehen mussten, erinnerte der Papst an die Märtyrer, sprach den Opfern von Terror und Gewalt Trost zu. Er warnte vor den Versuchungen zu Vergeltung und Verbitterung, ermutigte zu einer missionarischen Jüngerschaft und einem aktiven Mitwirken am Aufbau der neuen Gesellschaft. "Klein wie ein Senfkorn" sei die Kirche im Irak, aber sie bereichere die Entwicklung des ganzen Landes.

Christliche Vielfalt der Konfessionen und Riten

Gegen die Tendenz zum Konfessionalismus, zur Abschottung in der eigenen Kleingruppe, pries der Papst die christliche Vielfalt der Konfessionen und Riten: Die Kirchen im Irak seien "wie bunte Fäden, die miteinander verflochten einen schönen Teppich bilden". Gott selbst sei der Künstler, der diesen Teppich gewoben habe. Ein "Zeugnis geschwisterlicher Einheit in einer zersplitterten Welt" sollten die Christen geben.

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Der Besuch des Papstes habe allen Christen gegolten, erklärt Dietmar Winkler, Professor für Patristik und Kirchengeschichte an der Universität Salzburg und einer der führenden Experten für das orientalische Christentum, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Zusammenarbeit der Konfessionen habe sich zuletzt verbessert, was durch die Anwesenheit des Patriarchen der Assyrischen Kirche des Ostens, Mar Gewargis III., bei der Messe in Erbil sichtbar wurde.

Dass der Papst in Bagdad eine Messe im ostsyrischen Ritus der Chaldäer feierte, ist für den Kenner der syrischen Kirchentradition "ein wichtiges Zeichen der Vielfalt innerhalb der katholischen Kirche". Im Westen werde weithin vergessen, dass es nicht nur den lateinischen Ritus, sondern 21 ostkirchliche katholische Riten gibt. "Das zeigt, dass die katholische Kirche die Fähigkeit hat, Gott in versöhnter Verschiedenheit zu feiern", sagt Winkler. Das von Franziskus gebrauchte Bild vom Teppich aus vielen bunten Fäden begeistert ihn: "Nur die Vielfalt kann etwas aufbauen. Über die eigene Konfession hinaus spricht der Papst alle Christen an. Und über das Christentum hinaus spricht er alle Menschen an, um gemeinsam in Frieden zu leben   weil alle Mitglieder der einen Menschheitsfamilie sind."

Geschwisterlichkeit von Juden, Christen und Muslimen

Eben dies geschah am Samstag in der antiken Ruinenstadt Ur, der Heimat Abrahams: Hier weitete Franziskus seine Vision der Einheit auf die monotheistischen Religionen aus. Unter Berufung auf Abraham als "gemeinsamen Vater in Glauben" beschwor er die Geschwisterlichkeit von Juden, Christen und Muslimen. Seine Verurteilung von Terrorismus und Gewalt begründete der Papst vor dem interreligiösen Auditorium nicht säkular, sondern religiös: "Gott ist barmherzig und die größte Beleidigung und Lästerung ist es, seinen Namen zu entweihen, indem man den Bruder oder die Schwester hasst. Feindseligkeit, Extremismus und Gewalt entspringen nicht einer religiösen Seele - sie sind Verrat an der Religion." An die anwesenden Schiiten, Sunniten, Christen sowie Vertreter von Jesiden, Mandäern und Sabäern appellierte Franziskus: "Wir Gläubigen dürfen nicht schweigen, wenn der Terrorismus die Religion missbraucht."

Dass der Papst mit der Rede von abrahamitischer Geschwisterlichkeit über die Köpfe der anwesenden Muslime hinweggeredet habe, glaubt der Islamwissenschaftler, Theologe und Jesuitenpater Christian Troll nicht. "Der Glaube, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist und dass die Menschheit von daher eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern darstellt, ist tief im islamischen Glauben verankert", meint Troll im Interview mit der "Tagespost". Auch sei Abraham "eine Schlüsselfigur in der koranischen Botschaft sowie das große Vorbild der  Gläubigen". Die Begegnung in Ur werde bei allen Muslimen guten Willens ein positives Echo hervorrufen. Noch am Samstag rühmte der Großimam und Rektor der sunnitischen Al-Azhar in Kairo die Reise des Papstes als "historischen und mutigen Schritt auf dem Pfad hin zur Brüderlichkeit aller Menschen".

Im Wallfahrtsbezirk von Nadschaf traf Franziskus erstmals einen führenden Vertreter des schiitischen Islam, Großayatollah Ali Al-Sistani. Pater Christian Troll erklärt gegenüber dieser Zeitung die Bedeutung der Begegnung: "Nadschaf ist für die schiitischen Gläubigen aller Richtungen der zentrale Wallfahrtsort, denn dort befindet sich das Grab des Imam Ali, des für die Schiiten bedeutendsten Muslim nach Muhammad. Die Schiiten, die sich der Glaubensrichtung des Großayatollah Ali Al-Sistani verbunden wissen, werden der Begegnung eine sehr große Bedeutung beimessen. Der Großayatollah steht für eine Richtung im schiitischen Islam, die sich bewusst aus der Tagespolitik heraushält, ganz im Gegensatz zum schiitischen Regime in Iran." Troll meint, dass "alle gebildeten Schiiten, welcher Richtung sie auch immer angehören, von diesem Besuch hören werden, in den Moscheen und den Medien wird er ein zentrales Thema darstellen".

Verbündete im Geiste

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Dietmar Winkler bezeichnet Papst Franziskus und Großayatollah Al-Sistani sogar als "Verbündete im Geiste", die eine Idee vereine. Ihr Treffen in Nadschaf werde "viele junge Schiiten ansprechen, nicht nur im Irak, sondern auch in den Iran hinein". Al-Sistani verzichte auf politische Machtmittel, spreche immer wieder von einer Koexistenz der Religionen und Ethnien im Irak und räume den Christen die gleichen Bürgerrechte ein. Der Papst wiederum klage, basierend auf der Botschaft Christi, die Geschwisterlichkeit aller in der einen Menschheitsfamilie ein. Aus der Kraft des Evangeliums biete er der ganzen Menschheit die Botschaft der Barmherzigkeit an.

Insbesondere im Iran, "wo Politik und Religion vermengt werden, was Al-Sistani ja ablehnt", werde die junge Generation die Begegnung von Nadschaf mit "hochgradiger Sensibilität" wahrnehmen, ist Winkler überzeugt. Er warnt davor, das theologische Niveau der Schiiten zu unterschätzen. Das sieht der Nahost-Experte Otmar Oehring, ein profunder Kenner des interreligiösen Dialogs und der islamischen Welt, ähnlich: Die Begegnung des Papstes mit Großayatollah Al-Sistani sei von Bedeutung, weil dieser die theologische Schule von Nadschaf verkörpere, die im Gegensatz stehe zur iranischen Schule von Ghom. "Sistani ist im politischen Spektrum des Irak eine wichtige Figur. Er sorgt für einen Ausgleich zwischen den Teheran-hörigen und den Teheran gegenüber kritischen Schiiten im Irak", sagt Oehring im "Tagespost"-Interview.

Der Nahost-Experte erinnert daran, dass es im Irak lange ein friedliches Nebeneinander von Muslimen, Christen, Juden und Jesiden gab. Heute seien die Christen zahlenmäßig jedoch "eine vernachlässigbare Größe". Und, so Oehring, "jedenfalls Bürger zweiter Klasse". Das Wahlrecht billige ihnen eine Quote zu, doch würden Schiiten, Sunniten und Kurden die Politik dominieren. Der Papstbesuch habe aber dazu beigetragen, den Irak wieder stärker ins Blickfeld der westlichen Politik zu rücken. Dass die irakische Regierung anlässlich des Treffens von Papst und Großayatollah den 6. März zum "Tag der Toleranz und Koexistenz" erklärte, sieht Otmar Oehring als "Hommage an den Papst, Symbolpolitik und gute Idee". Wichtiger sei aber die Frage, wie das Zusammenleben an den übrigen 364 Tagen des Jahres gelebt wird.

Keine Arbeit, viel Korruption

Bei der Versuchung zur Emigration spiele die Rechtsstellung als Christen gleichwohl eine nachgeordnete Rolle. "Es gibt keine Arbeit, viel Korruption und schlechte wirtschaftliche Voraussetzungen, um zu bleiben." Zusammen mit der faktischen Diskriminierung der Nichtmuslime und der schwachen Sicherheitslage   "der IS ist noch nicht geschlagen"   seien das starke Motive, zu emigrieren. Dennoch ist Oehring davon überzeugt, dass der Papstbesuch den Christen im Irak wieder Hoffnung und ein neues Selbstwertgefühl gegeben hat.

Der Islamwissenschaftler Troll bezieht das nicht nur auf die irakischen Christen: "Den Muslimen und den Christen im Nahen Osten hat er zweifellos Mut und Kraft vermittelt auf dem steinigen Weg des materiellen und geistig-geistlichen Wiederaufbaus ihrer Region." Der Kirchenhistoriker und Ostkirchen-Kenner Winkler hofft, dass die düsteren Prognosen der anhaltenden Abwanderung der Christen aus dem Orient nicht wahr werden. Es gehe um "eine Wiege des Christentums", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. "Wenn die Christen dort weggehen, verlieren wir unsere Wurzeln. Wir brauchen aber die Besinnung auf unsere Wurzeln, die im Orient sind." So gesehen, war die päpstliche Reise in den Irak auch eine Botschaft an die Christenheit weltweit.

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