„Eine Stadt der Barmherzigkeit bauen“ war das Motto des sechsten „Weltkongresses der Barmherzigkeit“. Er fand vergangene Woche in Vilnius statt. Einen geeigneteren Ort hätte man dafür nicht finden können als die „Stadt der Barmherzigkeit“, wo Menschen im Leiden konkret auf sie gebaut haben. Die älteren Litauer wissen, wie es sich anfühlt, wenn man gezwungen wird, ohne Gott zu leben. Die Kommunisten wollten Religion verbieten. Die Unterdrückung schärfte in dem Bewusstsein der Menschen dort besonders eins: dass der Mensch nicht ohne Gott auskommt.
Zumindest vermittelten die vollen Kirchen und hilfsbereiten, frohen Menschen in Vilnius diesen Eindruck. Viele Litauer wissen, wie sehr sie auf Gott und seine Barmherzigkeit angewiesen sind; eben eine „Stadt der Barmherzigkeit“ benötigen. Der Kommunismus ist nun Vergangenheit, dafür wächst im Moment die Sorge vor einer anderen politischen Eskalation: Der Krieg in der Ukraine ist Teil des politischen und persönlichen Alltags. Ein junger Litauer kam mit dem Rosenkranzunternehmen, in dem er arbeitet, zum Kongress. Unerwartet sind es dort seine letzten Arbeitstage. Ab Montag geht er zum Militär, heißt es beiläufig, ohne dass jemand weiter darüber klagt. Menschlich kann man ihn nicht großartig vor Gefahren schützen, das kann nur Gott. Man merkt ihm und vielen dieser osteuropäischen Menschen an: Der Glaube ist für sie kein kulturelles Relikt, sondern eine Notwendigkeit – das, worauf sie im Alltag setzen.
Ein Ort, an dem man das besonders spürt, ist die Kirche, in der das Originalbild des Barmherzigen Jesus aufbewahrt wird. Den ganzen Tag über besteht dort die Möglichkeit zu Beichte und eucharistischer Anbetung. Die Kirche ist gut gefüllt, je nach Uhrzeit findet man dort keinen Sitzplatz. Um 15 Uhr wird der Barmherzigkeitsrosenkranz singend gebetet. Tätowierte junge Männer knien reihenweise vor dem Allerheiligsten, der Glaube scheint für sie eine Selbstverständlichkeit zu sein. Menschen weinen und flehen. Wieder schlägt sich durch: Sie vertrauen voll auf Gott, hoffen nur auf ihn. Auffällig viele junge Katholiken sieht man in den Kirchen. Mehrere Hundert von ihnen helfen auf dem Barmherzigkeitskongress.
Weltlicher Überfluss verdrängt Gott
Mitten in der litauischen Hauptstadt ist in einer verlassenen Kirche eine Gemeinde für junge Menschen entstanden. Verglichen mit deutschen Kirchen oder Gemeindezentren ist das Gebäude eher heruntergekommen und spartanisch, dafür aber – anders als in vielen Teilen von Deutschland – belebt. Immer mehr junge Menschen fänden in Vilnius zum Glauben, es bildeten sich viele Gruppen, sagt eine Jurastudentin. Auch die Kirche, in der eine „alte Messe“ gefeiert wird, ist so voll, dass man kaum einen Stehplatz findet.
Auf dem Kongressgelände steht eine von den Kommunisten verschandelte barocke Kirche. Darin entstand vor knapp 100 Jahren das weltweit verbreitete Gemälde vom Barmherzigen Jesus. Immer wieder weisen Einheimische hoffnungsvoll darauf hin, dass die Kirche bald renoviert werden solle. Sie sprechen darüber ähnlich, wie man in Deutschland davon redet, dass hoffentlich bald diese oder jene Baustelle fertiggestellt werde.
Verglichen mit Deutschland ergibt sich in Osteuropa ein hoffnungsvolles Bild. Dort, wo Menschen in Gefahr sind und an ihre Grenzen stoßen, wo der weltliche Überfluss fehlt, wenden sie sich ernsthaft an Gott. Die Weltlage bietet reichlich Gründe zur Sorge. Doch der wahre Friede kommt von Gott und durch das Gebet. Das Motto „Eine Stadt der Barmherzigkeit bauen“ mag herausfordernd klingen. Doch es ist umsetzbar, wenn man auf Gott vertraut.
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