„Ich habe jetzt auch schon ganz schön lange nicht mehr an Gott gedacht“ – wahrscheinlich hatte jeder schon einmal diesen Gedanken. Selbst in einem routinierten Glaubensleben mit häufigen, geregelten Gottesdienst- und Gebetszeiten gerät Gott über all den alltäglichen Verpflichtungen und Ablenkungen nicht selten in Vergessenheit. Kaum ist man bei der Arbeit, im Gespräch mit Freunden oder am Handy, schon ist der Schöpfer der Welt vorerst ad acta gelegt. Bei solch einer Perspektive fragt man sich, wie man jemals der paulinischen Anforderung des Betens „ohne Unterlass“ (vgl. 1 Thess 5,17) gerecht werden kann. Man könnte verzweifeln und denken: „So ein hoher Anspruch ist etwas für andere, ich bin ja schließlich kein Heiliger!“
Doch gerade von den Heiligen können wir lernen, dass ein ständiges, gedankliches Kreisen um Gott schon auf Erden möglich ist – und zwar für jeden, der es möchte. Seit ich häufiger Werke von Heiligen lese, ist mir aufgefallen, dass nicht wenige Autoren fließend „Biblisch“ sprechen. Referenzen aus dem Alten und Neuen Testament werden wie selbstverständlich in Sätze eingebaut, ohne dass es gezwungen wirkt. Ein biblisches Zitat reiht sich an das nächste. Besonders die Psalmen scheinen es vielen Autoren angetan zu haben: kein Wunder, wenn man bedenkt, dass auch Jesus „in Psalmen gesprochen“ hat und noch am Kreuz den Beginn des 22. Psalms zitierte (vgl. Mt 27,46). Inspiriert von der Lektüre begann mein Interesse für das längste der biblischen Bücher zu wachsen. Hatte ich die Psalmen bis dato sträflich vernachlässigt, war nun der Zugang gefunden. Nachdem eine handliche Ausgabe der Psalmen gefunden war, war alles bereit für den Lesestart.
Die „Psalm-Biobliothek”
Ich las also immer wieder zwischendurch einen Psalm und dachte mir ab und an: „Den Vers sollte ich mir merken.“ Mit dem Gedanken im Hinterkopf, etwas biblisches Material für den Alltag mitzunehmen, stieß ich auf zahlreiche Verse, die den Charakter von Stoßgebeten haben: „Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen!“ (Ps 70,2), „Ach, Herr, bring doch Rettung! Ach, Herr, gib doch Gelingen!“ (Ps 118,25)
Im Laufe der Zeit entsteht so eine eigene kleine „Psalm-Bibliothek“, auf die man auch ohne Buch und Internet jederzeit zurückgreifen kann. Neben den hilfreichen „Stoßgebeten“ bieten die Psalmen natürlich auch Stoff zum Nachsinnen über Gott: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Ps 36,10), „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld. Der Herr ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.“ (Ps 145,8–9) Und auch an Ermahnungen an das eigene Verhalten mangelt es nicht: „Wenn der Reichtum wächst, verliert nicht euer Herz an ihn!“ (Ps 62,11), „Herr, stelle eine Wache vor meinen Mund, behüte das Tor meiner Lippen!“ (Ps 141,3)
Durch eine gewisse Regelmäßigkeit wird Gottes Wort durch solche kurzen Verse zum ständigen Begleiter. Die Routine sorgt dafür, dass in der passenden Situation das passende Zitat geradezu „in den Kopf springt“ – und schon beginnt ein kurzes Gebet, ein kurzes Verweilen bei Gott. Neben diesem „Schöpfen“ aus dem eigenen Gedächtnis lässt sich das Lesen ganzer Psalmen wunderbar in den Alltag integrieren: Eine kurze Pause bei der Arbeit, an der Uni oder in der Schule reicht für einen Psalm genauso aus wie der Aufenthalt im Wartezimmer oder an der Bushaltestelle. Nutzt man diese kleinen Freiräume, wird man sich am Tagesende wundern, wie oft man in der Bibel gelesen und an Gott gedacht hat. Wer einmal anfängt, wird schnell erste Früchte der Psalmen ernten. Daher am Ende der Aufruf, sich an die Psalmen zu wagen, oder wie es im griechischen Alten Testament heißt: „Lobet den Herrn, denn gut ist ein Psalm!“ (Ps 146,1 LXX)
Der Autor hat Altertumswissenschaften studiert und betreibt mit seiner Frau einen Online-Shop.
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