Vor einigen Tagen kolportierte der amerikanische Autor Christopher Hale ein kurioses Gerücht, das der Vatikan rasch dementierte: Bei einer Unterredung des päpstlichen Nuntius in den USA, Kardinal Christophe Pierre, habe ein Regierungsvertreter auf das Avignonesische Papsttum angespielt und indirekt gedroht, die USA könnten auf die eine oder andere Weise den Papst unter ihre (militärische?) Kontrolle bekommen, wenn dieser sich nicht freiwillig auf die Seite der USA stelle. Aus Angst vor einer Entführung werde Papst Leo, so geht die Räuberpistole weiter, vorerst auf eine Reise in sein Heimatland verzichten. Das Treffen im Pentagon fand tatsächlich statt. Gegenüber dem Blog „The Pillar“ erklärte Nuntius Pierre das Gerücht, das Pentagon habe gedroht, für haltlos, sprach aber von einem stellenweise angespannten bis aggressiven Austausch.
Das offenbar haltlose Gerücht ist nur eine Episode einer immer deutlicher zutage tretenden Dissonanz der Töne, die aus dem Weißen Haus und dem Apostolischen Palast zu hören sind. Vor einigen Wochen veröffentlichte das Weiße Haus ein Foto von Donald Trump inmitten von evangelikalen Predigern und Pastoren, die über Trump beteten. Von vielen wurde die Szene als indirekte religiöse Legitimierung auch des Irankriegs gelesen. Die religiöse Legitimierung von Kriegen lehnte Papst Leo XIV. wiederum am Palmsonntag deutlich ab.
Am Osterdienstag hatte Leo XIV. die Drohung Präsident Trumps, die iranische Gesellschaft zu vernichten, als „nicht akzeptabel“ bezeichnet. Papst Leo ist kein begeisterter Anhänger des amtierenden amerikanischen Präsidenten, so viel ist klar. Er ist aber auch nicht dessen Gegner. Sondern Papst Leo tut, was Päpste eben tun: Er agiert als Heiliger Vater der gesamten Christenheit und ruft unermüdlich zum Frieden auf – auch dann, wenn dieser unerreichbar erscheint. So ließ er auch in der Gebetsvigil am letzten Samstag keinen Zweifel daran, dass es Aufgabe der Christen ist, Frieden zu stiften und die Würde aller Menschen zu achten und zu wahren. Dabei empfahl Leo auch das Gebet als „Damm gegen jene Allmachtsphantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden“.
Das ging sicher nicht einzig und allein an Donald Trumps Adresse, aber eben wahrscheinlich auch. Jedenfalls verstand Trump selbst es so und konterte prompt auf „Truth Social“: „Papst Leo ist zu nachsichtig gegenüber Kriminalität und ein Desaster in der Außenpolitik … Ich mag seinen Bruder Louis viel lieber als ihn, denn Louis steht voll und ganz hinter MAGA: Er hat es kapiert, Leo aber nicht! Ich will keinen Papst, der es für okay hält, dass der Iran Atomwaffen besitzt.“ Ihm passe Leos „schwache Haltung gegenüber Kriminalität und Atomwaffen“ nicht. Trump wolle außerdem keinen Papst, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten kritisiert, „weil ich genau das tue, wozu ich gewählt wurde“. Weiter schreibt Trump: „Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker.“
Für Trumps Verhältnisse eine recht zahme Kritik, die ihm dennoch den offenen Widerspruch auch solcher Katholiken einträgt, die eigentlich hinter ihm stehen. So kommentierte Bischof Robert Barron auf X: „Ich denke, der Präsident schuldet dem Papst eine Entschuldigung“. Die Äußerungen Trumps seien „völlig unangemessen und respektlos“ und trügen in keiner Weise zu einem konstruktiven Dialog bei. Es sei „Vorrecht des Papstes, die katholische Lehre und die Grundsätze, die das moralische Leben bestimmen, zu formulieren.“
Was erwartet sich Trump? Loyalität?
Trumps Statement auf „Truth Social“ geht noch weiter und lässt, wenn auch keine Avignon-Phantasien, trotzdem recht deutlich durchscheinen, wie der amerikanische Präsident sein Verhältnis zum Oberhaupt der katholischen Kirche sieht: Papst Leo solle ihm, Trump, dankbar sein, denn wie jeder wisse: „Er stand auf keiner Liste der Papstkandidaten und wurde von der Kirche nur deshalb ins Amt berufen, weil er Amerikaner ist und man dachte, das wäre der beste Weg, um mit Präsident Donald J. Trump umzugehen. Wäre ich nicht im Weißen Haus, wäre Leo nicht im Vatikan.“ Ein Papst von des Präsidenten Gnaden sozusagen.
Was genau Trump aus diesem Präsidentengnadentum ableitet – Loyalität? Gefälligkeiten? –, lässt er offen. Nun ist es schwer vorstellbar, dass morgen ein Kommando von US-Spezialkräften an der Tür des Apostolischen Palasts klopft, um den Pontifex zu einem unfreiwilligen Ausflug nach Übersee abzuholen. Dennoch: Trumps Vorstellung vom Verhältnis der katholischen Kirche zu den USA und speziell von seiner eigenen Rolle als – nun was? Defensor Ecclesiae? – treten in diesem Statement deutlich zutage.
Und dass diese Vorstellung wenig mit der von der katholischen Kirche spätestens seit dem Investiturstreit vertretenen Lehre von der Trennung von weltlicher und geistlicher Gewalt oder auch der Autonomie der geistlichen von der weltlichen Sphäre gemein hat, ist offenbar auch Bischof Barron aufgefallen. Denn auch sein Statement geht weiter: Barron, der von Donald Trump in die „Religious Liberty Commission“ berufen wurde, erklärt: „Ich bin sehr dankbar für die vielfältigen Bemühungen der Trump-Regierung, auf Katholiken und andere Gläubige zuzugehen. Es war mir eine große Ehre, in der Kommission für Religionsfreiheit mitzuwirken. Kein Präsident in meinem Leben hat sich so sehr für die Verteidigung unseres grundlegendsten Rechts eingesetzt.“ Das klingt nach mehr als einem Dank – nämlich einer wohlgesetzten Mahnung an Trump, nicht an der Religionsfreiheit zu rütteln.
Im Flugzeug auf dem Weg nach Algerien äußerte sich Papst Leo persönlich zu Donald Trumps Polterei: „Ich bin kein Politiker, ich habe nicht die Absicht, mich auf eine Debatte mit ihm (Donald Trump, a. d. R.) einzulassen. Lasst uns vielmehr stets nach Frieden streben und Kriegen ein Ende setzen. Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.“ Papst Leo glaube nicht, „dass die Botschaft des Evangeliums so missbraucht werden sollte, wie es manche Menschen tun.“ Er werde sich weiterhin lautstark gegen den Krieg aussprechen, um den Frieden und den multilateralen Dialog zwischen Staaten zu fördern, damit die richtigen Lösungen für Probleme gefunden werden, so Papst Leo, der aus der Bergpredigt zitierte: „Selig sind die Friedfertigen“. Ob Donald Trump versteht, dass er für Papst Leo XIV. als Vicarius Christi nur eines unter den vielen Schäfchen ist, das der Nachfolger Christi zu hüten hat?
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