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Ein Papst für die ganze Kirche

Der Vatikan drängt auf eine Klärung der Stellung des Bischofs von Rom innerhalb der universalen Christenheit.
Papst Franziskus im Vatikan
Foto: IMAGO/ALESSIA GIULIANI (www.imago-images.de) | Das neue Studiendokument, dessen Veröffentlichung Papst Franziskus gebilligt hat, fasst zum ersten Mal die Reaktion der anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften auf die von Johannes Paul II.

Die katholische Kirche ist bereit, mit anderen christlichen Konfessionen einen Dialog über den Primat des Bischofs von Rom aufzunehmen. Auch auf Grundlage einer „neuen Lektüre“ des Ersten Vatikanums oder eines „offiziellen Kommentars“ zu diesem Konzil, wobei klar zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten des Papstes unterschieden werden und die Synodalität „ad intra“ und „ad extra“ zu stärken wäre.

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Diese „Vorschläge“ des Vatikans liegen nun auf dem Tisch. Sie finden sich im letzten Kapitel des Studiendokuments des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen mit dem Titel „Der Bischof von Rom. Primat und Synodalität in den ökumenischen Dialogen und Antworten auf die Enzyklika ,Ut unum sint‘“. Der Text, dessen Veröffentlichung Papst Franziskus gebilligt hat, fasst zum ersten Mal die Reaktion der anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften auf die von Johannes Paul II. 1995 verfasste Ökumene-Enzyklika zusammen. Und am Ende lädt das neue Dokument dazu ein, diese „praktischen Vorschläge“ ernsthaft zu prüfen, damit „ein erneuertes Verständnis und eine neue Ausübung des päpstlichen Primats zur Wiederherstellung der christlichen Einheit beitragen können“. 

Primat gehört zum Wesen der Kirche

Das Dokument baut auf dem Dialog auf, der in den letzten Jahrzehnten gereift ist. Es stellt fest, dass „die Frage des Primats im Gegensatz zu den Polemiken der Vergangenheit nicht mehr nur als ein Problem, sondern auch als eine Gelegenheit zum gemeinsamen Nachdenken über das Wesen der Kirche und ihre Sendung in der Welt gesehen wird“. Der Text stellt auch fest, dass „das Petrusamt des Bischofs von Rom ein wesentlicher Bestandteil der synodalen Dynamik ist, ebenso wie der gemeinschaftliche Aspekt, der das ganze Volk Gottes einschließt, sowie die kollegiale Dimension des bischöflichen Amtes“. 

Zur Frage der Unfehlbarkeit stellt das Dokument fest, dass die auf ökumenischer Ebene geführten Dialoge „die Formulierung des Unfehlbarkeitsdogmas klären konnten und sogar in einigen Aspekten seiner Zielsetzung übereinstimmen, indem sie die Notwendigkeit anerkennen, unter bestimmten Umständen das Lehramt persönlich auszuüben, da die christliche Einheit eine Einheit in Wahrheit und Liebe ist“. Trotz dieser Klarstellungen werden in den Dialogen jedoch weiterhin Bedenken hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Unfehlbarkeit und dem Primat des Evangeliums geäußert".

Bei der Vorstellung des Dokuments am Donnerstag durch die Kardinäle Kurt Koch, dem Präsidenten des Ökumene-Dikasteriums, und Mario Grech, dem Generalsekretär des Generalsekretariats der Synode, sprachen auch zwei Vertreter anderer christlicher Konfessionen: der Bischof der Armenischen Apostolischen Kirche, Khajag Barsamian vom Katholikat von Etschmiadzin in der Türkei, und der Anglikaner Ian Ernest als persönlicher Vertreter des Erzbischofs von Canterbury in Rom. Der Armenier Barsamian begrüßte die Idee, „klarer zwischen den verschiedenen Funktionen des Papstes zu unterscheiden, zum einen als Patriarch der lateinischen Kirche, zum anderen als Diener der Einheit zwischen den verschiedenen Kirchen und schließlich als Staatsoberhaupt“

Insbesondere würdigte er „die Wiederaufnahme des Titels ,Patriarch des Westens‘ in die Liste der historischen Titel des Papstes“, da dies „seine Brüderlichkeit mit den anderen Patriarchen bezeugt“, sowie „das Beharren von Papst Franziskus auf seinem Amt als Bischof von Rom, denn als Bischof von Rom, der Kirche, ,die der Nächstenliebe vorsteht‘, wie Ignatius von Antiochien im Brief an die Römer sagt, ist der Papst dazu berufen, der Gemeinschaft der Kirchen zu dienen“. Der Wunsch der armenisch-apostolischen Kirche sei es daher, dass dieses Dokument „einen neuen Anstoß gibt, um gemeinsam über ein neues Modell nachzudenken, ein Modell nicht der Jurisdiktion, sondern der Gemeinschaft“.

Kardinal Grech erinnerte daran, dass laut dem Synthesebericht der römischen Synodenversammlung von 2023 „das Petrusamt [...] der synodalen Dynamik innewohnt“ und betonte, wie „Synodalität, Kollegialität und Primat sich aufeinander beziehen: Der Primat setzt die Ausübung der Synodalität und der Kollegialität voraus, so wie beide die Ausübung des Primats implizieren“. Für den aus Malta stammenden Kardinal „deuten diese Elemente auf eine neue Art der Ausübung des Petrusamtes hin, die die Kirche durch den synodalen Prozess bereits anerkennt“. 

Unfehlbarkeit der Kirche

In seiner Antwort auf die Fragen von Journalisten betonte Kardinal Koch, dass „für alle Christen klar ist, dass das Haupt der Kirche Christus ist“. Die erste Aufgabe des Bischofs von Rom sei es, „Christus zu gehorchen und die ganze Kirche dazu anzuleiten, dasselbe zu tun“. Der Primat „in“ der Kirche sei „stattdessen etwas anderes“, und dies sei das Ziel des ökumenischen Weges. Der Schweizer Kardinal erinnerte daran, dass das Zweite Vatikanische Konzil „von der Unfehlbarkeit der Kirche“ spricht und wies darauf hin, dass „der Papst keine andere Unfehlbarkeit hat als den Glauben der katholischen Kirche“. Schließlich rief Koch dazu auf, zwischen „der patriarchalen Dimension“ und „dem Titel ,Patriarch des Westens““ zu unterscheiden, einem Titel, der heute auch deshalb eine „historische“ Bedeutung habe, weil sich die Mehrheit der katholischen Kirche nicht mehr im Westen, sondern in Lateinamerika und anderen Kontinenten befinde.


Der Autor ist Vatikanberichterstatter und arbeitet in Rom.

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