Diskussion zum Synodalen Weg

Muss die Kirche von der Demokratie lernen?

Der Kirchenrechtler Christoph Ohly diskutiert mit der Staatsrechtlerin Charlotte Kreuter-Kirchhof über den Synodalen Weg. Trotz respektvoller Diskussion werden Unterschiede deutlich sichtbar.
Charlotte Kreuter-Kirchhof
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Für die Juristin Kreuter-Kirchhof, die auch Mitglied des Wirtschaftsrates im Vatikan ist, hat das Ziel, einen Synodalen Rat einzurichten, entscheidende Strahlwirkung.

Soll der Synodale Weg erfolgreich beschritten werden, steht für Gianluca Carlin, Pfarrer des Kirchengemeindeverbands Bad Godesberg, fest: „Dann müssen wir einander zuhören, verstehen, was der andere meint und darüber ins Gespräch kommen.“ 

Deshalb hat der Seelsorgebereich Bad Godesberg eine besondere Reihe aufgelegt: „Quo vadis Ecclesia“. Im Pastoralen Zentrum St. Marien sollen Gegensätze und Gemeinsamkeiten aufgezeigt und diskutiert werden – von Experten, von der Gemeinde. Da ist Kontroverse erlaubt. Den Auftakt machten am Dienstagabend die Staatsrechtlerin Charlotte Kreuter-Kirchhof (Uni Düsseldorf) und der Kirchenrechtler Christoph Ohly (Rektor der Kölner Hochschule für Theologie). Deren Thema: „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“.

Spannungsverhältnis von Macht und Vollmacht

Wohin geht die Kirche? Die Frage nach der Wegrichtung, die die katholische Kirche einschlagen wird, beschäftigt Christen. Die, die in der Kirche noch eine Heimat haben, aber auch die, die ihr enttäuscht den Rücken gekehrt haben. Die katholische Kirche in Bad Godesberg möchte sich den schwierigen und heiß diskutierten Fragen in den kommenden Monaten stellen. Die Idee der Reihe: Je zwei Vertreter konträrer Positionen nehmen diese öffentlich ein, um anschließend diese miteinander zu erörtern und mit dem Publikum zu diskutieren. 

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Kreuter-Kirchhof und Ohly legten ihre Punkte pointiert dar, zollten einander Respekt, skizzierten nachvollziehbar, dass der gemeinsame Ausgangspunkt Jesus Christus als Quelle ist. Doch in der Folge wurden Unterschiede ebenso deutlich sichtbar.
 
Wie kann Macht im Raum Kirche ausreichend begrenzt, kontrolliert und geteilt werden, sodass kirchliches Handeln seinem Auftrag, der Stiftung einer spirituellen und solidarischen Gemeinschaft, gerecht wird, und der Missbrauch von Macht verhindert werden kann? Muss die katholische Kirche hier von demokratischen Grundprinzipien lernen und diese in ihre Struktur einbauen? Aber ist Kirche in allen Dimensionen mit einem Staat vergleichbar? In welchem Verhältnis stehen „Macht“ und „Vollmacht“? In diesem Spannungsfeld bewegten sich die beiden Juristen und kamen an zentraler Stelle zu unterschiedlicher Bewertung. 

"Die Debatte ist in Bewegung gekommen"

Kreuter-Kirchhof war es vorbehalten, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der gut besuchten Veranstaltung auf den Synodalen Weg „einzustimmen“. Sie ist Mitglied des Synodalforums und somit eng in den bisher zweieinhalb Jahre laufenden Prozess eingebunden. Sie erinnerte aber eingangs auch daran, was der Ausgangspunkt war, diesen Weg überhaupt einzuschlagen, nämlich die Studie, die der katholischen Kirche Kindermissbrauch über Jahrzehnte hinweg als systemisches Problem nachwies. Sie stimme der Einschätzung des Münchner Kardinals und Erzbischofs Reinhard Marx zu: „Die Kirche ist an einem toten Punkt.“ 

Ohly verzichtete bei seiner Einlassung komplett auf die Gründe, warum sich die katholische Kirche auf den synodalen Weg begeben hat. Er wundere sich über Äußerungen von Würdenträgern, die beifallheischend erklären würden, Macht abgeben zu wollen. „Macht, die sie nicht haben. Ihnen ist Vollmacht übertragen worden – wie Jesus Christus sie den zwölf Aposteln übertragen hat.“

Kreuter-Kirchhof widmete sich insbesondere der Frage, „wie der tote Punkt“ überwunden werden könne. Auf dem Synodalen Weg würden sich Bischöfe und Gläubige gleichermaßen dieser Aufgabe stellen. Das Besondere im Verfahren: Alle Texte und Veränderungen müssten im Prozess mit großer Mehrheit beschlossen werden. „Zwei Drittel der Bischöfe müssen zustimmen, zwei Drittel der Gläubigen“, merkte sie an. Beim jüngsten Synodalforum in Frankfurt sei dieses Quorum bei den Bischöfen in einer Frage verfehlt worden. „Dem hat sich aber eine intensive Diskussion angeschlossen, die mir zeigt, dass die Debatte in Bewegung gekommen ist“, bleibt Kreuter-Kirchhof hoffnungsfroh, dass der Synodale Weg im März 2023 erfolgreich abgeschlossen werden könne. 

Ohly erinnert an Selbstverständnis der Kirche

Für die Juristin aus Düsseldorf, die auch Mitglied des Wirtschaftsrates im Vatikan ist, hat das Ziel, einen Synodalen Rat einzurichten, entscheidende Strahlwirkung. „Bischöfe und Gläubige beraten gemeinsam und sie entscheiden gemeinsam.“ Das stärke Synodalität nachhaltig: „Gemeinsam beten. Gemeinsam beraten. Gemeinsam entscheiden.“ 

Kirche sei keine Partei, wo Machtinteressen mit Mehrheitsabstimmungen verfolgt würden. „Es geht auch nicht darum, für etwas zu sein, das bei den Menschen besonders gut ankommt“, so Ohly. Er strich das Selbstverständnis der katholischen Kirche heraus und die Verantwortung, die den Würdenträgern übertragen worden sei. „Der Gehorsam aller gegenüber Jesus Christus ist Gewähr unserer Freiheit“, befand er.  Und: Die geistliche Vollmacht sei in dem Bewusstsein der Berufung der Apostel begründet. Daraus sei auch die Rolle der Bevollmächtigten – nämlich Priester und Bischöfe - in der Leitung der Gläubigen abzuleiten.

Und so blieb am Ende schließlich ein markanter Unterschied in diesem ersten „Disput“ stehen: Während Kreuter-Kirchhof gemeinsames Beraten und Entscheiden als Wesen des Synodalen Wegs herausstrich, betonte Ohly, dass das gemeinsame Beraten – wie in Diözesan- oder Pfarrgemeinderäten – schon gelebt werde. Die Entscheidung bleibe bei Bischof oder Pfarrer. „Diese Vollmacht ist der Dienstauftrag am Heil der Menschen.“


Die Reihe „Wohin gehst Du, Kirche“ wird am 24. September in Bad Godesberg fortgesetzt – mit einer Gesprächsrunde in der Gemeinde.

Weitere Termine: www.forum-godesberg.de

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